HATTERSHEIM (ak) – Für ihn selbst ist es ein ganz normales Leben voller Selbstverständlichkeiten – viele andere mögen sich aber fragen, was ihn wohl dazu antreibt, 40 Jahre lang ehrenamtlich dem Vorstand der Hattersheimer Evangelischen Kirchengemeinde anzugehören, 35 Jahre davon sogar als dessen Vorsitzender. Hans-Eberhardt Hildebrandt hat eine ganz schlichte Erklärung dafür: „Unsere Gesellschaft bietet dem einzelnen viele Vorteile. Wenn man dieses Glück hat, in solch einer Gesellschaft leben zu können, sollte man versuchen, ihr im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten etwas zurück zu geben. Nichts anderes habe ich gemacht.“
Hildebrandt wurde 1931 in Magdeburg geboren, seine Jugend verbrachte er in der Nähe von Chemnitz bevor er mit seinen Eltern aus der damaligen „Sowjetisch besetzen Zone“ in den Westen floh. Durch einen Zufall blieb sein Vater 1947 in Hattersheim hängen und die Familie wurde hier heimisch. Hans-Eberhardt konnte das Goethe-Gymnasium in Frankfurt besuchen. Seine Erinnerungen an seinen damaligen langen täglichen Schulweg zu Fuß, mit der Bahn und mit der Straßenbahn lassen ihn lachen: „Das kann sich heute sicher keiner mehr vorstellen!“ Als er 1949 mit 17 Jahren Abitur machte, stand für ihn fest: er wollte Ingenieur werden – aber von der Pike auf. Also machte er eine Lehre, die er schon nach zwei Jahren als Maschinenschlosser-Geselle abschließen konnte. Danach studierte er an der Technischen Hochschule Darmstadt Maschinenbau, Fachrichtung Werkstofftechnik, und arbeitete dann seit 1956 bei den damaligen „Farbwerken Höchst“. Bis zu seiner Pensionierung 1991 nach 35 Dienstjahren hat er dort fünf verschiedene Abteilungen geleitet und dabei „viel gelernt, was ihm später als Kirchenvorstands-Vorsitzender sehr nützlich war“ – zum Beispiel Verhandlungstechnik, den Umgang mit der Bürokratie und auch den mit verschiedenen Menschen.
Im Laufe der Zeit hat er dann in Hattersheim eine eigene Familie gegründet und ein Haus gebaut, in den Jahren 1961 bis 1970 wurde er Vater von zwei Jungen und zwei Mädchen. In die Hattersheimer Evangelische Kirchengemeinde kam er eigentlich zunächst nur als eine Art „Ersatzmann“: Sein älterer Bruder hatte eine Nichte der in der evangelischen Kirche sehr engagierten „Schlocker-Damen“ geheiratet und war von diesen vorgesehen, „frischen Wind“ in den damaligen Kirchenvorstand zu bringen. Aber der Bruder musste aus beruflichen Gründen aus Hattersheim wegziehen und so überzeugte man unter anderem mithilfe des damaligen Pfarrers Hanstein den „kleinen Bruder“ Hans-Eberhardt Hildebrandt, im Kirchenvorstand mitzuarbeiten.
Als er fünf Jahre später das Amt des Kirchenvorstandsvorsitzenden übernahm, hatte er damit nach seinem Verständnis eine Pflicht übernommen, neben der ihm nur noch sein Beruf und seine Familie wichtig waren. Seitdem hat er etwa 380 Kirchenvorstandssitzungen geleitet, nur zwei oder drei solcher Sitzungen hat er wegen Krankheit versäumt. Auch in beruflich anspruchsvoller Zeit -er leitete zur „Schleyer/Herrhausen-Zeit“ den Werksschutz der Hoechst AG- und selbst als Ende der siebziger Jahre seine erste Frau schwer erkrankte und 1984 verstarb, ließ er keine Ausflüchte gelten, wenn es um den Kirchenvorstand ging, denn er spürte, dass er mit seinen Fähigkeiten genau an dieser Stelle gebraucht wurde. „Immerhin haben mich während meiner Amtszeit insgesamt 81 Damen und Herren immer wieder in das Amt gewählt, das zeigt doch, dass man zufrieden mit mir war“, sagt er nicht ohne Stolz darauf, gute Arbeit dort geleistet zu haben. Aber er betont auch: „Ein Kirchenvorstand ist ein Kollektiv – es kann nur dann gut laufen, wenn alle an einem Strang ziehen! Ein Erfolg kommt immer aus der Mannschaft.“ Hildebrandt erklärt: „Der Kirchenvorstand regelt die „weltlichen Belange“ innerhalb einer Gemeinde und sorgt damit dafür, dass das Haus gut hergerichtet wird – der Pfarrer ist dafür zuständig, dass die Gläubigen sich dort wohlfühlen.“
Ein Kirchenvorstand bestimmt nicht nur die Gottesdienstzeiten und –in Abstimmung mit den Pfarrern- die Durchführung der Gottesdienste, er entscheidet außerdem, welche Veranstaltungen durchgeführt werden. Und er entscheidet über die Verwendung der Finanzen (Kirchensteuer), die Höhe der Gehälter der Mitarbeiter, die Bewirtschaftung, über Renovierungsarbeiten, Schulungsmaßnahmen, Konfirmandenfreizeiten, natürlich auch über die Verwendung von Spenden und die Schaffung von Rücklagen. „Je besser ein Kirchenvorstand arbeitet, desto besser geht es der Gemeinde“, weiß Hildebrandt. So waren seine Aufgabengebiete vielfältig in all den Jahren, zuletzt war er sozusagen in einer „Dreifachfunktion“ in seinem Kirchenvorstand tätig: nicht nur als Vorstandsvorsitzender, sondern auch als Vorsitzender des Finanzausschusses und des Bauausschusses. Da Hildebrandt es als seine Verpflichtung ansah, sein Ehrenamt für seine Gemeinde gut auszufüllen, war er ganz sicher für die Kirchenverwaltung manchmal ein „harter Brocken“. Er machte deutlich, wenn er das Gefühl hatte, dass sein „Lieblingsgegner“, die Kirchenbürokratie, nicht mehr den Interessen seiner Gemeinde diente, sondern seiner Meinung nach unflexibel oder kleinkariert agierte. „Manchmal hatte ich schon den Eindruck, der eine oder andere in der Kirchenverwaltung wollte sich auf Kosten der Ehrenamtlichen profilieren“, sagt Hildebrandt unverblümt.
Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb schätzt man ihn auch dort sehr, man hätte ihn gerne in den Synoden gesehen. „Das war aber nichts für mich, ich bin kein studierter Theologe“, sagt er, „mir war die Gewissheit lieber, in meiner Gemeinde was erreichen zu können.“ Und erreicht hat er so einiges im Verlaufe seiner Amtszeit: unter seinem Vorsitz wurde das Evangelische Gemeindezentrum gebaut, die Kirche außen renoviert, der große Saal instandgesetzt, die Evangelische Kindertagesstätte umgebaut und erweitert. Außerdem wurde die ökumenische Diakoniestation Hattersheim-Kriftel gegründet – ein Projekt, auf das Hildebrandt besonders stolz ist, da es ein gutes Stück Arbeit war, für insgesamt vier katholische, vier evangelische und zwei Zivil-Gemeinden ein tragfähiges Finanzierungsmodell zu schaffen. Ein etwas kleiner scheinendes Projekt, welches ihm aber wichtig ist, war die Umgestaltung eines wild bewachsenen Platzes bei der Kirche in einen schön gestalteten Ruheplatz, dafür hat er sogar selbst zwei Bänke gestiftet, die Plaketten mit seinem Namen und dem Namen seiner Frau tragen. Für seine Ehrenamtliche Arbeit in all den Jahren wurde Hildebrandt auch vielfältig ausgezeichnet: so ist er Träger der Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland und des Goldenen Kronenordens der Diakonie sowie Inhaber des Ehrenbriefes des Landes Hessen (er war auch lange Jahre Schöffe am Landgericht in Frankfurt!) und der Ehrenurkunde der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau.
Natürlich hat Hildebrandt als Vorsitzender des Kirchenvorstandes seine Gemeinde auch nach außen vertreten müssen und war oft, wenn es beispielsweise um die Kindertagesstätte ging, Gesprächspartner für die Stadt Hattersheim. Er hat ausschließlich positiv Erinnerungen an solche Gespräche, die Zusammenarbeit war -ob nun der Bürgermeister Winterstein, Schubert oder Franssen hieß- stets vorbildlich. Auch mit der Katholischen Kirche in Hattersheim wurde ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt, er empfand es immer als angenehm, dass es „mit der Ökumene so gut lief, es gab da nie Differenzen zwischen den Gremien oder den Pfarrern, es wurde viel zusammen veranstaltet“.
Trotzdem er all die Jahre gerne sein Amt ausgeführt hat, ist er nun doch froh, dass er bald von dieser Verantwortung befreit sein wird, und dann auch besser über seine Zeit verfügen kann. Er hat sich vorgenommen, mit seiner zweiten Frau -er ist seit zwölf Jahren mit ihr verheiratet- nun endlich ohne die kirchlichen Termine im Nacken gemeinsam mehr für die Gesundheit zu tun, etwa regelmäßig schwimmen zu gehen oder Kuren zu planen. Dafür verlässt er den Kirchenvorstand, bleibt lediglich zunächst noch Vorsitzender der Stiftung „Hattersheim evangelisch“.
Diese Stiftung, die es seit zwei Jahren gibt, ist ganz nach seinem Geschmack: hier wird ein fester Kapitalstamm angespart, der durch Spenden vergrößert werden kann und immer erhalten bleibt, nur die Zinsen davon können für satzungsgemäße Zwecke -wie etwa Jugendarbeit- ausgegeben werden. „Aber meine Telefonnummer ist bekannt – wer immer meinen Rat braucht, wird unterstützt werden“, sagt Hans-Eberhardt Hildebrandt abschließend. „Auch wenn meine Gesundheit die Sitzungen jeden Freitag von 19.30 bis 22.30 Uhr vielleicht nun nicht mehr mitmachen möchte – meine geistige Vitalkraft haben sie gestärkt!“
Am 30. Oktober 2011 findet in der Evangelischen Kirche in Hattersheim der Dank- und Abschiedsgottesdienst für Hans-Eberhardt Hildebrandt und danach ein kleiner Empfang zu seinen Ehren statt.

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