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Großprojekte werfen viele Fragen auf

Bürgerversammlung im Okrifteler Haus der Vereine fand reichlich Interesse – Bebauung Phrix- und Ölmühlengelände im Fokus

Im Haus der Vereine hatten die Hattersheimer Bürger am Donnerstag der letzten Woche Gelegenheit, Fragen zu aktuellen Projekten an Bürgermeister Schindling zu stellen.
(Fotos: A. Kreusch)
 

OKRIFTEL (ak) – Stadtverordnetenvorsteher Günter Tannenberger freute sich am Donnerstag, 13. September, zur diesjährigen Bürgerversammlung viele an Kommunalpolitik interessierte Hattersheimer im voll besetzten Saal des Hauses der Vereine begrüßen zu können. Auf der Tagesordnung standen Informationen zum Ölmühlengelände, zur Phrix und zur Schulentwicklung in Hattersheim, die Bürgermeister Klaus Schindling vortrug und zu denen es die Möglichkeit gab, nicht nur ihn, sondern auch etwa Bauamtsleiter Thomas Kettenbach und Ordnungsamtsleiter Werner Schaffhauser zu befragen. Erster Stadtrat Karl Heinz Spengler hatte ebenfalls neben dem Stadtverordnetenvorsteher Platz genommen, zahlreiche Vertreter der Stadtverwaltung, aber auch etliche Mitglieder des Magistrats und viele Stadtverordnete nahmen an der Versammlung teil. Günter Tannenberger gab gleich zu Anfang bekannt, dass sich allerdings die Vertreter der Politik mit Fragen zu den Themen in Zurückhaltung üben sollten – die Fragen der Bürger sollten im Mittelpunkt der Versammlung stehen, Politiker haben immer Gelegenheit, in den Gremien der Stadt miteinander zu diskutieren.

Bebauung des Ölmühlengeländes
In Bezug auf den ersten Tagesordnungspunkt, die Bebauung der Ölmühlengeländes, wies Bürgermeister Schindling noch einmal darauf hin, dass alle gezeigten Pläne und Visualisierungen „noch nicht in Stein gemeißelt“ sind. „Wir befinden uns noch im Verfahren der frühzeitigen Bürgerbeteiligung, die Offenlage der endgültigen Pläne, bei der jeder das Recht hat, Einwände vorzubringen, erfolgt erst noch. Das, was wir Ihnen heute zeigen, ist noch nicht das, was endgültig sein wird“, betonte Schindling, „es soll nur einen atmosphärischen Eindruck vermitteln.“

Auf dem 40.000 Quadratmeter großen Gelände sollen rund um die denkmalgeschützte Ölmühle drei- bis fünfgeschossige Gebäude mit Miet- und Eigentumswohnungen entstehen. „Es ist jetzt schon Wohnungsdruck auch bei uns hier zu spüren, und Prognosen sprechen von 400.000 Menschen, die in den nächsten Jahren noch ins Rhein-Main-Gebiet ziehen werden. Hier kann man im Moment bauen, was man will, es verkauft sich sofort. In der Phrix wird es Wohnungen geben, die 7000 Euro pro Quadratmeter kosten, und die sind schon alle verkauft“, erklärte Schindling und fragte: „Wir geht man damit um?“ Er bekräftigte, dass die Stadt Hattersheim nach den Wohngebieten, die nun im Entstehen oder geplant sind, keine weiteren mehr entwickeln werde. „Und das meine ich so. Wir streben nicht an, was weiß ich wie viele Einwohner zu bekommen.“ Man wolle mit der geplanten Entwicklung des Ölmühlengeländes mit Mietwohnungen dem Wohnungsdruck „ein Stück weit entgegenkommen“, nachdem in den anderen neuen Quartieren nur Reihen- und Bungalowhäuser gebaut worden seien.

