Am gestrigen Donnerstagabend (nach Redaktionsschluss für diese Ausgabe der Krifteler Nachrichten) fand in der Kleinen Schwarzbachhalle die Abschlussveranstaltung zum Klimaschutzkonzept und zur kommunalen Wärmeplanung statt. Bevor es im zweiten Teil des Abends noch einmal ausführlich um die kommunale Wärmeplanung und die Möglichkeiten für die zukünftige Wärmeversorgung in Kriftel ging - ein Thema, zu dem bereits zwei Bürgerversammlungen veranstaltet wurden, zuletzt im Januar - stand zunächst das Klimaschutzkonzept im Mittelpunkt, und damit einhergehend der dazugehörige Maßnahmenkatalog, den die Gemeinde ausgearbeitet hat.
Jener Maßnahmenkatalog stellt das Kernelement des Klimaschutzkonzepts dar. Er besteht aus Einzelmaßnahmen, die in fünf Handlungsfelder eingeteilt wurden, und soll aufzeigen, wie die Gemeinde ihre Treibhausgasemissionen (THG-Emissionen) senken, Anpassungen an die Folgen des Klimawandels vornehmen und ihre vorhandenen Potenziale effektiv nutzen kann.
Die insgesamt 28 gesammelten Maßnahmen sollen in enger Zusammenarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern, Politik, Vereinen, Wirtschaft und anderen relevanten Akteuren umgesetzt werden, um gemeinsam eine nachhaltige und klimafreundliche Zukunft für Kriftel zu gestalten. Verteilt wurden sie auf die folgenden fünf Handlungsfelder, exemplarisch stellen wir jeweils eine Auswahl an Maßnahmen näher vor:
Handlungsfeld Verwaltung
Die kommunale Infrastruktur, also Liegenschaften der Gemeinde und Gewobau Kriftel, der kommunale Fuhrpark, die Straßenbeleuchtung, Kläranlage, Schulen, etc. sind zwar nur für etwa ein Prozent der THG-Emissionen im Jahr 2023 verantwortlich, allerdings hat die Verwaltung auf den Energiebedarf der eigenen Liegenschaften und des kommunalen Fuhrparks einen direkten Einfluss. Durch die ambitionierte Umsetzung von Maßnahmen kann die Verwaltung hier eine Vorbildfunktion einnehmen. Und bei der Aufstellung von neuen Satzungen und Bebauungsplänen sollen künftig Klima-Belange (stärker) berücksichtigt werden.
Hinter der Maßnahme "Sanierungsfahrplan für kommunale Liegenschaften" verbirgt sich das Ziel, eine Strategie zur Erreichung der Klimaneutralität im kommunalen Gebäudebestand bis 2045 zu entwickeln, mit Schwerpunkt auf der Senkung des Energiebedarfs und der THG-Emissionen. Der zuständige Fachbereich „Wohnungswirtschaft und Liegenschaften“ hat bereits eine erste Priorisierung der kommunalen Gebäude auf Grundlage auf des jeweiligen Zustands vorgenommen. Dabei wurde die Trauerhalle auf dem Friedhof als Pilotprojekt für die Durchführung einer energetischen Sanierung ausgewählt. Bisher wurde ein individueller Sanierungsfahrplan für die Trauerhalle erstellt.
Mit der energetischen Gebäudesanierung und der Installation von Erneuerbare-Energien-Anlagen (EE-Anlagen) für kommunale Liegenschaften soll der dortige Energieverbrauch gesenkt werden. Es gibt bereits einige Photovoltaik-Anlagen auf kommunalen Liegenschaften, wie etwa auf dem Rat- und Bürgerhaus, der Gemeindebücherei und der Kita St. Vitus. Jünger und leistungsstärker sind die Anlagen auf dem Wohnhaus in der Raiffeisenstraße und auf der Schwarzbachhalle. Darüber hinaus gibt es eine Solar-Absorberanlage im Parkbad und fünf Solar-Kollektoren bei der Kita St. Elisabeth. Dennoch gebe es noch viel Potenzial für die Installation von EE-Anlagen, und auch die energetische Sanierung von kommunalen Liegenschaften muss laut Maßnahmenkatalog dringend angegangen werden.
Eine weißere Maßnahme ist die Optimierung der Wohnflächennutzung durch Wohnungstausch: "Mehrere Städte haben in den letzten Jahren Programme und Unterstützungsangebote zum Wohnungstausch angestoßen, um vorhandenen Wohnraum passgenauer zu verteilen. Dies soll insbesondere Haushalte ansprechen, die heute zu groß wohnen, und Familien, die dringend mehr Platz benötigen", so die Beschreibung dieses Punktes im Maßnahmenplan. Und weiter: "Der Deutsche Städtetag weist dabei darauf hin, dass Wohnungstausch ein hilfreiches Instrument sein kann, gerade in angespannten Märkten, die praktische Umsetzung aber anspruchsvoll ist. Es müssen passende Tauschkonstellationen entstehen, Nachbarschaft und Lage müssen passen, und häufig spielen auch Vermieterinteressen eine Rolle, weil Mietverträge in der Regel neu geschlossen werden."
