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Ohne Dachschaden lebt sich‘s besser

Wirbelschleppen durch landende „Heavys“ – Fraport rät Hauseigentümern zur Klammerung

Am 27. Februar wurde das Dach eines Wohnhauses in der Lahnstraße durch eine Wirbelschleppe schwer beschädigt. Dachziegel stürzten in den Eingangsbereich, auf den Gehweg und auf zwei am Fahrbahnrand parkende Pkw. Drei Tage später informierte der Flughafenbetreiber Fraport zufälligerweise – der Termin war bereits seit längerem angesetzt – in einer Bürgerveranstaltung über das laufende Dachsicherungsprogramm.
(Foto: Privat)

FLÖRSHEIM (noe) – „Schon mal über eine Dachsicherung nachgedacht?“ Diese Frage war auf einem Flugblatt zu lesen, das der Flughafenbetreiber Fraport den 80 Bürgerinnen und Bürgern, die sich am Freitagabend, 2. März, in der Flörsheimer Stadthalle über das Dachklammerungsprogramm informieren wollten, an die Hand gab. Der Zettel konnte zugleich als Kontaktformular genutzt werden, um weitere Informationen zu den Themen Dachsicherung, Passiver Schallschutz und Außenwohnbereichsentschädigung zu erhalten und/oder um Hilfe bei der Antragstellung anzufordern.

Die Fraport-Vertreter Thomas Schäfer (Leitung Umweltauswirkungen Lärm und Luftschadstoffe) und Kristine Heimich (Maßnahmenprogramme) äußerten sich zum Umfang und über den Ablauf der im Rahmen des Dachsicherungsprogramms seitens des Flughafenbetreibers durchzuführenden Maßnahmen, sie gingen auf Fragen aus dem Publikum ein und gaben außerdem Auskunft über den gegenwärtigen Stand der Dinge.

Das Dachsicherungsprogramm wurde – zunächst nur auf Objekte in der Einflugschneise bezogen – vor knapp fünf Jahren gestartet, seine Laufzeit ist unbefristet. Jede vor dem 8. Juli 2014 in der Kernstadt errichtete beziehungsweise vor diesem Stichtag über eine Baugenehmigung sozusagen angekündigte Immobilie liegt im Anspruchsgebiet. Rund 2.900 Dächer kommen damit allein in Flörsheim für eine Sicherung auf Kosten des Flughafenbetreibers infrage. Jedoch wurde laut Fraport erst zu jedem zweiten Dach ein Antrag auf Dachklammerung gestellt.

Mit Blick auf den Wirbelschleppenvorfall am vorangegangenen Dienstag, 27. Februar, in der Lahnstraße, bei dem zwar keine Personen verletzt, jedoch zwei Fahrzeuge durch herabfallende Dachziegel beschädigt worden waren, ermunterten die Fraport-Vertreter am Freitag nachdrücklich zur Inanspruchnahme der Leistungen des Dachsicherungsprogramms.

„Rundum-sorglos-Paket“
Zwei Wege führen zur Kostenübernahme durch Fraport: Zum einen können die Hauseigentümer selbst die Dachklammerung bei einem Dachdeckerunternehmen ihrer Wahl in Auftrag geben, wobei sie jedoch für die sachgemäße Durchführung der Maßnahme verantwortlich zeichnen und in Vorkasse treten müssen. Nach Prüfung der Klammerung und des Umfangs der verwendeten Mittel wird die Rechnung von Fraport erstattet. Alternativ bietet Fraport ein sogenanntes „Rundum-sorglos-Paket“ an, in dem die technische Planung, die Beauftragung der Handwerker und die Bauaufsicht enthalten sind. 17 Dachdecker stehen bei Fraport unter Vertrag. Jeder Hauseigentümer könne aus diesem Kreis ein Unternehmen wählen, das am Dach zum Einsatz kommen soll, beantwortete Kristina Heimich eine diesbezügliche Nachfrage aus dem Publikum. Nach der Abnahme wird die Rechnung direkt von Fraport beglichen. Die Gewährleistungsfrist endet nach fünf Jahren. „Sie haben mit der Abwicklung eigentlich gar nichts zu tun“, merkte Kristina Heimich zu dieser Variante an. Zu beachten ist freilich, dass die Dachsicherung in beiden Fällen zuvor bei Fraport beantragt werden muss.

In der Regel dauere die Dachsicherung drei Wochen, teilte die Fraport-Vertreterin mit. Die geklammerten Dachziegel halten einer Kraft von 1.417 Newtonmetern stand, was einem Windereignis in Orkanstärke entspricht. Wirbelschleppen können laut Fraport an einem derart gesicherten Dach also keinen Schaden anrichten. Nichtsdestotrotz werden, wohl um auf Nummer Sicher zu gehen, zusätzlich Schneefanggitter installiert. Auch die bei dieser Leistung anfallenden Kosten werden, da die Maßnahme mit der Dachsicherheit in Zusammenhang steht, von Fraport übernommen. Wenn ein Hauseigentümer im Zuge der Dachsicherung zusätzliche Arbeiten – etwa das Eindecken mit neuen Dachziegeln oder eine energetische Sanierung – in Auftrag geben möchte, leitet Fraport dies in die Wege. „Wir wollen es Ihnen so einfach wie möglich machen“, sagte Fraport-Mitarbeiter Thomas Schäfer. Die Kosten für diese Zusatzmaßnahmen müssten freilich vom Hauseigentümer getragen werden. Eine im Zuge der Dachsicherung durchgeführte Dachsanierung sei um bis zu 40 Prozent günstiger als eine Einzelmaßnahme, informierte der Flörsheimer Dachdeckermeister Andreas Ruppert.