Die Bürger interessierten sich für die Frage, ob denn durch die dort hinziehenden Menschen mit mehr Verkehr auf dem Hessendamm zu rechnen sei und ob ausreichend Stellplätze für deren PKW eingeplant worden seien. „Ja, das heißt schon, dass wir Autos dazubekommen“, erklärte der Bürgermeister, „aber nicht so viele mehr als jetzt. Das sind dann zwar andere Verkehrsbewegungen, aber ein Verkehrsgutachten sagt auch, es sind dann gar nicht so viele mehr.“ Auch seien im Rahmen der Stellplatzsatzung und nach Ansicht eines Gutachtens vom TÜV mit 1,5 Plätzen pro Wohneinheit genügend Stellplätze geplant. „Auch wenn selbst mein subjektives Gefühl ein anderes ist, die Gutachter sagen das so“, stellte er fest. „Das hat mich auch überrascht, aber es wird hinkommen – hoffe ich.“

Eine weitere Frage befasste sich damit, ob es nicht sinnvoller sei, zuerst die Infrastruktur zu schaffen und dann Mietwohnungen zu bauen. „Die Wohnungen sind in zwei Jahren fertig – die Infrastruktur zu schaffen, kann länger dauern“, wurde angemerkt. „Das haben wir alles eingerechnet, es gibt einen Masterplan und wir verfolgen ein Ziel“, erklärte Klaus Schindling dazu, „der Kunstrasen des Hattersheimer Sportplatzes wird dieses Jahr fertig, der in Okriftel nächstes Jahr, der Eddersheimer Sportplatz bekommt ein neues Funktionsgebäude, der Kindergarten des EVIM ist schon da, wir haben auch die Senioren und die medizinische Versorgung im Auge.“ Auch die Ansicht, dass bei den Mietpreisen, die für die meisten der Ölmühlen-Wohnungen einmal verlangt werden, vielleicht doch auch Einfamilienhäuser nicht teurer gewesen wären, wurde vom Bürgermeister widerlegt: „Bei Reihenhäusern gibt es keine Mietwohnungen, es ist wichtig, das auch im Blick zu haben.“

Auch ein Stadtplaner unter den Hattersheimer Bürgern meldete sich zu Wort, der verstehen kann, dass man auf dem Ölmühlengelände eine „größere Entwicklung“ möglich machen möchte, der sich aber fragte, ob die geplante Bebauung des Areals in städtebaulicher und in ökologischer Sicht „so ideal“ sei. „Ist das wirklich das, was sie hier wollen in Hattersheim?“, fragte er Bürgermeister Schindling. „Es kommt nicht darauf an, was mir gefällt“, meinte dieser dazu, „aber mehr Fläche zu bebauen wäre doch auch nicht ökologisch.“ Auf den Anteil der fünfgeschossigen Gebäude im neuen Quartier angesprochen, meinte Schindling, man könne zwar auch alles viergeschossig anstatt „abgestuft“ bebauen, „aber was hätte man davon?“

Fortschritt auf dem Phrix-Gelände
Auf dem Gelände der ehemaligen Cellulose-Fabrik Phrix in Okriftel werden vom Investor Prinz von Preussen Grundbesitz AG ebenfalls Wohnungen gebaut, deren beste Lagen in der Silhouette des denkmalgeschützten Ensembles zu einem Quadratmeter-Preis von 7000 Euro gehandelt wurden. Bürgermeister Schindling informierte darüber, dass der Boden dort, obgleich er keine toxische Belastung aufweist, versiegelt wird, die dort geplanten Baumpflanzungen werden in Kübeln stattfinden. Da auf dem Phrix-Gelände das baurechtliche Verfahren schon abgeschlossen ist, konnten die Teilnehmer der Versammlung davon ausgehen, dass die gezeigten Pläne und Visualisierungen auch so umgesetzt werden, wie es darauf zu sehen war.

Nach dem Wunsch von Schindlings Vorgängerin im Baudezernat, Karin Schnick, wird es eine Verlängerung des Radwegs am Main in Richtung Eddersheim bis zum Ende des Phrix-Geländes geben, der auch als Rettungszufahrt genutzt werden wird. Für die zukünftigen Phrix-Bewohner wird ein Parkhaus entstehen, welches gleichzeitig als Schutz vor dem aus dem angrenzenden Industriegebiet kommenden Lärm dienen wird. Es wird im Phrix-Gelände nur „komfortable“ öffentliche, „für alle erlebbare“ Fuß- und Radwege geben, auch ein Durchgang zum Main von der Rheinstraße aus wird gebaut. Eine Zufahrt an der Kirchgrabenstraße soll lediglich als Notzufahrt genutzt werden. 

