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Flörsheims Cleverle wird 80

Lösungsorientierte und listige Kommunalpolitik – Norbert Hegmann hat allerhand zu erzählen

Der langjährige Kommunalpolitiker und Erste Stadtrat Norbert Hegmann freut sich auf die Feier seines 80. Geburtstags am 10. Juli.

Er war der letzte Bürgermeister Weilbachs. Er gehörte zu jenen, die an der Wiege der neuen Stadt Flörsheim mit ihren Stadtteilen Wicker und Weilbach standen. Er war 18 Jahre Erster Stadtrat in Flörsheim. Er war 13 Jahre Stadtverordneter. Er ist ein Urgestein der Kommunalpolitik. Norbert Hegmann, der am 10. Juli seinen 80. Geburtstag feiert, hat demgemäß allerhand zu erzählen.

Obschon auch nach einigen Jahren im Ruhestand sein Interesse an der Flörsheimer Kommunalpolitik ungebrochen ist, ging Norbert Hegmann gegenüber den Pressevertretern, die er am Montagvormittag wegen seines nahenden runden Geburtstages zu einem Gespräch geladen hatte, nicht auf aktuelle kommunalpolitische Themen ein. Dafür erfuhr insbesondere sein Leistungsnachweis als Weilbacher Bürgermeister umso höhere Aufmerksamkeit.

Norbert Hegmann wurde am 10. Juli 1939 in Ludwigshafen geboren, er wuchs im Stadtteil Oggersheim auf. Sein beruflicher Werdegang führte den mit zahlreichen Ehrenämtern betrauten und im gehobenen Dienst tätigen Kommunalverwaltungsbeamten zunächst zur Kommunalaufsicht beim Landratsamt Speyer, die er zweieinhalb Jahre, bis zum 31. März 1969, leitete. Sein Amtsantritt als Bürgermeister der damals noch selbstständigen Gemeinde Weilbach am 1. April 1969 sollte sich als richtungsweisende Wegmarke herausstellen: Norbert Hegmann, bis 1967 Mitglied des rheinland-pfälzischen Landesvorstandes der Jungen Union, verschrieb sich mit Haut und Haaren seiner Leidenschaft, der Kommunalpolitik. Vom Start weg lief Norbert Hegmann mit hohem Tempo – er wollte in seinen jeweiligen Positionen nicht nur etwas, sondern möglichst viel bewegen. Als besonders kräftezehrend hat der Jubilar die Zeit als Weilbacher Bürgermeister in Erinnerung.

Nicht einmal drei Jahre war Norbert Hegmann Bürgermeister von Weilbach, seine Amtszeit endete am 31. Dezember 1971, denn im Zuge der hessischen Gebietsreform war die Bildung einer neuen Stadt, bestehend aus Flörsheim, Weilbach und Wicker, beschlossen und am 1. Januar 1972 umgesetzt worden. Ihm sei schnell klar geworden, dass das Amt alles andere als ein Spaziergang werden würde, so Hegmann. "Weilbach war schon ein komisches Pflaster", erinnert er sich, "das Image war furchtbar." Der spätere Stadtteil Flörsheims sei, auch im Orte selbst, wenig charmant mit "vorne W(eh) und hinten ach" umschrieben worden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seien bis zur Auflösung der eigenständigen Gemeinde nicht weniger als sechs Bürgermeister und fünf Pfarrer zum Einsatz gekommen – ein ungewöhnlich hoher Personalverschleiß. Die Weilbacher seien ziemlich speziell gewesen, die zwei durch den Ort verlaufenden und ihn somit trennenden Bundesstraßen sowie der im Laufe der Jahre immer weiter anschwellende Verkehr hätten wohl das Ihrige dazu beigetragen, vermutet Weilbachs ehemaliger Bürgermeister.

Zu den Hauptproblemen zählte aber der Umstand, dass die Nachbarstadt Hofheim seit 1964 ihren Müll in einer alten Kiesgrube auf Weilbacher Gemarkung entsorgte: "Bei Nordostwetter zog der beißende Qualm aus dieser Kippe tief in die Wohnbebauung von Weilbach hinein", berichtet Hegmann. Die Weilbacher hätten jahrelang energisch, jedoch erfolglos dagegen protestiert. Daraufhin sei es in Weilbach zur Gründung einer Freien Wählergemeinschaft (FWG) gekommen, die im Herbst 1968 zur Kommunalwahl antrat. Sie erhielt, wie die CDU, vier von dreizehn Sitzen; die SPD blieb mit fünf Sitzen, wenn auch knapp, stärkste Kraft. Vor diesem Hintergrund bewarb sich das knapp 30-jährige CDU-Mitglied Norbert Hegmann auf Empfehlung seines guten Freundes Josef Anna – seinerzeit Rathauschef im benachbarten Flörsheim – für das Amt des Weilbacher Bürgermeisters. Und zwar, dank der klaren Stimmenmehrheit von CDU und FWG, erfolgreich.

