Für gut zwei Wochen müssen die Flörsheimer und ihre Gäste den neu gestalteten Parkplatzbereich am Mainufer freigeben. Übergeordnete kulturelle Aktivitäten, die seit Anfang dieser Woche ihren Schatten vorauswerfen, fordern ihren Platz.
Von vorneherein war bei den Planungen der Neugestaltung des Areals darauf geachtet worden, dass es sich bei der Fläche zwischen Altstadt und Fluss um das Festgelände der jährlichen Kerb handelt. Entsprechend flexibel musste die Einrichtung der ergänzenden Elemente wie der Blumenkübel gestaltet werden.
Die Kübel wurden für die anstehenden Aufbauarbeiten kurzerhand umgruppiert und so abgestellt, dass sie nicht im Weg stehen. Nicht vorgesehen war, dass der Berliner Brunnen immer noch nicht in neuer Pracht vor sich hinplätschert. Wie die Stadt mitteilt, wird der Neuaufbau nach der Kerb dann doch angegangen. Während der Festtage wird der Bereich durch seine weiträumige Absperrung erneut ein zumindest kleines Hindernis sein. Ansonsten laufen die Vorbereitungen gut nach Plan.
Am Dienstagvormittag ging es an den Aufbau des Festzeltes, das an den beiden Wochenenden Zentrum der Kerbeaktivitäten sein wird. Seit vorvergangenem Wochenende schon kündigt der Kerbebaum an seinem Stammplatz zu Fuße der Pfarrer-Münch-Straße von den bevorstehenden wilden Tagen. Da mag sich manch alter Hase des Kerbegeschehens wundern: Steht das Aufstellen des Baumes nicht am Anfang aller Aktivitäten am Kerbesamstag? Im Prinzip ja, aber…
Seit der Wiederbelebung des Kerbgeschehens in der Stadt durch die Gründung des „Förderverein Flörsheimer Kerbeborsch“ wird manche Tradition wieder gefeiert wie einst üblich. Die Organisation und das Aufstellen des Kerbebaums am Samstagvormittag gehört bisher nicht dazu. Wie im Vorjahr, haben die Flörsheimer aus pragmatischen Gründen von den Wickerer Kerbekollegen den Baum übernommen und bereits am vorvergangenen Wochenende aufgestellt. Also nochmal eine Woche früher als vergangenes Jahr. Das wiederum hat terminliche Gründe. „Einige der Kerbeborsch sind bei der KJG aktiv und waren am vergangenen Wochenende im Zeltlager“, erläutert Niklas Scholz vom Vorstand des Fördervereins.
Die Vorbereitungen der dritten Kerb unter der Ägide des 2023 gegründeten Vereins steht unter besonderen Bedingungen, nachdem der Gründungsvorsitzende Daniel Dicks vor zwei Monaten aus persönlichen Gründen von seinem Amt zurückgetreten ist. „Wir haben uns bewusst dazu entschlossen, erst einmal keinen neuen Ersten Vorsitzenden zu wählen – es macht keinen Sinn, im Vorfeld der Kerb jemanden ins kalte Wasser zu schmeißen“, sagte Scholz. „Wir haben stattdessen geschaut, dass wir weiter geschäftsfähig sind und wollen im Frühjahr einen neuen Vorsitzenden wählen, der das dann auch macht, weil er das Interesse dazu hat.“ Er, Kassierer im Vorstand, und Joel Klau, Schriftführer, führen als Geschäftsführer den Verein solange weiter.
Was die Fortschritte beim Erreichen des Vereinsziels angeht, gibt es gute und schlechte Nachrichten. Die gute: Es gibt, anders als noch 2024 und 2025, diesmal einen Kerbejahrgang, der mit 16 Aktiven sogar recht solide aufgestellt ist. Die schlechte Nachricht: „Für 2027 haben wir noch keinen neuen Jahrgang gefunden“, muss Scholz festhalten. Es gibt daher schon einen Plan B: „Wir wollen dazu übergehen, dass die Aktiven von diesem Jahr auch 2027 mitmachen dürfen und sich mit den neuen Kerbeborsch mischen“, berichtet der Geschäftsführer.
