Ein größerer Anteil Politik, ein wenig Unterhaltung und dann viel Ehre, wem Ehre gebührt, vornehmlich durch sein ehrenamtliches Engagement. Der Bürgerempfang in der Stadthalle ist an jedem 3. Oktober die Form des Begehens des Tags der Deutschen Einheit, die sich in Flörsheim etabliert hat. Der Mix sorgt für ein knapp zweistündiges Programm, das inhaltlich nicht vornehmlich mit dem Nationalfeiertag in Verbindung steht – abgesehen vom Abschluss mit dem Abspielen der Nationalhymne.
Bürgermeister Bernd Blisch ging in seiner Begrüßungsrede ebenso vor allem auf die Leistungen der zu Ehrenden für die Gemeinschaft ein. „Jeden Tag gibt es Angebote in der Stadt, dank der Ehrenamtlichen“, betonte er. Aus den politischen Gremien, hatte er zuvor bekannt, kennt der Bürgermeister auch weniger konstruktiv wirkendes ehrenamtliches Engagement. Verhältnisse wie in Raunheim gebe es in Flörsheim zwar nicht. Er habe aber gerade bei der jüngsten Sitzung den Eindruck gewonnen, dass es keinen gemeinsamen Nenner mehr gebe. Die Kommunalpolitik sei „gefühlt in einer Dauerkrise“.
"Ehrenamt ist kein Zaubertrick“, schloss er seine Begrüßung – und leitete damit zum Entertainment-Auftritt von Michelle Spillner über, die ihrem Vortrag diesen Titel gegeben hatte. Die Frankfurter Zauberkünstlerin hat sich einige Jahre im Vorstand des Magischen Zirkels von Deutschland (MzvD) engagiert, der Vereinigung der Berufs- und Amateurzauberkünstler. Sie nennt sich selbst allerdings „Universalkünstlerin“, weil bei manchen ihrer Bühnenauftritte die Zauberkunst eher der Aufhänger ist, um die Zuhörerschaft hineinzuführen in die Botschaften, die sie vermitteln will.
Da geht es eher um Werkzeuge zum Bewältigen des Alltags oder auch bei der Ausübung eines Ehrenamts in verantwortlicher Position, wobei es auch um die Kommunikation mit den Mitgliedern geht. „Angebot und Störung“ waren ihre beiden Arbeitsbegriffe mit Konfliktpotenzial, denn wer will sich schon bei einem Vortrag als Vereinsvorständler/in oder auch Workshopleiter/in von ungebetenen Kommentaren oder Kritik aus dem Konzept bringen lassen? Solche negativen Resonanzen sollten als Angebot statt als Störung wahrgenommen werden, empfiehlt Spillner. „Nur so bekommen wir eine Entwicklung hin.“
Letztlich gehe es dabei um die Unterscheidung von Weg und Ziel. Die Störungen könnten das Gefühl auslösen, dass es mit dem Erreichen der Ziele nicht klappen wird. Werden sie aber für Erkenntnisse genutzt, was sich verändern muss, „dann besteht die Chance, dass es mit dem neuen Plan besser wird“. Manchmal will die Wahrheit eben erst entdeckt werden. Dass sich die Inhalte verändern können und dennoch alles noch in den vorgegebenen Rahmen passen kann, zeigt das von ihr vorgeführte „Frei-Haus-Puzzle“, bei dem sich durch Verschieben der geometrischen Elemente, die ein Rechteck bilden, erstaunliche Lücken auftun, die sich durch zusätzliche Platten füllen lassen.
Mit solchen Paradoxien spielt auch die Zauberkunst, allerdings präsentierte Spillner dem Flörsheimer Publikum hier die Auflösungen der Rätsel, so warum sich beim Stopfen eines roten Tuches in die Faust dieses sich dort scheinbar in ein Hühnerei transformiert – ein Loch in der Eierschale verrät, wohin das Tuch verschwunden war.
Ehrungen in sechs Kategorien
Ganz präsent auf der Bühne und sicherlich auch in ihrer Aufgabe waren die Ehrenamtlichen aus Flörsheimer Vereinen oder für Institutionen, die sich in dieser Arbeit eine Auszeichnung verdient hatten. Hierzu überreichten der Bürgermeister sowie Stadtverordetenvorsteher Michael Kröhle Urkunden in verschiedenen Kategorien, um möglichst viele Bereiche im Blick zu behalten, in denen zu belohnendes Engagement täglich geleistet wird.