Hauptsächlich Anwohner rund um die Phrix stellten in Bezug auf die gerade stattfindenden Bauarbeiten Fragen, etwa zur Einhaltung des Baubeginns und zur Eindämmung der Staubbelastung, die Bürgermeister Schindling an die zuständigen Stellen bei der Bauaufsicht weiterleiten wird. Wegen dieser Belastungen brennen den Anwohnern zwei Fragen unter den Nägeln: „Kann man damit rechnen, dass es in vier Jahren vorbei ist?“ und „Wann werden die ersten neuen Nachbarn dort einziehen?“, wollten sie wissen. „Der Bauträger beginnt mit den Wohnungen in der Premiumlage – und die Stadt hat das Parkhaus zur Verpflichtung für einen Baubeginn gemacht“, erklärte Bürgermeister Schindling, „dann wollen die sehen, wie es sich weiterentwickelt.“ Allerdings ist Schindling zuversichtlich, dass die Abrissarbeiten in einem Jahr vorbei sind und danach nur noch Ausbauarbeiten, bei denen keine Bagger mehr benötigt werden, folgen.

Auch die Phrix-Anwohner sorgen sich um mehr Verkehr durch die neuen Bewohner. „Was hat man sich gedacht, wie das laufen soll?“, wollte man wissen und ob der Investor sich nicht an der Verbesserung der Verkehrsführung beteiligen könne. Bürgermeister Schindling berief sich an dieser Stelle ebenfalls auf vorliegende Gutachten: „Man hat festgestellt, dass keine Maßnahmen am umliegenden Verkehrsnetz notwendig sein werden“, erklärte er, daher könne man vom Investor auch keine Beteiligung an Verkehrsverbesserungen verlangen. „Wir dürfen vom Maßnahmenträger auch gar nicht verlangen, etwas zu verbessern, für das er nicht zuständig ist“, ergänzte Bauamtsleiter Kettenbach.

Neuer Schulstandort in Hattersheim
Hinter den Häusern des Südrings, am Ende der parallel verlaufenden Spindelstraße, wird aller Voraussicht nach die dritte Grundschule im Stadtteil Hattersheim entstehen.

„Wir haben neun Standorte untersucht – unter anderem eine „schonende Variante“ bei der Heinrich-Böll-Schule“, erklärte Bürgermeister Klaus Schindling, „aber entweder hielt der Schulträger Main-Taunus-Kreis die Lage für ungünstig – hier war von vornherein die Bedingung gesetzt worden, die neue Schule solle südlich der Bahnlinie liegen – oder der Eigentumserwerb war schwierig.“ Momentan gehe man davon aus, dass am geplanten neuen Standort eine Grundschule mit drei bis vier Zügen für 350 bis 400 Kinder entstehen wird, sie wird mit einer kleinen Zweifeld-Sporthalle ausgestattet sein. „Diese Schule ist auch notwendig, die Robinsonschule platzt aus allen Nähten“, stellte Schindling fest. Auch eine Erweiterung der HBS sei in den Schulentwicklungsplänen „mit Elan nach vorne gerutscht“, denn „Kinder, die heute in die Grundschule gehen, gehen dann auf weiterführende Schulen“. Eine größere, öffentlich zugängliche Sporthalle soll es für die HBS in naher Zukunft ebenfalls geben.

Allerdings gebe es mit dem neuen Grundschulstandort noch einige Probleme, mit denen man sich zu beschäftigen habe, wenn er einmal feststeht. Zu lösen sei etwa, wie das Gelände angefahren werden könne. „Was macht man mit den Eltern, von denen man ja weiß, dass viele ihre Kinder heute mit dem SUV ins Klassenzimmer fahren?“, fragte sich Klaus Schindling schnurrig. Dabei sei ja auch eine „kindgerechte Zuwegung“ zu Fuß und mit dem Fahrrad möglich, die zudem noch Sauerstoffaufnahme vor dem Unterricht garantiere.

