FLÖRSHEIM (al) – Für die über 800 Menschen war der Info-Abend mit den Vertretern des Regierungspräsidiums zu den angeblich anstehenden Schallschutzmaßnahmen eine einzige herbe Entäuschung. Ihnen blieb mit zunehmendem Wissensstand – kein Schallschutz, keine Zuschüsse – nur die Möglichkeit, ihrer Wut und ihrer Empörung Lauf zu lassen. Sie haben einen Riesenprass auf eine als unanständig und barbarisch, gar terroristisch empfundene Politik, die das Gemeinwesen Flörsheims zerstört und seine Bürger dem wirtschaftlichen Vorteil eines Unternehmens opfert.
Zwei Gewissheiten breiteten sich aus: Die allermeisten Hauseigentümer in Flörsheim-Nord werden keinen zusätzlichen Schallschutz beziehungsweise keine Zuschüsse bekommen. Denn dort galten schon beim Hausbau Dämmvorschriften, die weitergehen als das, was Politik, Behörden und Wirtschaft nach der Inbetriebnahme der neuen Landebahn für notwendig erklären. Um den Flughafen wirtschaftlich nicht zu überfordern reicht jetzt eine Dämmung, die 35 (Neubauten) oder 32 Dezibel (Altbauten) abschirmt – in Flörsheim-Nord sind aber schon mindestens 38 Dezibel abgeschirmt. Da weiß der Behördenmensch: Flörsheim ist erledigt.
Daraus resultiert die zweite, noch elendere Gewissheit: Weil die meisten es in ihren – laut Gesetz geschützten – Wohnungen unter der Anfluglinie schon jetzt nicht mehr aushalten, ist Flörsheim in weiten Teilen unbewohnbar und hat keine Aussicht auf Änderung. Das geringste Problem ist noch, keine Ruhe zu finden oder nicht schlafen zu können. Doch ist auch das nicht auf Dauer auszuhalten. „Irgendwann muss ich mich doch erholen“, hieß es. Manche schilderten Angstzustände und Alpträume, Schweißausbrüche und Herzrasen. Manche schilderten, wie auch die Kinder leiden und quengeln oder weinen, wenn sie nicht schlafen können. Stehen Klassenarbeiten an, prüfen Väter die Erfolgsaussichten, indem sie nachgucken, woher der Wind wehen wird. Eines haben fast alle gemeinsam: Dieses schreckliche Erwachen – es ist fünf Uhr, Flörsheim wird mit diesem schrecklichen Brummen aus der Luft geweckt.
Für viele gibt es noch die dritte Gewissheit, dass ja alles noch schlimmer wird, weil Flörsheim (und all den anderen betroffenen Kommunen) im kommenden Frühjahr vom Bundesverwaltungsgericht auf Betreiben der Landesregierung auch noch das Nachtflugverbot genommen wird. „Die Abwanderung hat schon begonnen“, hieß es.
Die Beamten aus dem Regierungspräsidium hörten sich all diese Schilderungen scheinbar teilnahmsvoll an. Sie schienen nicht gewusst zu haben, dass sie umsonst nach Flörsheim kommen, weil es hier keine weiteren Schallschutzmaßnahmen geben wird. (Offen blieb die Frage nach den Entschädigungen für die Außenbereiche, weil es dafür noch keine Rechtsverordnung gibt.) Sie ertrugen die Aggressionen aus dem Publikum und verwiesen darauf, dass die Verantwortlichkeiten bei der Politik und nicht bei der Verwaltung liegen. Trotzdem hoffen die Flörsheimer jetzt, dass die Behördenmenschen ihre Klagen an diejenigen weitergeben, die eventuell doch noch Entscheidungen zur Milderung ihrer Belastungen treffen. Die hatten ja auch für vieles jede Menge Verständnis geäußert, zum Beispiel für die Kritik daran, dass erst die Landebahn gebaut und dann über Schutzmaßnahmen debattiert wird, die zu allem Überfluss erst fünf Jahre nach der Bahneröffnung bezuschusst werden sollen. Darmstädter Zuspruch, als Trost gedacht und als Hohn empfunden: „Sie könnten schon vorher bauen, müssten dann aber vorfinanzieren.“
„Wir bekommen gar nichts. Das ist doch unglaublich“, empörten sich die Flörsheimer. Und wenn wider Erwarten doch, stelle sich die Frage, „was sollen wir in den fünf Jahren machen, bis das Geld kommt?“
Auf die Frage, warum es bei Straßenlärm mehr Schutz und mehr Zuschüsse gebe, kam von Darmstadt die verblüffende Antwort: „Beim Straßenbau bezahlt das der Staat, beim Fluglärm die Fraport.“
Der Flörsheimer Zusammenhalt ist in diesen schlimmen Zeiten gewachsen, und der Flörsheimer Kampfgeist wächst noch. „Es ist an der Zeit, laut zu werden“, rief Silke Bolender von der neuen BI den über 800 Menschen in der Stadthalle zu. Sie warb für die Montagsdemonstrationen im Flughafenterminal: „Bringen wir der Fraport den Lärm zurück!“ Auch für die BI ist die Schließung der Landebahn das Ziel. „Das ist die einzige Chance für Flörsheim, in die Normalität zurückzufinden“, so Bolender.
Manche hoffen auch, dass endlich Druck genug auf die Luftverkehrswirtschaft entsteht, für aktiven Lärmschutz zu sorgen, zum Beispiel mit leiseren Flugzeugen oder leiseren Start- und Landeverfahren.
Bürgermeister Michael Antenbrink jedenfalls riet, solchen Druck auch mit Anträgen auf Schallschutz zu machen, „ob sie genehmigt werden oder nicht“.
Druck soll auch dadurch entstehen, dass „die Landespolitiker“ bei der nächsten Wahl „die Quittung kriegen“. Mindestens „unseren“ Wahlkreisabgeordneten Axel Wintermeyer sollte es treffen, meint man in der Stadt. Denn wenn er in den Mainstädten nicht mehr gewählt wird, könnte es ihn das Direktmandat kosten.
Aus seinem Umgang mit hochrangigen Politikern, Ministerialen und Lobbyisten vermochte Für-Flörsheim-Anwalt Dr. Martin Schröder noch einen indirekten Rat ableiten: „Was die wirklich beeindruckt hat, das war Stuttgart 21.“

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