Mehr als nur eine Überbrückung

FCV-Sitzung "Flörsheim feiert Fassenacht" in TV und Mediathek zu sehen

Der Blick ins fastnachtlich gestaltete HR-Studio mit Moderatorin Stefanie Kraus im Vordergrund.

Gregor Stark schien direkt auf den kürzesten Auftritt seiner Bühnenkarriere zuzusteuern. Mit den Worten „Hall die Gail, es war schön euch zu sehen, eigentlich kann ich jetzt gleich wieder gehen“, leitete der Protokoller des Flörsheimer Carneval Vereins (FCV) seinen Vortrag bei der Fernsehsitzung „Flörsheim feiert Fassenacht“ ein. Er bekam es dann aber trotz eines jenseits des Hauptthemas Corona ereignisarmen 2020 natürlich problemlos hin, in den acht Minuten, die ihm zur Verfügung standen, einen geballten Rückblick zu reimen.

Damit fanden die 105 Minuten, die der FCV Ende Januar im HR-Studio aufgezeichnet hatte und online in der HR-Mediathek sowie am Samstag ab 20.15 Uhr in der Wiederholung im HR-Fernsehen zu sehen sind, einen traditionellen Einstieg. Als Chronist der Ereignisse in Land und Welt möchte Protokoller Stark seinem närrischen Publikum natürlich möglichst vielfältig aus dem Vorjahr berichten. Das gestaltete sich beim Blick auf 2020, das „nach gutem Beginn kurz vor Ostern brutal abgebrochen“ sei, etwas schwierig.

Neben Corona war zumindest das Ende der Trump-Aera in den USA ein weiteres Nachrichten-Highlight, dem Stark entsprechend Platz widmet. Der Protokoller hat eine „Donalds-bescheuertste-Ideen-Hitparade“ aufgestellt. „Platz eins und damit einsame Spitze war gegen Corona Domestos zu spritze“, fand die Verbindung der Top-Themen bei ihm eine besondere Auszeichnung.

Im Studio in Frankfurt war eine Art Collage verschiedener Elemente einer fastnächtlichen Kulisse entstanden, mit der unvermeidlichen Bütt für die Redner, einer Bar für kurze, einleitende Gespräche der Moderatoren Sascha Jung und Stefanie Kraus mit den Protagonisten, zum Großteil mit Pappkameraden besetzte Stuhlreihen vor der Szenerie – und der Arztpraxis von „Dr. Wunder“ (Sascha Jung), in der der Doktor und seine Sprechstundenhilfe (Stefanie Kraus) zwischendrin immer wieder einmal Sketche am Empfangstisch und aus dem Wartezimmer aufführten. Claudia Fasel, Peter Pappert und Sabine Roth mimten dabei die Patienten, Christian Greb verkörpert zudem den "Wendler".

Das Showtanzgruppe „Inkognito“ konnte im Studio nicht live auftreten und beteiligte sich durch einen per Splitscreen zusammengesetzten „Tanz aus den Wohnzimmern“ am Programm. Das Showtanzballett „Cassiopeia“ hatte seinen Beitrag auf der Straße aufgenommen und das ganz vorbildlich dennoch mit Mund-Nasen-Bedeckung. Drittes „Online“-Element waren bei der Aufzeichnung live zugeschaltete Freunde und Mitwirkende des FCV, natürlich aus dabei: der bisherige Sitzungspräsident Hans-Joachim Kunz.

Russin „Olga“ ging noch einmal - vor Corona haben das vor allem schwerreiche Urlauber durchaus gerne gemacht – mit ihrem Oligarchen Igor auf Kreuzfahrt in die Karibik. Ein Feuerwerk aus bösartigen Beziehungswitzen, der charmant erzählenden Figur mag man jedoch gar nicht böse sein – und Jutta Schlosser in ihrer Rolle schon gar nicht.

