Rechenzentrumsabwärme birgt riesiges Potenzial

Bürgerinformation zur Kommunalen Wärmeplanung in Hattersheim am vergangenen Donnerstagabend

mpk

Die Erstellung der kommunalen Wärmeplane ist derzeit in aller Munde. Kommunen wie Hattersheim können hiermit die Aufgaben und Problematiken in diesem Zusammenhang anpacken und einen individuell und lokal angepassten Fahrplan für die Energiewende erstellen.

In den vergangenen Monaten hat auch die Stadt Hattersheim am Main gemeinsam mit der HessenEnergie Gesellschaft für rationelle Energienutzung mbH (HessenEnergie) die hiesige Kommunale Wärmeplanung erstellt, um mit einer klimaneutral und wirtschaftlich gestalteten zukünftigen Wärmeversorgung zum gesetzlich angestrebten Ziel der Klimaneutralität bis 2045 beizutragen. Mittlerweile befindet sich dieser Prozess für Hattersheim in den letzten Zügen: Derzeit läuft bereits die Offenlage, die noch bis zum 21. September stattfinden wird und auf die dann nur noch der finale Beschluss am 25. Oktober folgen soll.

Damit auch die Hattersheimer Bürgerinnen und Bürger weiterhin in diesen Prozess mit eingebunden werden, fand am Donnerstagabend vergangener Woche eine Bürgerinformation in der Stadthalle zu diesem Thema statt. Diese war recht gut besucht, das Interesse der Bürgerschaft scheint - aus guten Gründen - angemessen groß zu sein.

Henrik Wilhelm von HessenEnergie präsentierte an diesem Abend die zentralen Ergebnisse der kommunalen Wärmeplanung, die Bestands- und Potenzialanalyse sowie die Gebietseinteilung, gefolgt von einer Fragerunde. Unterstützt wurde er dabei von der Hattersheimer Verwaltung, vertreten durch Stefan Wernersbach und Thomas Kettenbach vom Referat Bauen, Planen, Klima sowie Bürgermeister Klaus Schindling.

Nach der Begrüßung durch Rathauschef Schindling ergriff Helmut Wilhelm das Wort und erläuterte zunächst einmal die Ausgangssituation. Demnach ist der Wärmesektor in Hinblick auf die Energiewende der größte Hebel: Dieser verbraucht alleine fast so viel Energie wie Verkehr und Strom zusammen. Aber während der Anteil erneuerbarer Energien im Stromsektor mittlerweile bereits auf über 50 Prozent angestiegen ist, dümpelt dieser bei der Wärme noch unter 20 Prozent herum. Damit ist klar: Ohne eine erfolgreiche "Wärmewende" ist eine Klimaneutralität in Deutschland bis zum Jahre 2045 nicht erreichbar.

Wilhelm betonte, dass es sich bei der Wärmeplanung um eine strategische Planung handelt und damit noch nicht um eine Fachdetailplanung für einzelne Aspekte. Und aus einer solchen strategischen Planung ergeben sich weder für private Eigentümerinnen oder Eigentümer noch für die Stadt Hattersheim irgendwelche Pflichten.

Ziel ist es, mit einer solchen Planung die Investitionssicherheit zu fördern, so Henrik Wilhelm. Man soll besser abschätzen können, welche Optionen zum Heizen man ihn Zukunft haben wird, und welche Maßnahmen die Stadt plant, um diesen Prozess zu unterstützen. Wilhelm sieht die Wärmeplanung als "lebendes Objekt", und hier hat man nun die Basis für einen Prozess geschaffen, der im maximalen Abstand von fünf Jahren stets fortgeschrieben wird. So wird beispielsweise möglichen Änderungen bei den rechtlichen Rahmenbedingungen Rechnung getragen, oder auch neuen Entwicklungen in Sachen Technik oder Marktbedingungen.

Erdgas ist noch dominant

Wie sieht es nun derzeit in Hattersheim aus? Wie in ganz vielen anderen hessischen und bundesweiten Kommunen auch, so Wilhelm. Nach wie vor wird der größte Anteil der Gebäude über fossile Heizungssysteme versorgt, allein Erdgas nimmt in Hattersheim einen Anteil von 66,1 Prozent ein, dementsprechend ist fast das komplette Stadtgebiet mit einem Gasverteilnetz erschlossen. Auch Heizöl ist mit 17,9 Prozent nach wie vor ein großer Faktor. Mit 7,8 Prozent verfügt man aber in Hattersheim auch heute schon über einen signifikanten Teil, der mit Fernwärme versorgt wird. Noch kaum eine Rolle spielen aktuell elektrische Wärmepumpen mit lediglich 1,8 Prozent.