Ziel der Maßnahme ist es, Wohnraum bedarfsgerechter zu nutzen und damit indirekt Flächen- und Energieverbräuche zu senken. Wenn Haushalte in Wohnungen leben, die nicht mehr zu ihrer Lebenssituation passen, könne ein freiwillig organisierter Wohnungstausch den Umzug in eine passendere, häufig kleinere und ggf. barriereärmere Wohnung erleichtern. Dadurch würden wiederum größere Wohnungen für Haushalte mit höherem Flächenbedarf frei. "Die Maßnahme stärkt so nicht nur die soziale Wohnraumversorgung, sondern unterstützt auch das Leitprinzip 'Bestand besser nutzen'. Eine bessere Auslastung vorhandener Wohnungen kann den Druck auf flächen- und emissionsintensiven Neubau mindern."
Handlungsfeld Energie und Sanieren
Als Mitglied der Klima-Kommunen-Hessen ist die Gemeinde Kriftel verpflichtet bis 2045 die Treibhausgasneutralität zu erreichen. Hierfür ist es notwendig, dass der gesamte Energiebedarf über regenerative und damit klimafreundliche Energiequellen abgedeckt wird. Die Energiewende sei daher "nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine Chance, eine nachhaltigere und gerechtere Zukunft zu gestalten." Im Fokus stehe das Motto: "Energie einsparen, effizienter nutzen und vor Ort erzeugen für mehr Unabhängigkeit."
Mit der Maßnahme "Unterstützung der Energiegenossenschaft SolarInvest Main-Taunus eG" soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion durch Bürgerbeteiligungsmodelle erhöht werden.
"Die SolarInvest Main-Taunus eG ist eine bürgergetragene Energiegenossenschaft aus Hofheim am Taunus, die seit 2011 die regionale Energiewende vorantreibt", heißt es in der Beschreibung der Ausgangslage im Maßnahmenkatalog. "Sie betreibt eine wachsende Zahl von PV-Anlagen auf öffentlichen und privaten Gebäuden, bietet regional produzierten BürgerÖkostrom und BürgerÖkogas sowie nachhaltige Mobilitätsangebote wie das e‑Carsharing nahCar. Die Gemeinde Kriftel ist bereits Mitglied der SolarInvest Main-Taunus eG."
Insbesondere im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und mit der Einführung einer regelmäßigen Bürgersprechstunde sieht die Gemeinde Möglichkeiten diese Entwicklung weiter zu fördern und zu unterstützen.
Handlungsfeld Mobilität
Der Mobilitätssektor wird, gemeinsam mit dem Gebäudesektor, als der "größte Problemsektor Deutschlands" beschrieben. Die Verkehrswende könne nur gelingen, indem der emissionsintensive Individualverkehr durch eine Stärkung von etwa Bus, Bahn oder Fahrrad abgebaut wird. Dabei sei es nicht das Ziel, die Mobilität der Verkehrsteilnehmer zu verschlechtern, sondern zu verbessern, indem eine breitere Fülle an Mobilitätsoptionen angeboten wird.
Die Maßnahme "Erstellung eines Mobilitätskonzepts" kann hier helfen: Ein solches Konzept bildet das zentrale strategische Instrument des Mobilitätsmanagements und kann die sich im Wandel befindlichen Bedürfnisse und Gewohnheiten der Bevölkerung mit neuen Verkehrssystemen wie Car‑Sharing, Elektromobilität und On‑Demand‑Verkehrssysteme in Einklang bringen.
Die Gemeinde Kriftel strebt hier möglichst die Erstellung eines kreisweiten Mobilitätskonzepts als interkommunales Projekt mit dem Main-Taunus-Kreis an.
Alternativ könne man auch den „Nahmobilitäts-Check Hessen“ durchführen. Dieser Check ist ein vom Land Hessen empfohlenes Planungsinstrument zur Stärkung des Fuß- und Radverkehrs. Für den kompletten Prozessablauf würde ein qualifiziertes Fachbüro beauftragt werden, das alle erarbeiteten Ergebnisse und Maßnahmen in einem Nahmobilitätsplan für die Kommune zusammenführt
Besonders naheliegend erscheint in diesem Handlungsfelt auch der weitere Ausbau der E-Ladeinfrastruktur. Eine unzureichende E-Ladeinfrastruktur ist häufig eine enorme Hürde für den Umstieg auf eine alternative Antriebe. "Um E-Mobilität flächenhaft und einfach nutzen zu können, ist daher eine entsprechende E-Ladeinfrastruktur im Gemeindegebiet vonnöten." Insbesondere ein zielgerichteter Ausbau der Schnellladeinfrastruktur im öffentlichen Verkehrsraum kann die Beschleunigung der Elektrifizierung des Verkehrs entscheidend fördern. Daher gelte es möglichst im gesamten Gemeindegebiet E-Ladeinfrastruktur bereitzustellen, um auch bei zukünftig steigendem Bedarf eine zuverlässige Versorgung sicherzustellen.