Das Gesangsduett des Abends folgte nach dem zweiten Besuch in der Arztpraxis. „Die Kammersänger“ sind Sebastian Kraus und Johannes Bersch, die per Scheibe voneinander getrennt auf der Bühne standen und zum Glück für die Fastnachter nicht ganz so gediegen und schrill vorzutragen pflegen wie die Kollegen aus der klassischen Musik. Der Name ihres Duos stamme schlicht daher, dass Zuhörer des Vortrags sagten, das „kammer“ sich mal anhören, erläuterte Bersch im Gespräch mit Moderator Jung. Dieser ist von den FCV-Sitzungen auch als Redner bekannt, nicht zuletzt als eben jener Dr. Wunder. Er berichtete den Närrinnen und Narren erst, dass seine Vorbilder Dr. Brinkmann und Heinz Schenk seien, wechselte dann jedoch in einen politischer Vortrag.

Obwohl die Vortragenden in die bekannten Rollen schlüpfen, bauen die meisten von ihnen in das Bekannte einen Bezug zur Aktualität ein. So auch Jürgen Wiesmann als „Ernst Lustig“, mit seinem Vortrag als „Partymuffel“. Die haben ja seit Neuestem ein ausgesprochen positives Image. Er gehe davon aus, „dass es mehr lustig bleibt“, sagte Wiesmann auf die Frage, ob er glaube, dass die Pandemie die Fastnacht weniger lustig mache. „Wir lassen uns die Lebensfreude durch Corona nicht vermiesen.“

Als Regisseur war FCV-Vorsitzender Hans Joachim Greb naturgemäß stark an der Produktion beteiligt, ging aber auch als „Hoppes“ in der Bütt, sogar mit dem längsten Vortrag des Abends. Er erzählt dabei von seiner Reise ins heilige Rom, bei der er es bis zur Audienz beim Papst schafft und für elf Wochen selig gesprochen wird.

Johannes Bersch, der schon die Arztpraxis von Dr. Wunder im dritten Sketch als Dr. Karl Lauterbach aufgesucht hatte und sich bei Dr. Plasberg wähnte, führte anschließend in seinem Solobeitrag als „Professor Dr. Karl Auer“ die Rolle lediglich von der Politikerperson gelöst fort. Er referiert über „Volkskrankheiten“ der neuen Art. Dies seien „vokabulare Inkontinenz und geistige Flatulenz“, Ergebnisse eines hohen Internet-Konsums mit Folgen wie „Youtuberkulose“ und einem „analphabetischen Schock“.

Den Abschluss überließ der FCV seinem Gastduo aus Mainz. Thomas Becker und Franz Brunswig sind als „Batman & Robin“ in einer beruflichen Krise. Es gibt keine Aufträge mehr, denn ein neuer Held ist geboren in der Stadt: der Geschäftsführer des Impfmittelentwicklers Biontech.

Zum Abschied vereinten die Vortragenden sich mit dem gebotenen Abstand und sangen mit Unterstützung der Online-Zuschauer ein Schunkellied, das Hoffnung machen soll, denn „alle zusammen sind wir ein Verein“. Ja, es war eine echte Fastnachtssitzung, die der FCV da zusammenstellen durfte, auch wenn es eine deutlich kürzere Sitzung blieb als aus der Stadthalle gewohnt.

Niemand hatte im Vorfeld behauptet, dass das Ersatzangebot das gewohnte Erlebnis der Saalfastnacht zu simulieren in der Lage sein könnte. Aber um die Situation zu überbrücken und die Narrenschar nicht ganz auf dem Trockenen sitzen zu lassen, haben der Sender und die Vereine der Reihe wie der FCV einen Weg gefunden, wie die Tradition aufrechterhalten bleiben kann.

Wer das komplette Format braucht, kann dies bei den Wiederholungen älterer Sitzungen mit Publikum und Anfassen genießen, so im HR-Fernsehen am Samstagabend, wenn im Anschluss an die Wiederholung der 105 Minuten aus diesem Jahr ab 22 Uhr auch die komplette 2020er-Sitzung des FCV ausgestrahlt wird.

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