In Hattersheim stellen Gebäude, deren Baujahr zwischen 1949 und 1978 liegt, und damit zeitlich vor der ersten Wärmeschutzverordnung, mit 48 Prozent den Löwenanteil. Auch hier liegt ein potenziell großer Hebel zur Wärmebedarfsreduktion durch energetische Maßnahmen, sprich: Sanierungen vor.

In Hinblick auf Wärmenetze gibt es in Hattersheim eine besondere Ausgangssituation: Aktuell werden hier fünf Wärmenetze betrieben: Im Westen der Stadt durch die Stadtwerke (zukünftig Wärmeversorgung Hattersheim GmbH), ein großes Netz von Iqony versorgt hauptsächlich Gebäude der Hawobau, die Mainova versorgt mit ihrem Netz das Landwehr Quartier und den Hugo-Hoffmann-Ring heute schon mit Rechenzentrums-Abwärme. Jenseits des Hessendamms gibt es noch ein kleines Netz der Süwag, zudem ein weiteres in Okriftel an den Main Riverside Lofts.

Mit Ausnahme des Mainova-Netzes werden diese Netze heute noch hauptsächlich mit Erdgas und Biomethan versorgt. Die Versorger dieser Netze sind gefordert, bis 2045 klimaneutral zu werden, und in einem ersten Schritt müssen sie bereits bis 2030 zu einem Anteil von 30 Prozent regenerative Energien zur Verfügung stellen.

Potenziale

Bezüglich der Potenzialanalyse stellte Henrik Wilhelm fest, dass man sich im Rahmen der Kommunalen Wärmeplanung in erster Linie mit dem theoretischen Potenzial beschäftigt, jedoch auch unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen und realistisch erschließbaren Potenziale: Was ist wirklich ökonomisch sinnvoll einsetzbar? Und welche Potenziale sind tatsächlich erschließbar? Kann man gegebenenfalls über die nötigen Flächen verfügen, und besteht auch innerhalb der Bürgerschaft eine ausreichende Akzeptanz für diese oder jene Maßnahme?

In Sachen dezentrale Versorgung müsse man vorrangig über das Thema Wärmepumpensysteme sprechen, so Wilhelm. In Hattersheim besteht in großen Teilen der Stadt eine gute Eignung für den Einsatz von Luft-Wasser-Wärmepumpen. Gerade in historischen Ortskernen kann es hier aber zu Platzproblemen kommen - denn so eine Pumpe benötigt eben auch einen gewissen Raum, und den gibt es nicht überall in ausreichendem Maße. Dies müsse jeder Einzelfall für sich geklärt werden, gemeinsam mit dem lokalen Fachhandwerk, einem Energieberater oder auch der Verbraucherzentrale.

Auch Geothermie kann eine Rolle spielen, jedoch gibt es im Bereich von Eddersheim ein Wasserschutzgebiet, wo die Nutzung von Erdwärmesonden ausgeschlossen ist. Der übrige Bereich ist zumindest hydrobiologisch sensibel, was bedeutet, dass der Einsatz solcher Sonden ist unter Umständen zwar möglich ist, aber gegebenenfalls besondere Anforderungen erfüllen muss.

Eine Flusswasserwärmenutzung ist zunächst einmal in Okriftel und Eddersheim durch die Mainlage technisch interessant, dort gibt es aber auch "sehr, sehr hohe Hürden" zu überwinden, schränkt Henrik Wilhelm ein: Eine Errichtung wäre äußerst kapitalintensiv und eine Verwirklichung benötig im Vorfeld eine Vielzahl an Genehmigungen. Eine Gemengelage, die auf Kosten einer potenziellen Realisierbarkeit geht.

