Vor wenigen Wochen wurden im Gebiet "Am Krifteler Wäldchen" die nach den Müttern des Grundgesetzes benannten neuen Straßen eingeweiht (wir berichteten). Gemeindearchivar Dr. Detlef Krause lieferte vor der symbolischen Enthüllung des Straßenschilds des "Helene-Wessel-Wegs" ausführliche Einblicke in die historischen Flurbezeichnungen und die Geschichte des Areals südlich der Bahngleise.
So gab es in Kriftel um das Jahr 1900 herum eine sogenannte mehrjährige Konsolidation, sprich: Eine Flurbereinigung. Demnach fand die Einweihungsfeier für die Straßennamen auf der neuen P+R-Anlage an der Bahnhofsüdseite auf der Flur "Im Boden" statt. Jene fängt an den Bahngleisen an und reicht bis zur Gemarkung Hattersheim, also bis zur heutigen A66. Daran anschließend folgt die Flur "Glockengewann", die quasi als Verlängerung der Damaschkestraße ebenfalls bis zur Autobahn in Richtung Hattersheim geht. Und dann gibt es noch eine dritte Flur namens "Am Sindlinger Weg" am Krifteler Dreieck.
Teilweise erklären sich Flurnamen von alleine, teilweise aber auch nicht. Beim "Glockengewann" sind solche Rückschlüsse möglich: Ein "Gewann" bezeichnet in der Landwirtschaft ein zusammenhängendes und häufig in gleichmäßige Streifen eingeteiltes Ackerstück. Es deutet darauf hin, dass hier "der Pflug wendet". Und die "Glocke" verweist darauf, dass ein Ackerstück sich einst im Kirchenbesitz befand und der Besoldung des örtlichen Glöckners diente.
Bei der Flur "Im Boden" war früher mundartlich auch die Bezeichnung "Bodenfeld" weit verbreitet. Die Bedeutung ist schnell erklärt: Der hier genannte "Boden" bezieht sich im Kontext zu Flurbezeichnungen meist auf einen etwas tiefer gelegenen Erd- oder Ackerboden, was in Relation zum einstigen "Dorf Kriftel" hier auch ungefähr stimmt.
1930 wurde eine wissenschaftliche Untersuchung über Flurnamen durchgeführt, bei der auch zwei Zeitzeugen aus Kriftel befragt wurden: Landwirt Georg Leicher und Lehrer Konstantin Rausch. Beide bezeichneten den hiesigen Boden als schweren Lehmboden, der als Acker benutzt worden ist.
Der Name "Boden" tauchte erstmals 1339 auf, "Glockengewann" gute 200 Jahre später 1551.
Die eingangs erwähnte Flurbereinigung wurde 1906 abgeschlossen. "Im Boden" gab es damals insgesamt 78 Parzellen, allesamt längliche Rechtecke und jeweils zwischen 1.000 und 3.500 Quadratmeter groß. Das "Glockengewann" bestand aus 33 Parzellen in ähnlicher Größe. Die Eigentümer stammten größtenteils aus Kriftel, manche kamen aber auch aus Hofheim, Schwanheim, Frankfurt und Wiesbaden, sowie kurioserweise auch aus Mombach und Niedererbach - wahrscheinlich durch Vererbung.
Die Bedeutung von Flurnamen
Flurnamen hatten rechtlich und ökonomisch eine sehr wichtige Bedeutung. Sie ermöglichten es, Grundbesitz zu lokalisieren - und Grundbesitz entschied in der ländlichen Gesellschaft der vormodernen Zeit letztendlich über den sozialen Status. Wer Land hatte, war angesehen und hatte mehr Stimmrechte, so wie die Vollbauern.
Die Flure waren eingeteilt in streng voneinander getrennte Felder, und natürlich kam es in diesem Zusammenhang auch immer wieder zu Streitigkeiten, zu deren Klärung die sogenannten Feldgerichte herangezogen wurden.
Aus ökonomischer Sicht kamen dem Land wichtige Funktionen zu: Es diente der Ernährung und beispielsweise auch der Kreditsicherheit. Schon in der frühen Neuzeit und im Mittelalter konnten Kredite aufgenommen werden, meist von der Kirche, und hierfür wurden die Sicherheiten in Verlegungsbücher eingetragen. Später passte diese Vorgehensweise nicht mehr in die moderne Staatlichkeit, und so führte das Herzogtum Nassau dann 1851 einheitliche Stockbücher ein. Nach wie vor spielten die Flurnamen eine Rolle, aber man listete fortan auch die Eigentümer auf, damit man An- und Verkäufe von Grundstücken besser nachvollziehen konnte.
Die Preußen haben damit dann endgültig Schluss gemacht. Eine Steuer wollten diese besonders effizient erheben: Die Grundsteuer. 1872 wurden deshalb die Grundbücher eingeführt, und fortan hatte man dann die Flur, das Flurstück, die Gemarkung alles schön durchnummeriert. Dieses Prinzip wurde 1900 in ganz Deutschland eingeführt, so auch in Hessen, Nassau und in Kriftel.
Damit waren die Flurnamen eigentlich überflüssig geworden, den man hatte ja nun die neuen numerischen Verzeichnisse. Aber die Namen halten sich immer noch in den Flurbüchern, in den Karten - und auch in Straßennamen: Dr. Detlef Krause begrüßt ausdrücklich, dass eine neue Straße am Krifteler Wäldchen den Namen ""Am Glockengewann“ trägt und die Nachwelt somit dauerhaft an die Historie erinnert wird.

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