Bürgermeister stellt Möglichkeiten zur Entwicklung Eddersheims vor / Großer Zuspruch für Sporthalle
Bereits einen Monat vor Weihnachten, nämlich am Dienstagabend dieser Woche, war die Eddersheimer katholische Kirche voll. Der Anlass für den Ansturm auf das Gotteshaus war nicht religiöser, sondern ganz und gar irdischer Natur: Die Stadt hatte die Öffentlichkeit zu einem Informationsabend über die Entwicklungsmöglichkeiten des Stadtteils Eddersheim eingeladen – und Hunderte waren gekommen. Damit hatte die Stadt nicht gerechnet, und so wurde die Veranstaltung vom Begegnungszentrum kurzerhand in die benachbarte katholische Kirche verlegt.
Bürgermeister Klaus Schindling begrüßte die Bürgerinnen und Bürger sichtlich erfreut. Das große Interesse zeige, wie bedeutsam das Thema für Eddersheim sei. Es gehe an diesem Abend nicht darum, Details zu diskutieren, so Schindling, sondern vielmehr um die Vorstellung des grundsätzlich Möglichen und um den Meinungsaustausch darüber. "Ich will Ihnen keine Planung aufzwingen, die bereits fix und fertig ist", betonte der Bürgermeister. "Ich will Ihnen zeigen, was prinzipiell möglich ist und zugleich ein Gefühl dafür bekommen, was die Leute in Eddersheim wollen."
Arbeitsgrundlage für die Stadt war sozusagen die Annahme, dass die Mehrheit der Eddersheimer den Ausbau der Nahversorgung im Orte wünscht. Bereits unter seiner Vorgängerin im Amte, Antje Köster, hatte es Gespräche mit Vertretern entsprechender Märkte gegeben, allerdings ohne Ergebnis. Falls dies von den Eddersheimern gewollt sein sollte, sei er dazu bereit, einen neuen Anlauf zu wagen, so Schindling.
Die Stadt sieht mehr als nur eine Chance am Ortsrand Richtung Okriftel. Denn es geht, wie gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich wurde, nicht nur darum, dort einen Nahversorger anzusiedeln. Vielmehr will die Stadt mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Neben einem Supermarkt könnten auf dem knapp 2 Hektar großen Gelände zwischen Posten-19-Weg, Neckarstraße und Kelsterbacher Straße auch eine Sporthalle sowie Gebäude für seniorengerechtes Wohnen gebaut werden.
Dabei handele es sich um das – vorläufige – Ergebnis einer Abwägung dessen, was ökonomisch sinnvoll, ökologisch vertretbar und schlussendlich genehmigungsfähig sei, erklärte der Bürgermeister. Die Stadt habe zunächst in Gesprächen mit Einzelhandelsunternehmen erfahren, dass für sie ausschließlich eine Lage am Ortsrand von Interesse sei. "Das ist vielleicht blöd, ist aber leider so", sagte Schindling. "Vollversorger benötigen hohen Zulauf an Kundschaft. Und sie brauchen daher auch viele Parkplätze." Dann habe man sich beim Regierungspräsidium (RP) erkundigt, unter welchen Bedingungen die Ansiedlung eines Vollversorgers am Ortsrand genehmigungsfähig sei. Das RP habe hinsichtlich der Bebauung ausdrücklich einen "ortsöffnenden Charakter" gefordert. Ein Supermarkt alleine könne dort also nicht realisiert werden, es müssten, so Schindling, "weitere Dinge entstehen, von denen Eddersheim profitiert". "Zum Beispiel eine Sporthalle", schlug der Bürgermeister unter kräftigem Applaus vor. In Eddersheim gebe es nicht nur "super erfolgreiche" Handballteams, sondern auch eine vorbildliche Jugendarbeit. Derzeit würden jedoch nur zwei wettkampfuntaugliche Hallen zur Verfügung stehen. "Eine Dreifeld-Sporthalle wäre eine gute Idee", meinte Schindling vor diesem Hintergrund. 80 bis 100 Parkplätze seien möglich, sie kämen einerseits der Sporthalle und dem Supermarkt, andererseits aber auch dem nahen FC Eddersheim zugute. An den Spieltagen des FCE herrsche nämlich "Parkanarchie", die durch zusätzliche Parkplätze "entzerrt" werden könne, stellte Schindling in Aussicht.