Dass in den ersten beiden Jahren die Arbeit mangels Jahrgängen vom Verein geleistet werden muss, war allen bei der Gründung klar. Immerhin waren voriges Jahr vom jetzigen Jahrgang einige schon eingebunden, um in das Kerbeleben hineinzuschnuppern. "Der ursprüngliche Gründungsgedanke war, dass die Kerbejahrgänge das übernehmen“, sagt Scholz. „Aber es hat sich herausgestellt, dass das Nachwuchsproblem noch größer ist als gedacht.“
Andererseits war dem Förderverein auch klar, dass es angesichts der jungen Jahre der Kerbeborsch und -mädchen immer einer gewissen Unterstützung durch etwas reifere, nicht zuletzt aus rechtlichen Gründen volljährige Begleitung bedarf. „Wir sind als Verein verantwortlich für die Verträge – und das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben“, erwartet Scholz.
Der Verein hat aktuell mit 110 Mitgliedern eine gute Basis, die meisten sind freilich weniger beigetreten, um möglichst viele Schichten im Festzelt leisten zu dürfen, sondern um die Finanzierung der Tradition zu unterstützen. Das ermöglicht es auch, ein Ziel des Fördervereins umzusetzen: dass die Tickets für die Veranstaltungen im Festzelt zu günstigen Preisen angeboten werden können. Die Karten für den Kerbetanz am Samstagabend zu zehn Euro das Stück sind allesamt verkauft – das Ding läuft.
Für die Kerbaktiven bedeutet die Organisation und der Betrieb des Festzeltes vor allem Arbeitseinsätze. „Wir haben insgesamt 212 Schichten zu besetzen“, sagt Scholz. Aber natürlich keine 212 Helfenden. „Man trifft den einen oder anderen öfter.“ Die Unterstützung ist vielseitig, kommt von Vereinsmitgliedern und Eltern der Kerbeborsch genauso wie von Altkerbeborsch. „Der Jubiläumsjahrgang 2006 übernimmt eine komplette Schicht", nennt er als Beispiel.
Scholz sieht noch einige Punkte, bei denen der Förderverein daran arbeiten könnte, der Kerb wieder zu einer soliden Basis an Aktiven zu verhelfen. Das ist nicht nur wegen der kleineren Jahrgänge als in früheren Zeiten schwierig, auch die Affinität der Jugend zu Traditionsfesten ist nicht mehr die gleiche. „Die Jugend hat sich da etwas gewandelt, auch, was die Feierwut angeht“, hat Scholz den Eindruck. Bindung aufzubauen geht vor allem über das Einbeziehen des Freundeskreises, „wenn sich da eine Gruppe mit vier, fünf Jugendlichen bildet, die Lust dazu haben, kriegt man an ehesten neue Aktive hinzu“, vermutet er.
Aber auch die Jahrgänge der Ehemaligen könnten nach dem Eindruck des Geschäftsführers noch mehr für die Stärkung der Flörsheimer Kerb tun. „Die Altkerbeborsch machen eher ihr Ding in den einzelnen Jahrgängen unter sich, das wollen wir öffnen, damit sich eine stärkere Gemeinschaft der Jahrgänge herausbildet.“
Insgesamt, so Scholz, habe sich das Kerbeleben seit der Vereinsgründung aber sehr positiv entwickelt, auch was die Arbeit im Verein angeht. „In den ersten zwei Jahren war alles neu, wir mussten uns da reinfuchsen.“ Das werde mit der Erfahrung von Jahr zu Jahr einfacher. „Man weiß, was zu tun ist, dennoch ist es eine Heidenarbeit.“ Und jetzt wird gefeiert, ab Samstag mit der Eröffnung der Kerb unter dem Baum (11.30 Uhr), endend am Sonntag, 25. Oktober, mit der Kerbeverbrennung am Ende der Nachkerb. Die Kerbebosch und -mädchen haben ihren ersten Einsatz am Freitagabend mit dem Kneipenumzug.




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