Das Thema Abwärme aus Rechenzentren ist freilich ein riesiges Thema in Hattersheim. Das in der Theorie maximal technisch nutzbare Potenzial übersteigt hier den Wärmebedarf in Hattersheim um ein Vielfaches. Und ein großer Vorteil der Rechenzentrumsabwärme ist der Umstand, dass diese dank eines ganzjährig konstanten Temperaturniveaus erheblich effizienter ist als beispielsweise die Generierung von Wärme durch eine Wärmepumpe. In der Regel könne man aber die Abwärme aus den Rechenzentren nicht einfach so nutzen, weil diese mit 25 bis 30 Grad meist zu kalt für Wärmenetze ist und deren Temperatur erst durch Großwärmepumpen auf das notwendige Niveau angehoben werden muss. Kein wesentliches technisches Hindernis - aber man muss eben die benötigte zusätzliche Infrastruktur schaffen, was natürlich auch wiederum ein Kostenfaktor ist.

Beim Hattersheimer Rechenzentrum FRA4 sowie beim sich gerade im Bau befindlichen FRA5 war eine Abwärmenutzung von Anfang an städtebaulich vorgesehen. Bei vielen älteren Rechenzentren hingegen erweist sich eine solche Nachrüstung angesichts begrenzter Platzreserven oft als schwierig.

Voraussichtliche Wärmeversorgungsgebiete

Eine zentrale Aussage des Kommunalen Wärmeplans ist die Eingliederungen der verschiedenen Teilgebiete in sogenannte voraussichtliche Wärmeversorgungsgebiete. Hier ist vor allem von Wärmenetzgebieten die Rede, wo Wärmenetze neu errichtet beziehungsweise erweitert oder nachverdichtet werden sollen.

In sogenannten dezentralen Versorgungsgebieten versorgt man sich auf eigene Faust mit den dort vorgesehenen Technologien. Wasserstoffnetzgebiete wurden in Hattersheim sehr frühzeitig ausgeschlossen, die Unsicherheiten in Bezug auf Verfügbarkeit und Preisgestaltung erachtet man dort als zu groß. Und schließlich gibt es noch Prüfgebiete, wo man heute noch nicht genau sagen kann, was vermutlich die beste Lösung sein wird, weil noch mehr Grundlagen untersucht werden müssen.

Ziel in Hattersheim ist es nun, bis 2045 die Wärmenetzversorgung deutlich auszuweiten. In Hattersheim steht dabei die Nutzung von Rechenzentrumsabwärme im Fokus. Um eine verlässliche Umsetzung sicherzustellen, müssen der Analyse durch HessenEnergie zufolge die Stadt, die Stadtwerke und die Netzbetreiber Ausbaupfade eng miteinander abstimmen. Gemeinsame Infrastrukturmaßnahmen können hier die Kosten potenziell deutlich senken und damit die Wirtschaftlichkeit verbessern.

Für Eddersheim und Okriftel werden mögliche Wärmenetzgebiete weiter geprüft. Gerade in diesen beiden Stadtteilen zeigt sich aber auch: Weite Teile werden wohl dauerhaft dezentrales Wärmeversorgungsgebiet bleiben.

Zur "Schlüssel-Infrastruktur" für zentrale und dezentrale Wärmeversorgung gleichermaßen wird bei diesem Zielszenario das Stromnetz. Schon heute ist das lokale Netz in Hattersheim stark ausgelastet und zunehmend lastgeprägt. Bis 2045 erwartet man hier umfassende Verstärkungen, zusammen mit dem Netzbetreiber müssen Ausbau und Verstärkung des Netzes frühzeitig koordiniert werden. Auch neue Großwärmepumpen, wie sie womöglich zur Rechenzentrumsabwärmenutzung benötigt werden, müssen früh abgestimmt werden, um Engpässe zu vermeiden, empfiehlt HessenEnergie.

Was das vorhandene Gasnetz angeht, so ist dessen Rolle fortlaufend mit dem Betreiber zu prüfen. Langfristig wird der Gasabsatz zweifellos sinken. Wirtschaftlich nicht mehr rentable Netzabschnitte können dann stillgelegt werden - das jedoch natürlich mit einer enormen Vorlaufzeit, niemand soll von einer solchen Entwicklung überrumpelt werden. Und gerade in den Ortskernen könnte Gas vorübergehend noch länger eine vergleichsweise große Rolle spielen.

Die Entwicklung der Netzentgelte soll vor diesem Hintergrund laufend neu bewertet werden. Noch nicht absehbar sind Auswirkungen der sich ändernden rechtlichen Rahmenbedingungen, wie beispielsweise beim Gebäudemodernisierungsgesetz.

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