Eine entsprechende Prognose zeigt, dass der Bedarf an E-Ladeinfrastruktur in Kriftel bis 2030 gedeckt ist, bis 2035 gebe es jedoch einen mittleren Bedarf im Ortskern und entlang der Frankfurter Straße.
Handlungsfeld Klimaanpassung
Maßnahmen zur Klimaanpassung werden als entscheidend erachtet, um den Auswirkungen des Klimawandels effektiv zu begegnen. Die Klimaanpassung stärkt die Widerstandsfähigkeit der Kommune gegenüber zunehmenden Extremwetterereignissen, etwa durch Hitzevorsorge, Starkregenschutz, Entsiegelung oder Begrünung. Die Risiken durch Extremwetterereignisse sollen so langfristig minimiert werden, bei der gleichzeitigen Sicherung der Lebensqualität.
"Die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels stellen auch die Gemeinde Kriftel vor Herausforderungen. In bestimmten Bereichen des Gemeindegebiets ist bereits heute eine erhöhte Hitzebelastung spürbar, insbesondere in stark versiegelten oder dicht bebauten Bereichen. Gleichzeitig führen Starkregenereignisse zu Problemen bei der Versickerung und Rückhaltung von Regenwasser", heißt es zur Maßnahme "Flächenentsiegelung, klimaresiliente Begrünungsmaßnahmen und Baumpflanzungen".
Um solchen Entwicklungen wirksam zu begegnen, sollen gezielt Flächen entsiegelt, klimaresiliente Begrünungsmaßnahmen umgesetzt und zusätzliche Baumpflanzungen realisiert werden. Die Entsiegelung schafft neue Grünflächen, welche nicht nur zur Abkühlung des innerörtlichen Mikroklimas beitragen, sondern auch als vorübergehende Wasserspeicher dienen und so die Gefahr von Überflutungen senken.
Zusätzlich setzt die Gemeinde auf die Erhaltung und Erweiterung von Grünflächen, auf mobile und feste Begrünung, auf Verschattungselemente sowie auf klimaresiliente Bepflanzung und Baumpflanzungen, die das Ortsklima nachweislich verbessern.
Mit der "Schaffung von kühlen Orten bei Hitzewellen" will man Örtlichkeiten anbieten können, welche auf vielfältige Weise Gelegenheit zur Abkühlung bieten und sich an alle Bürgerinnen und Bürger richten, die bei steigenden Temperaturen schattige Plätze oder angenehm klimatisierte Räume suchen. Dazu zählen schattenspendende grüne Infrastrukturen, sogenannte "blaue Infrastrukturen" wie der Schwarzbach oder der Weiher im Freizeitpark und Trinkbrunnen ebenso wie klimatisierte oder kühlende Gebäude wie Kirchen. In kommunalen Gebäuden sollen zusätzliche kühle Orte geschaffen werden. "Dies beinhaltet die Gestaltung von Ruhezonen mit angenehmer Raumtemperatur, die Einrichtung einladender Aufenthaltsbereiche sowie die Förderung von grünen Elementen wie Pflanzen und schattenspendenden Strukturen."
Diese Maßnahme erscheint angesichts der immer häufiger und intensiver auftreten Hitzewellen gerade in Hinblick auf vulnerable Personengruppen, wie etwa ältere Menschen mit Vorerkrankungen, besonders dringend und wichtig. Auf der Webseite der Gemeindeverwaltung soll eine Karte der kühlen Orte in Kriftel implementiert werden.
Handlungsfeld Öffentlichkeitsarbeit
"Klimaschutz gelingt nur gemeinsam. Der direkte Wirkungsbereich der Gemeindeverwaltung ist begrenzt, weshalb die größten Potenziale zur THG-Reduktion nur mit anderen Akteuren, insbesondere der Bürgerschaft, realisiert werden können. Der Fokus liegt darauf, Bürgerinnen und Bürger für Klimaschutz zu sensibilisieren und gleichzeitig zur eigenständigen Umsetzung klimafreundlicher Maßnahmen zu motivieren", heißt es im Integrierten Klimaschutzkonzept der Gemeinde Kriftel zum Handlungsfeld Öffentlichkeitsarbeit.
Über den "Klimaschutz in Bildungseinrichtungen" will man Kinder und Jugendliche frühzeitig für Klimaschutz, Energieeinsparung und nachhaltiges Verhalten sensibilisieren. "Laut einer Umfrage der Europäischen Investitionsbank aus dem Jahr 2024 liegt Deutschland auf Platz 10 von 27, was das Wissen über den Klimawandel betrifft. Dabei zeigte sich, dass insbesondere jüngere Menschen schlechter informiert sind als Menschen über 50 Jahre." Das Potenzial dieser Maßnahme scheint also besonders groß zu sein.
Das Klimaschutzkonzept und der Maßnahmenplan können in vollem Umfang online unter https://www.kriftel.de/leben-umwelt/umwelt-klima/klimaschutzkonzept/ eingesehen und heruntergeladen werden.


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