So wären zum Beispiel die Auszuzeichnenden der Kategorie „Schülerinnen und Schüler der Flörsheimer Schulen.“ Hier wurden die Aktiven im noch relativ neuen Kinderparlament hervorgehoben. Je zwei Dritt- und Viertklässler der vier Grundschulen in der Stadt kommen in dem Gremium zusammen. Im einzelnen waren dies im Schuljahr 25/26:
Goldbornschule: Lilly Sophie Hohlfeld, Klara Marie Lanz, Julian und Nicklas Zschaler.
Paul-Maar-Schule: Semih Talha Classen, Hannah Kuchta und Marija Suton.
Riedschule: Letizia Adele Gross, Laura Hartmann, Julius Hofmann und Valerie Schmithals.
Schule am Weilbach: Maurice Bischoff, Tim Knispel, Anton Marx und Ole Reidelbach.
Hervorgehoben auf der Bühne wurden die Schülerinnen und Schüler, die als Viertklässler des vergangenen Schuljahres ihre Arbeit im Kinderparlament wegen des Wechsels in eine weiterführende Schule beenden mussten.
Stavroula Gogou Von der Sophie Scholl-Schule wurde Stavroula Gogou geehrt, die mit einer Mitschülerin „selbstständig und mit sehr großem Engagement ein Fußballturnier der Abschlussklassen geplant und organisiert“ hatte, an dem auch ein Lehrkräfteteam teilnahm.
„Damit haben die Schülerinnen für die Abschlussklassen und die Lehrkräfte ein Event gestaltet, das für den Zusammenhalt und Schulkultur der Sophie-Scholl-Schule überaus förderlich war“, heißt es in der Begründung für die Auszeichnung des Organisationstalents.
Dank und Anerkennung
In dieser Kategorie geht es darum, die Arbeit engagierter Bürgerinnen und Bürger zu beleuchten.
Edgar Kersting und Eckard Kiel: Sicherheitsberater für Senioren.
Die Sicherheitsberater für Senioren informieren vor allem bei Veranstaltungen seit zehn Jahren bereits über kriminelle Maschen (z.B. Enkeltrick), über die Gefahren, die im Internet lauern, den Angeboten zum Opferschutz und dem, worauf Seniorinnen und Senioren im Straßenverkehr achten sollten. „Die ehrenamtlichen Sicherheitsberater sind ein wichtiger Baustein der Präventionsarbeit und tragen wesentlich zur Sicherheit im Main-Taunus-Kreis bei“, heißt es in der Begründung für die Auszeichnung.
Michael Mitter und Julius Weitzel: Wildschadenschätzer.
Ein Aufgabe, von der die meisten Bürgerinnen und Bürger vermutlich noch nichts gehört haben, füllen Julius Weitzel (seit 2011) und Michael Mitter (seit 2012) mit dem Amt des Wildschadenschätzers aus.
Ihre Aufgabe ist es „Schäden, die durch Wildtiere an landwirtschaftlichen Kulturen entstehen, neutral und fachlich fundiert zu begutachten“. Damit leisteten die beiden, im Mai für vier weitere Jahre bestellt, einen wichtigen Beitrag zur Lösung von Konflikten, die zwischen Jägern und Landwirten entstehen könnten.
Weil sich in den Stadtteilen keine eigenen Freiwilligen für die Aufgabe fanden, sind Weitzel und Mitter derzeit auch für Wicker und Weilbach zuständig.
Diana Petersen: Vorsitzende des Inklusionsbeirates.
Nach Abschluss ihres Engagement als Vorsitzende des neu eingerichteten Inklusionsbeirates der Stadt wurde Diana Petersen geehrt. In die Funktion wurde sie im Dezember 2023 gewählt und schied am 31. März 2026 aus, da ihr Kind aus dem Kitaalter herausgewachsen war. Petersen war als Vertreterin der Kitas in den Beirat gewählt worden.
Berufung zu Sport-Coaches
Mohammad Nabeel Al Hamad und Christian Backes: Sport-Coaches.
Am Landesprogramm „Sport integriert Hessen“ nimmt die Stadt Flörsheim seit 2016 teil. Es soll zum einen die Integration von Zugewanderten, zum anderen sozial Benachteiligte in der Kommune fördern. Sport-Coaches koordinieren die Angebote und stellen die Verbindung zwischen den Betreuten und den Sportvereinen her.
Christian Backes übernahm 2017 die Aufgabe. Al Hamad, 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen und auch als Integrationslotse für die Stadt tätig, stieß 2019 dazu.
Ehrenplakette des Landes Hessen
Jubiläen der Feuerwehren: Der Stellvertretende Kreisbrandinspektor Thomas Rieger ehrte alle drei Flörsheimer Feuerwehren. Die Ehrenplakette verleiht das Land Freiwilligen Feuerwehren und Feuerwehr-Fördervereinen, die ein rundes Jubiläum (ab 100 Jahren) feiern.