Begeisterung und Entsetzen
In unmittelbarer Nachbarschaft zu Halle und Markt könnten außerdem seniorengerechte Wohnungen, ein Gesundheitszentrum, ein Fitnessstudio und/oder eine Drogerie entstehen. Das Ganze müsse praktisch das Wesen eines Wohnquartiers haben, fasste der Bürgermeister zusammen. Als Konsequenz einer solchen Erweiterung sei mit einer Erhöhung des Verkehrsaufkommens zu rechnen, sagte Schindling.
Die Reaktionen aus dem Publikum schwankten zwischen Begeisterung und Entsetzen, wobei die von der Stadt vorgestellte Idee, zumindest an diesem Abend, mehr Befürworter als Gegner hatte. So zeigte sich die Mehrheit derjenigen, die sich im Diskussionsteil zu Wort gemeldet hatten, vor allem über den Vorschlag erfreut, am Ortsrand eine Sporthalle zu errichten. Darunter war auch der Erste Vorsitzende der TSG Eddersheim, Andreas Marz. "Wichtig wäre auch die Schaffung eines Begegnungsraums in dieser Halle, um Veranstaltungen wie die des heutigen Abends ermöglichen zu können", regte Marz an, der dafür kräftigen Beifall erhielt. Die Anregung des TSG-Vorsitzenden sei "absolut richtig", entgegnete der Bürgermeister: "Die Bürgerstuben stehen vor einer unklaren Zukunft. Es gibt keine Bühne für die Fastnacht, wir brauchen zudem Räume für die Vereine – all das würde natürlich in eine Sporthalle integriert werden."
Eine Teilnehmerin des Infoabends, dem Gesangverein Liederkranz-Eintracht Eddersheim zugehörig, sprach sich zwar für die Errichtung einer Halle – mit Bühne – aus, bezweifelte jedoch, wie nicht wenige andere, den Nutzen eines Supermarktes. Es seien genügend Märkte in der Umgebung vorhanden, etwa in Okriftel oder Weilbach. Wegen der zu erwartenden Verkehrszunahme sei es besser, auf einen Nahversorger am Ort zu verzichten und bei Besorgungen einen geringfügig weiteren Weg in Kauf zu nehmen, meinte sie.
Eine andere Zuschauerin wünschte sich anstatt eines Supermarktes einen "Unverpackt-Laden". Sie zog dafür den Bau der Sporthalle in Zweifel; vielleicht gebe es eine andere Lösung, etwa die Vergrößerung der Schulsporthalle. Des Weiteren betonte sie, kein Mischgebiet in Ortsrandlage zu wollen. Der Bürgermeister erwiderte, dass die Stadt kein Interesse daran habe, auf dem besagten Gelände Gewerbe anzusiedeln. Auch liege der Fokus nicht auf Wohnbebauung, wenngleich einige Wohneinheiten durchaus realisiert werden könnten. Ein Unverpackt-Laden sei freilich eine Alternative, über die man nachdenken könne; allerdings müsse sich ein solcher Laden auch halten können. Das gelte im Übrigen nicht nur für einen Standort am Ortsrand, sondern auch im Ortskern. Unstrittig dagegen sei die Notwendigkeit einer Sporthalle: "Wir brauchen sie, der Bedarf ist da! Irgendwo muss sie hin, auf jeden Fall", unterstrich Schindling. Wenn nicht in Eddersheim, dann eben anderswo – obschon es, wie der Bürgermeister einräumte, "nicht mehr so wahnsinnig viele andere geeignete Flächen" im Stadtgebiet gebe. Die Erweiterung der Schulsporthalle sei kein Thema, da sie unter die Zuständigkeit des Main-Taunus-Kreises falle. Jener habe zwar vor, die Schule auszubauen, nicht aber die zugehörige Halle.