Im Prinzip sei jedes Dach klammerfähig, selbst 40 Jahre alte Dächer seien bereits erfolgreich gesichert worden. Nur in bislang fünf Fällen habe es Probleme gegeben; hierbei habe es sich um spezielle Dachkonstruktionen aus der Nachkriegszeit gehandelt. Schäden, die durch die Dachsicherung entstehen, werden ebenfalls von Fraport reguliert. Hierzu zählen beispielsweise zerbrochene Dachziegel, in Mitleidenschaft gezogene Blitzschutzanlagen oder durch die Verankerung des Baugerüstes beschädigte Fassaden.

Neben der Dachsicherung war natürlich auch das für diese Maßnahme ursächliche, gefährliche und gar nicht so seltene Phänomen „Wirbelschleppe“ ein Thema. Fraport räumte zu Beginn der Bürgerveranstaltung ein, dass für die Schäden an Dächern im Anspruchsgebiet „Wirbelschleppen als Ursache nicht ausgeschlossen werden können“. Zuhörerin Monika Wolf, die das „Bündnis der Bürgerinitiativen“ (BBI) vertrat, wertete diese Aussage als Affront. Der Flughafenbetreiber stelle seine Verantwortung infrage und die Kostenübernahme für die Dachsicherung als Entgegenkommen dar, was mit einer Verhöhnung der betroffenen Bürger gleichzusetzen sei. „Sie haben die Landebahn Nordwest über ein Gefälligkeitsgutachten bauen lassen“, rief die sichtlich aufgebrachte BBI-Vertreterin den Fraport-Mitarbeitern entgegen. „Sie gaukeln den Leuten vor, dass durch die Klammerung alles sicher ist. Doch die Dachklammerung ist ein Minimum, mehr nicht!“ In welch großer Gefahr die Bevölkerung schwebe, sei zuletzt durch den Wirbelschleppenvorfall in der Lahnstraße mehr als deutlich geworden. Vor diesem Hintergrund wurde aus dem Publikum mehrmals die Frage gestellt, wie sich Fraport im Falle eines Personenschadens zu verhalten gedenke. „Zunächst schalten sich Polizei und Staatsanwaltschaft ein, da der Vorfall strafrechtlich aufgeklärt werden muss“, sagte hierzu Thomas Schäfer. „Doch dazu soll es ja gar nicht erst kommen. Deshalb bemühen wir uns darum, das Dachsicherungsprogramm so schnell wie möglich zum Abschluss zu bringen.“ Diese Antwort sorgte nicht für allgemeine Zufriedenheit.

Ein Bürger fragte: „Wie können Sie, da Sie mittlerweile die Gefahr durch Wirbelschleppen zugeben, es verantworten, dass große Maschinen über Flörsheim landen?“ Die Flugzeuge der sogenannten Heavy-Klasse sind auch nach Einschätzung des Flughafenbetreibers für die heftigsten Wirbelschleppen verantwortlich zu machen. Die Fraport-Vertreter beantworteten indes die Frage des Bürgers nicht – sie verwiesen gewissermaßen auf die Tagesordnung: es gehe in der Bürgerveranstaltung um die Dachsicherung und nicht um die Betriebsart der Landebahn Nordwest.

Auch der Vorsitzende des Vereins Für Flörsheim, Hans Jakob Gall, rief alle Hauseigentümer im Anspruchsgebiet zur Dachklammerung auf. Er stellte in diesem Zusammenhang aber fest, dass Fraport keineswegs freiwillig eine kostenlose Dachsicherung anbiete, sondern dazu vom Gesetzgeber gezwungen worden sei. „Es haben doch vorher alle gewusst, dass Wirbelschleppen existieren und dass sie gefährlich sein können“, sagte Gall. Und trotzdem habe man im Rahmen des Planfeststellungsbeschlusses zur Landebahn Nordwest auf ein Gutachten verwiesen, das die Häufigkeit eines Wirbelschleppenereignisses in Flörsheim mit einem einzigen Vorfall in 10 Millionen Jahren nachweislich falsch prognostizierte. Der Verein Für Flörsheim werde sich nun vor dem Bundesverfassungsgericht unter anderem dafür einsetzen, dass Flörsheim nicht mehr von landenden Maschinen der Heavy-Klasse überflogen werden darf. Gall appellierte an die Fraport-Vertreter: „Lassen Sie diese Heavys nicht über Flörsheim fliegen, dann müssen Sie auch nicht klammern!“

 

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