So wurden die Jubiläen der Weilbacher Wehr in diesem Jahr und der Wickerer Wehr vom vergangenen Jahr gemeinsam als Anlass für die gemeinsame Auszeichnung genommen. Und damit niemand zurücksteht, wurde auch das 100-jährige Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Flörsheim nachträglich anerkannt - das war 2015.
Mit der Auszeichnung würden die „langjährigen Verdienste für die Sicherheit der Bevölkerung vor Ort gewürdigt“, betonte Rieger.
Preis für bürgerschaftliches Engagement
Team des Repair-Cafés Flörsheim: Mitbegründer Olaf Schmehl und Organisationsleiter Martin Weber.
Nachhaltigkeit und „das Ziel, defekte Geräte und Spielsachen zu reparieren“, stehen im Vordergrund der Arbeit des Repair-Cafés, das seit September 2019 jeden zweiten Samstag im Monat im Mehrgenerationentreff am Rathausplatz öffnet. Gut zwei Drittel der vorgestellten Gegenstände werden von den Mitwirkenden funktionstüchtig übergeben. Anfang Juli gab es im Repair-Café ein Jubiläum zu feiern, zum 50. Mal bot das Team, das bis heute weitgehend dem der ersten Jahre entspricht, seine Dienste an.
Stadtplaketten
Das Ehrenamt ist nicht der einzige Weg, beim Bürgerempfang eine Auszeichnung zu erhalten. Die „Stadtplakette“ geht an Flörsheimer Unternehmen, die ein höheres Jubiläum ihres Bestehens zu feiern haben.
Peter Simoni und Christian Fey: Die Firma „Simoni Elektrotechnik“ wurde 1976 von Peter Simoni gegründet, der heute noch Mitinhaber ist. Seit 2015 ist sein Schwiegersohn Christian Fey als Geschäftsführer in der Firma. Die Ehrenordnung der Stadt sieht für das Jubiläum die Stadtplakette in Bronze vor.
Klaus und Sven Press: Die Weilbacher Metzgerei Press feiert in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen. 1926 von Josef Press gegründet, war das Geschäft zunächst in der Schloßstraße zu finden, später in der heutigen Frankfurter Straße. 1960 zog das Geschäft in das heutige Anwesen Frankfurter Straße 11 um. Sven Press ist seit 2018 in vierter Generation Inhaber des Familienbetriebs. Mit dem 100-jährigen Bestehen steht der Metzgerei Press die Stadtplakette in Gold zu.
Kröhles Kritik am Bildungssystem
Den Abschluss des Bürgerempfangs bildet in der Regel die Rede des Stadtverordnetenvorstehers. Michael Kröhle äußerte zunächst seine Besorgnis über die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, besonders aber das in Berlin. „Der Feind steht am rechten wie am linken Rand“, betonte er, verließ aber schnell die aktuelle Politik und befasste sich mit einem grundsätzlichen Aspekt, den er für bedrohlich hält: eine fehlende Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem.
Das beanspruche für sich dafür zu sorgen, dass „Talent und Fleiß, nicht Herkunft und Umfeld zählen“. Dieses Versprechen erfülle das System aber nicht. Die angestrebte Gleichheit werde auf einem Niveau hergestellt, indem nicht gefördert, sondern nivelliert werde. Er verglich dies mit einem 100-Meter-Lauf, „bei dem sich alle an die Hand nehmen, um das Ziel gemeinsam zu erreichen“.
Kröhle forderte eine gezielte Sprachförderung vor dem Schuleintritt. Die Potenziale der Schülerinnen und Schüler nicht zu nutzen sei für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland gefährlich, gefährde letztlich den Wohlstand. Jährlich verließen 290.000 Menschen das Land, weil sie keine berufliche Zukunft sähen. Die von ihm geforderte Start-Chancengleichheit ernst zu nehmen „stärkt nicht nur den einzelnen, sondern das ganze Land“.
Musikalischer Beitrag aus Wicker
Fünf bekannte Songs interpretierte die Wickerer Sängerin Helen Schulschenk zur musikalischen Umrahmung des Programms. Zur Einleitung des Empfangs intonierte sie "Voila" von Barbara Pravi, nach Spillners Auftritt "Valerie" (Amy Winehouse) und "I Will Survive" (Gloria Gaynor) sowie vor der Schlussansprache "Stand by me" von Ben E. King und "You raise me up", das durch Josh Groban bekannt ist.




Kommentare