Grundsätzlich gegen eine Erweiterung am Eddersheimer Ortsrand argumentierte Frank Wolf von der Bürgerinitiative für Umweltschutz Eddersheim (BfU). Er zeigte sich "entsetzt über die Platzwahl". Es gehe um ein "hochsensibles natürliches Gebiet", das als solches auch im Regionalen Flächennutzungsplan ausgezeichnet sei. "Es ist eigentlich die grüne Lunge von Eddersheim", meinte Wolf, der dafür aus den Reihen des Publikums Gelächter erntete. "Wir haben aufgrund des Klimawandels extrem heiße Sommer erlebt. Ohne diese Acker- und Wiesenflächen am Ortsrand wäre es noch heißer", entgegnete das BfU-Mitglied. Katja Reuter, die das Gelände am Ortsrand für ihren in Eddersheim ansässigen Erdbeer- und Spargelhof bewirtschaftet, sprach sich ebenfalls gegen die Bebauung des Geländes aus. Durch das Vorhaben würden nicht nur landwirtschaftliche Flächen verschwinden, auch Tiere wie Fledermäuse, Zikaden oder Gartenschläfer würden ihren Lebensraum verlieren. Außerdem sei der Einzelhändler tegut bereit, Filialen auch in Ortschaften bis 5.000 Einwohner zu betreiben. "tegut war vor acht Jahren schon einmal mit Frau Köster hier", merkte Reuter an. "Die würden wiederkommen." Man sollte über alternative Standorte nachdenken, sagte sie unter Beifall. "Wir haben noch mehrere großflächige Alternativen", behauptete Frank Wolf. Ursprünglich sollte auf der anderen Seite Eddersheims, nämlich an der Straße "Im Gotthelf" ein Edeka angesiedelt werden. Das sei jedoch aus unbekannten Gründen gescheitert. Bürgermeister Schindling klärte sogleich auf: Die Gründe seien wohlbekannt, die dort zur Verfügung stehende Fläche sei für den angedachten Markt zu klein gewesen. Edeka, so viel wurde während des Infoabends deutlich, ist nun an einem Standort am Ortsausgang Richtung Okriftel interessiert. Daraufhin brachte Wolf den mit Abzug der Bankfiliale frei werdenden Raum in der Ortsmitte ins Spiel: "Für die Nahversorgung wäre das ideal!" Auch diesmal wurde Gelächter, aber auch Beifall laut. Der Bürgermeister wiederholte: "Die Interessenten sagen eindeutig, dass sie in der Ortsmitte keinen Markt eröffnen werden."
Wichtig war den Bürgern auch, die ohnehin schon im Orte bestehende Verkehrsbelastung nicht noch größer werden zu lassen beziehungsweise diese möglichst zu verringern. In diesem Zusammenhang wurden der Ausbau des ÖPNV sowie die Realisierung der Entlastungsstraße angeführt. Bürgermeister Schindling versicherte: "Wir lassen keinen Tag verstreichen, an dem wir uns nicht mit der Umgehung beschäftigen." Man habe bereits 150.000 Euro für ein Gutachten in die Hand genommen, Messungen zum Verkehrsaufkommen seien durchgeführt worden. Doch ein solches Projekt nehme viel Zeit in Anspruch. Eine schnellere Lösung zeichne sich für den Eddersheimer Bahnübergang in Form einer Fußgänger- und einer Auroüberführung ab. Mit der Bahn würden nun noch "das genaue Wie und die Kosten geklärt".
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich am Infoabend nicht wenige gegen die Erweiterung Eddersheims am Ortsausgang Richtung Okriftel aussprachen. Die Mehrheit indes hielt es mit jenen, die in ihren Wortmeldungen von "der letzten Chance für Eddersheim" sprachen, die es nun zu nutzen gelte, um nicht über Jahrzehnte abgehängt zu werden.


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