Aus den Reihen der Bürgerversammlung meldete sich eine junge Mutter zu Wort, die gleich darum bat, bei der Planung der Schulwege auch an die Sicherheit der Kinder zu denken und etwaige Tempo-30-Zonen mehr zu überwachen. Auch wollte man wissen, warum eine neue Schule nicht auch in einem der Neubaugebiete gebaut werden könne. Bauamtsleiter Thomas Kettenbach: „Wir hatten das untersucht, aber die Nachteile waren zu groß, der viel befahrene Hessendamm sorgt ja auch für eine Verlärmung. Andere Standorte haben für eine Schule bessere Rahmenbedingungen.“ Laut Bürgermeister Schindling verlangt der MTK auch, dass vorgeschlagene Standorte auch „verfügbar“ sein müssen. „Das Ölmühlengelände stand ja nicht im Eigentum der Stadt. Und eine Schule im teuren Bauerwartungsland würde der Kreis nicht bezahlen wollen“, machte er klar. „Absoluter Favorit“ für einen neuen Schulstandort sei das Gelände hinter dem Kleintierzüchterverein gewesen: „Aber das Umweltamt war nicht einverstanden, weil dort ein regionaler Grünzug mit einer Frischluftschneise für die Stadt liegt.“

Selbst die Anwohner der Spindelstraße sehen, dass der vorgesehene Standort ebenfalls ideal für eine Schule sein würde: „Aber wie will man den verkehrstechnisch erschließen?“, fragten sie auf der Versammlung. „Auch wir wollen dort keinen Infarkt“, beruhigte Bürgermeister Schindling, „eine Lösung wird überlegt. Vielleicht könnte man so planen, dass die Kinder 300 Meter entfernt aus dem Auto gelassen werden können und den Rest alleine laufen. Jedenfalls sollen die Eltern nicht kreuz und quer auf dem Südring parken und ihre Kinder dort einfach raushüpfen lassen.“ Die Besorgnis, das Gelände sei doch Wasserschutzgebiet, konnte Klaus Schindling ausräumen: Es liege zwar gleich dahinter ein Wasserschutzstreifen, aber HessenWasser habe schon sein „Okay“ für den Schulbau an der geplanten Stelle gegeben.

Mit der Information, dass mit der Fertigstellung – „wenn alles gut geht“ – im Jahr 2022 zu rechnen sei, ging die Versammlung zum Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ über, bei dem noch Fragen dazu gestellt wurden, wie man den Einzelhandel wieder in die Stadt bringen wolle und wie das „Trauerspiel“ der fehlenden Barrierefreiheit am Hattersheimer Bahnhof, „gerade auch im Hinblick auf die neuen Wohngebiete“, beendet werden könne.

In Bezug auf den Einzelhandel gibt es zwar „Visionen“ von einer Fußgängerzone in der Frankfurter Straße oder von einem „kleinen Einkaufszentrum vor der Sporthalle“, aber es gibt auch die Erkenntnis, es sei „eine harte Nuss“, Geschäfte nach Hattersheim zu holen. „Wir sehen, dass eben nicht verfügt werden kann: 'Du Geschäft gehst hier rein und machst guten Umsatz'“, hatte der Bürgermeister erfahren müssen, „aber wir haben die Probleme erkannt.“ In Bezug auf den barrierefreien Umbau des Bahnhofs stehe zwar fest, dass die Deutsche Bahn diesen leisten müsse. Allerdings stehe noch nicht fest, wann das sein werde.

Auch eine Frage nach dem ehemaligen Thomas-Philipps-Gebäude in Okriftel kam noch aus den Reihen der Versammlungsteilnehmer: „Das ist jetzt eine Müllhalde mitten in der Stadt. Was kommt denn da nun hin? Eine Moschee oder ein Hochhaus?“ Beides wurde von Klaus Schindling verneint. „Der Investor hat schon ein paar Versuche gemacht, Genehmigungen zu bekommen, aber alle vorgelegten Pläne waren bisher nicht akzeptabel“, berichtete der Bürgermeister. „Jetzt sieht es so aus, dass dort im unteren Bereich eine Verkaufsfläche bleiben soll und darauf Aufbauten kommen, aber kein Hochhaus“, beruhigte er die Bürger.

Nach anstrengenden, aber informativen zweieinhalb Stunden machten sich die Versammlungsteilnehmer auf den Heimweg. Gesprächsstoff für die aus dem Haus der Vereine strömenden kleinen Gruppen hatte der Abend wohl genügend gebracht.
 

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