Um die stinkende Müllkippe loszuwerden, griff der frischgebackene Bürgermeister, nach einem ergebnislosen Gespräch mit seinem Amtskollegen aus Hofheim, zu einer List. Er setzte hierzu den Kiesgrubenverkehr ein, der ebenfalls zu den Problemen in Weilbach gehörte: Die mit Erde beladenen Lkw wurden auf ihrem Weg zu den ausgebeuteten Kiesgruben angehalten und mit dem Anreiz, dass dort keine Kippgebühr gezahlt werden musste, zur Müllgrube geschickt. Auf diese Weise war die Kippe schnell verfüllt; sie wurde am 24. April 1969 geschlossen.

Sodann widmete Hegmann sich dem Kiesgrubenverkehr, der insbesondere in der Taunusstraße (heute Hofheimer Straße) und in der Bahnhofstraße (heute Raunheimer Straße) zu unerträglichen Belastungen führte. Straßen und Häuser wurden ständig mit Erde, Sand und Steinen verdreckt, die Säuberung dauerte mitunter mehrere Stunden. Zudem waren 1958 ein fünfjähriges und 1962 ein sechsjähriges Kind durch den Verkehr ums Leben gekommen. Eine östliche Umgehungsstraße – es handelt sich um die Spange zwischen der Landesstraße Richtung Hattersheim und der Bundesstraße Richtung Hofheim – und der Ausbau einer direkten Verbindung von den Kiesgruben dorthin (Flakweg) sollten das Problem lösen. Bis dahin – die Umgehung wurde am 17. September 1970, der Flakweg am 15. Dezember 1971 für den Kiesgrubenverkehr geöffnet – mussten alle zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung gesetzt werden. "Im August und September 1969 nutzten wir den Wahlkampf für die am 28. September vorgesehene Bundestagswahl dazu, um die Öffentlichkeit auf die Weilbacher Verkehrsprobleme aufmerksam zu machen und die zuständigen Stellen dazu zu bringen, dass die für Weilbach geplante Ostumgehung endlich verwirklicht wird", berichtet Hegmann. In der Folge gab es eine entsprechende Resolution der Gemeindevertretung, Orts- und Diskussionstermine mit Politikern und Behördenvertretern, die Presse, der Hörfunk und sogar das Fernsehen berichteten. Eine große, von Hegmann übrigens bewusst nicht angemeldete, Demonstration am 28. August 1969, durchgeführt von der Weilbacher Bürgerschaft im Beisein mehrerer Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker, sei schließlich so eindrucksvoll gewesen, dass sich die ebenfalls anwesenden Vertreter des Hessischen Straßenbauamtes zur Prüfung des Baubeginns der Ostumgehung auch ohne Planfeststellungsverfahren bereiterklärt hätten. Und auch die Kiesgrubenunternehmen mussten erst überzeugt werden, was schlussendlich gelang. Die über den Flakweg hergestellte Verbindung zwischen Umgehung und Kiesgruben habe zur erhofften Entlastung geführt. "Sofort war die Ortslage in Weilbach ein für alle Mal von dem unerträglichen Kiesgrubenverkehr befreit", stellt Norbert Hegmann rückblickend zufrieden fest.

Der Kiesabbau an sich konnte allerdings nicht verhindert werden und auch die "Mondlandschaft vor der Haustür" blieb zunächst erhalten. "Da konnte ich nichts erreichen", so Hegmann. Immerhin konnten die Kiesgrubenunternehmen durch die Verhängung einer Veränderungssperre in ihren Handlungen eingeschränkt werden. Die Rekultivierung der Kiesgruben Weilbach setzte indes erst Jahre später, nach der Gründung der gleichnamigen Gesellschaft (GRKW), ein.

Die Gebietsreform stellte die dritte große Herausforderung dar. Sowohl das Land als auch der Kreis hatten sich nämlich ursprünglich gegen die Bildung der heutigen Stadt Flörsheim ausgesprochen. In der Modellplanung war Wicker der Stadt Hochheim und Weilbach der Stadt Hattersheim zugeschlagen worden. Flörsheim sollte an Rüsselsheim angebunden werden. "Wir wollten das nicht. Wenn schon eine Eingemeindung nicht zu verhindern sei, dann lieber nach Flörsheim als nach Hattersheim", erklärt Hegmann. Eine Bürgerbefragung im September 1971 führte zu einem klaren Ergebnis: 85 Prozent der teilnehmenden Weilbacher gaben der Gemeindegruppe Flörsheim ihre Stimme. "Damals hat man die Bürger eigentlich nicht befragt", merkt Weilbachs ehemaliger Bürgermeister hierzu an. "Wir machten es aber." Erst nach beständig vorgetragenem, geschlossenem Protest der Bürgermeister von Flörsheim, Wicker und Weilbach lenkten zunächst der Kreistag und dann auch das Land ein – am 1. Januar 1972 begann das neue Kapitel der Stadt Flörsheim am Main mit seinen Stadtteilen Weilbach und Wicker.

