Der 9. November – (k)ein Schicksalstag der deutschen Geschichte?

Digitale Ausstellung, Postkartenaktion und Stolpersteinpflege laden zu Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur ein

hb

Der 9. November markiert mehrere bedeutende Wendepunkte der deutschen Geschichte. Er steht sowohl für demokratische Aufbrüche als auch für die dunkelsten Kapitel der deutschen Vergangenheit – insbesondere für den Novemberpogrom von 1938, im Zuge dessen jüdische Menschen systematisch verfolgt, misshandelt und ermordet, Synagogen zerstört und jüdische Geschäfte verwüstet wurden. Das Datum ist damit Anlass, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie wir heute an historische Ereignisse erinnern, welche Bedeutung diese Erinnerung für unsere Gesellschaft hat und welche Verantwortung daraus für die Gegenwart erwächst. Die Stadt Hattersheim am Main nimmt den 9. November zum Anlass, die Erinnerung an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung wachzuhalten und die Bedeutung historischer Erfahrungen für die Demokratie heute in den Mittelpunkt zu stellen.

Vergangenheit verstehen, Gegenwart gestalten

Wie Erinnerung Vergangenheit lebendig hält und Orientierung für die Gegenwart schafft, zeigt eine Präsentation in der Stadtbücherei Hattersheim, die anschließend im Stadtmuseum fortgesetzt wird und mit digitalen Einblicken, historischen Quellen und ausgewählten Medien zur Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerungskultur einlädt.

Die digitale Ausstellung „Der Novemberpogrom 1938 in Hattersheim, Eddersheim und Okriftel“ ermöglicht dabei eine vertiefende Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen vor Ort. Über eine Tabletstation können Besucherinnen und Besucher die Ausstellung erkunden und anhand historischer Informationen mehr über die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung während der nationalsozialistischen Herrschaft erfahren.

Ergänzt wird diese Ausstellung durch eine Ausstellungswand mit historischen Zeitungsartikeln, Quellen und weiteren Materialien. Diese lädt dazu ein, sich über die konkreten Ereignisse des Novemberpogroms hinaus mit Erinnerungskultur im Allgemeinen auseinanderzusetzen: Wie erinnern wir an die Vergangenheit? Welche Bedeutung hat das Gedenken für unsere Gesellschaft? Und wie kann die Beschäftigung mit historischen Erfahrungen unser Verständnis von Demokratie und gesellschaftlicher Verantwortung prägen? Eine begleitende Medienausstellung der Stadtbücherei bietet weitere Anregungen und Möglichkeiten, sich mit den Themen Nationalsozialismus, Verfolgung, Erinnerungskultur und Demokratie zu beschäftigen.

Eine Botschaft an die Zukunft

Besonderer Bestandteil der Präsentation ist eine Postkartenaktion, die dazu einlädt, eigene Gedanken zur Erinnerungskultur festzuhalten und Impulse für die Zukunft zu setzen. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, ihre Gedanken, Fragen und persönlichen Perspektiven zur Erinnerungskultur und zur demokratischen Verantwortung in der Gegenwart festzuhalten. Was bedeutet es, sich heute an die Verbrechen der Vergangenheit zu erinnern? Welche Lehren lassen sich daraus für das gesellschaftliche Zusammenleben ziehen? Und was möchten wir künftigen Generationen mit auf den Weg geben?

Die Karten können auf Wunsc anonym ausgefüllt werden. Sie werden gesammelt und vom Stadtarchiv Hattersheim als historische Zeitdokumente bewahrt. Versiegelt wie eine Zeitkapsel sollen sie erst nach 25 Jahren wieder geöffnet werden. Auf diese Weise entsteht eine Momentaufnahme davon, wie die Stadtgesellschaft im Jahr 2026 auf ihre Geschichte blickt, welche Werte sie bewegen und welche Fragen sie mit Blick auf die Zukunft beschäftigen. Die Aktion schafft damit eine Verbindung zwischen der heutigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den Perspektiven kommender Generationen.

