Würdevolle Gedenkveranstaltung an die Pogromnächte auf dem Marktplatz
Mit der wunderbaren Melodie „Chant de Vent“ von J. Donjon, auf der Querflöte gespielt von Roldon Brown, begann am vergangenen Samstag eine Gedenkveranstaltung zum Thema Antisemitismus auf dem Hattersheimer Marktplatz. Bürgermeister Klaus Schindling freute sich, dass so viele Hattersheimerinnen und Hattersheimer zu der von der Arbeitsgemeinschaft (AG) Opfergedenken mitveranstalteten und organisierten Gedenkstunde gekommen waren.
In einer kurzen Ansprache machte Schindling deutlich, dass es gut ist, immer wieder zusammen zu kommen, um sich an die grausamen Geschehnisse vor 81 Jahren zu erinnern, als Menschen verfolgt wurden, nur weil sie eine andere Meinung oder eine andere Religion hatten. „Und vor allem ist es in unserer heutigen Situation gut, dass wir gemeinsam aufstehen, um mit Mut und Tatkraft dem Rechtsextremismus, der immer wieder auch in unsere Stadt hineingetragen wird, entgegenzutreten“, stellte er im Hinblick auch auf die jüngsten Geschehnisse in Leipzig fest, „diese Angriffe auf eine Synagoge sind noch keine 81 Jahre, sondern erst einen Monat her.“ Schindling verwies auf die von Künstler Gunter Demnig auch in Hattersheim zur Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, politisch Verfolgten, von Homosexuellen, von Zeugen Jehovas und von Euthanasieopfern im Nationalsozialismus 81 verlegten Stolpersteine. „Diese Stolpersteine liegen in unserer Stadt da, wo diese Menschen ihren letzten selbstgewählten Wohnsitz hatten“, erklärte er und dankte der AG Opfergedenken für die Pflege dieser Erinnerungssteine. „Wir dürfen auch in Hattersheim nicht die Augen verschließen und müssen uns den Anfängen einer ideologischen Zusammenrottung gegen die Menschlichkeit entgegensetzen“, forderte der Bürgermeister, „geben wir uns die Hand für mehr Menschlichkeit!“
Schindling vergaß aber auch nicht zu erwähnen, dass „bei all dem Schlimmen“ das diesjährige Datum der Hattersheimer Gedenkfeier in Deutschland mit einer „guten Bedeutung“ verknüpft ist: „Heute vor 30 Jahren wurde die Mauer eingerissen! Es ist gut, dass es Menschen gibt, die dafür eintreten, Mauern einzureißen. Lassen sie uns auch Mauern zwischen uns Menschen einreißen, anstatt welche aufzubauen!“ Er mahnte an, dass auch bloße Worte eine Bedeutung haben. „Auch Worte können Gewalt sein. Wir müssen alle gemeinsam dafür sorgen, dass aus Worten keine Waffen werden und dass sie zu keinen Taten führen", rief der Bürgermeister die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung auf.
Bevor verschiedene Mitglieder der AG Opfergedenken die Namen und das Schicksal aller 81 von den Nationalsozialisten getöteten oder vertriebenen Hattersheimern verlasen, wurde aus dem Talmud zitiert: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Handlungen, achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten.“
Während Mitglieder der AG Opfergedenken die Listen mit Namen der Menschen aus Hattersheim, Eddersheim und Okriftel vorlasen, die in ihren Wohnorten zu Opfern des Nationalsozialismus wurden, ging das Leben auf dem Platz fast seinen gewohnten Gang. Passanten kamen zu Fuß oder auf dem Fahrrad vorbei, Menschen verließen das Reisebüro, ein Postbote rumpelte auf seinem voll bepackten Fahrrad über den Platz und ging seiner Arbeit nach. Einige der Leute blieben kurz stehen, schauten und hörten zu – vielleicht konnten sie durch die Veranstaltung dazu bewegt werden, sich ebenfalls zu erinnern. Auch die Kirchenglocken läuteten in der Zwischenzeit, erst zur Viertel-, dann zu halben Stunde. Den Zuhörern wurde sicher schmerzlich bewusst, welche große Menge von Schicksalen alleine hinter den 81 Namen der in Hattersheim betroffenen Menschen steht. Unterbrochen wurden die Nennungen der Namen durch das Musikstück „Sarabande“ von J.S. Bach und die Lesung des Gedichtes „Idee – Farben und Fahnen verschmelzen“ von Hans Widmann, welches man – ebenso wie die Namen und Schicksale der Menschen, an welche die Stolpersteine in Hattersheim erinnern - im Buch „…man müsste einer späteren Generation Bericht geben“ nachlesen kann.
Nach einer letzten Flötenmelodie („Syrinx“ von Debussy) von Roldon Brown bedankte sich auch ein Vertreter der AG Opfergedenken dafür, dass so viele gekommen waren, um die Erinnerung an die verfolgten und getöteten Hattersheimerinnen und Hattersheimer zu bewahren. Er lud alle ein, sich den Mitgliedern der AG, die sich dann zum Reinigen von Stolpersteinen aufmachen wollten, anzuschließen.

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