Die im Sinne Weilbachs gelungene Gebietsreform sei für ihn eine Erlösung gewesen, bekennt Norbert Hegmann. All seine Gedanken hätten als Bürgermeister um Weilbach gekreist, an fast jedem Tag seiner Amtszeit habe er unter enormem Stress gestanden. "Ich dachte, es muss alles auf einmal gemacht werden", sagt er heute. "Ich war ständig mit Vollgas unterwegs." Neben der Lösung der dringendsten Probleme habe er "nach eigenen Vorstellungen möglichst viel noch vor der zu erwartenden Eingliederung nach Flörsheim" verwirklichen beziehungsweise in die Wege leiten wollen. Dazu gehörte der Neubau von 19 (!) Straßen, die Ausweisung des Neubaugebietes Faulbrunnenweg und der Bau einer Trauerhalle. Das alles wollte natürlich bezahlt sein. Finanzielle Sorgen habe er gleichwohl nicht gekannt: "Ich wusste ja, dass einer die Rechnung zahlen wird – entweder Flörsheim oder Hattersheim." Weilbach sei 1972 quasi fertig gewesen, blickt Hegmann zufrieden zurück.

Nichtsdestotrotz habe er nie wieder nach dem Bürgermeisteramt gestrebt, er wollte viel lieber "der zweite Mann" in der Stadt sein. Genau das war er von 1972 bis 1999, zunächst als hauptamtlicher, später als Erster Stadtrat. Wenn sich im Rahmen seiner Zuständigkeiten – Hegmann sollte sich neben seinen Tätigkeiten als Sozialdezernent vornehmlich um die Stadtteile Weilbach und Wicker kümmern – Themen auftaten, die aus seiner Sicht besondere Aufmerksamkeit erforderten, ging Norbert Hegmann lösungsorientiert und listig zu Werke. Er erwies sich sozusagen als das Cleverle der Flörsheimer Kommunalpolitik. Beispielsweise zögerte er nicht lange, was die Förderung des Weinbaus anging. Neben der Gründung des Wickerer Winzervereins, dessen Geschäftsführer er acht Jahre lang war, ließ er Wicker als Tor zum Rheingau ausrufen – obschon Hochheim diesen Titel für sich beanspruchte. Es musste einiges an Vorarbeit geleistet werden, denn "das Image des Wickerer Weins war furchtbar". Hegmann wandte sich in Sachen Rheingauer Rieslingroute unter anderem an den Präsidenten des Weinbauamtes, er betrieb, im Gegensatz zum konkurrierenden Hochheim, intensiv Pressearbeit und ließ kurzerhand eine Übersichtstafel der Rieslingroute um ein paar Zentimeter verlängern, damit sie von einem Maler um das Weindorf Wicker ergänzt werden konnte. "Ich sorgte für vollendete Tatsachen", bringt der Jubilar seine Art der Kommunalpolitik auf den Punkt.

Cleverness ist das eine – doch wie sieht es mit der Ehrlichkeit aus? "Ich habe als Erster Stadtrat nie gelogen", betont Hegmann. "Es kommt irgendwann ja doch raus. Und außerdem bin ich katholisch." Volksnähe war und ist ihm wichtig. Norbert Hegmann, der für sein langjähriges Engagement in der Kommunalpolitik mit dem Ehrenring der Stadt Flörsheim am Main und mit dem Hessischen Verdienstorden am Bande ausgezeichnet wurde, ist Mitglied in nicht weniger als 27 Vereinen und Organisationen in Flörsheim, Weilbach und Wicker und bringt sich dabei aktiv ein, etwa als Vorsitzender der "GWU Geschichtswerkstatt Untermain e. V.". Und sportlich ist der seit 1976 in Wicker wohnende Vater dreier Kinder und Großvater von vier Enkelkindern noch dazu: "Seit 1984 bin ich fast jedes Jahr mit meinem Sohn Dirk mit dem Fahrrad in Europa unterwegs. Zumeist nach Frankreich, Italien und Spanien, auch nach England. Die längste Strecke waren die 2274 Kilometer von Regensburg nach Istanbul im Jahr 1985."

Norbert Hegmann lädt anlässlich seines 80. Geburtstags zu einem Tag der offenen Tür ein, der am Mittwoch, 10. Juli, ab 10 Uhr in der alten Scheune von Marcel Anthes (Wicker, Vorderstraße 11) stattfinden wird. Der Jubilar hat einen besonderen Wunsch: "Anstelle mir eventuell zugedachter Geschenke bitte ich um eine Spende für die älteste Glocke im Wickerer Kirchturm. Die Kriegergedächtnisglocke von 1922 braucht ein neues Joch und einen neuen Klöppel, damit sie wieder voll ins stimmungsvolle Geläut integriert werden kann."

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