„Ein geschichtsträchtiges Datum wie der 9. November verlangt mehr als formelhafte Betroffenheit: Er fordert von uns einen bewussten, informierten und wachsamen Umgang mit der Vergangenheit“, erklärt die Erste Stadträtin und Kulturdezernentin Heike Seibert. „Mit dieser Präsentation und der begleitenden Mitmachaktion findet unsere diesjährige Veranstaltungsreihe ‚Orte der Demokratie‘ im Rahmen der World Design Capital 2026 ihren Abschluss. Wir machen damit erfahrbar, dass historische Aufarbeitung und demokratische Streitkultur eng zusammengehören. Mein ausdrücklicher Dank gilt den Mitgliedern der AG Opfergedenken, die sich seit vielen Jahren dafür einsetzen, dass die Auseinandersetzung mit den lokalen Geschehnissen lebendig bleibt.“

Ausstellungstermine und Beteiligung

Die Präsentation ist vom 10. bis 24. November in der Stadtbücherei Hattersheim und anschließend vom 26. November bis 10. Dezember im Stadtmuseum Hattersheim zu sehen. Interessierte können die Präsentation während der regulären Öffnungszeiten der Bücherei (Dienstag 15-19 Uhr, Mittwoch 10-13 Uhr, Donnerstag 15–18 Uhr, Freitag 14-18 Uhr und Samstag 10-14 Uhr) beziehungsweise des Stadtmuseums (Donnerstag 10-17 Uhr und Sonntag 10-17 Uhr) jederzeit und ohne vorherige Anmeldung besuchen und sich auch spontan an der Postkartenaktion beteiligen.

Reinigung der Stolpersteine

Um die historische Realität auch im alltäglichen Stadtraum greifbar zu halten, ruft die AG Opfergedenken alle Hattersheimerinnen und Hattersheimer auch in diesem Jahr wieder dazu auf, die im Stadtgebiet verlegten Stolpersteine von Schmutz und Oxidation zu befreien. Die Pflege der Messingtafeln ist eine ganz konkrete Möglichkeit, innezuhalten und sich der Biografien vor der eigenen Haustür bewusst zu werden.

Die Stolpersteine liegen an folgenden Orten:

  • Hattersheim: Parkplatz Erbsengasse, Frankfurter Straße 36, Hauptstraße 1 a, Hauptstraße 19, Mainzer Landstraße 52, Staufenstraße 16, Staufenstraße 26, Untertorstraße 18 und Weingartenstraße 9.
  • Okriftel: Alte Mainstraße 18, Kirchgrabenstraße/Ecke Jahnallee, Langgasse 3, Neugasse 1, Neugasse 3, Neugasse 6, Neugasse 10 und Neugasse 38, Privatstraße 10 und Wehrstraße 10.
  • Eddersheim: Bahnhofstraße 7, Bahnhofstraße 50, Fischergasse 11, Neckarstraße 27, Propsteistraße 3 und Propsteistraße 6.

Eine Anleitung zur einfachen und fachgerechten Reinigung der Stolpersteine ist auf der Homepage der Stolpersteininitiative (https://www.stolpersteine.eu/wissenwertes/stolpersteine-reinigen) zu finden; man benötigt hierfür einen handelsüblichen Abwasch-Schwamm, ein Putzmittel für Messingoberflächen, ein Wischtuch sowie Wasser. Die Reinigung der Steine kann selbständig und ohne vorherige Rücksprache mit der Stadt Hattersheim am Main erfolgen.

Ansprechpartnerin bei Rückfragen zur Präsentation und zur AG Opfergedenken ist Anja Pinkowsky vom Referat Kultur, E-Mail: anja.pinkowsky[at]hattersheim[dot]de, Telefon 06190/970142.

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Sicherheitsprüfung
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.


X