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Wie die Ginsheimer zu ihrer Post kamen

Heimat- und Verkehrsverein zeigt im Heimatmuseum die Geschichte der Postversorgung und -ämter in Ginsheim

Da haben sich zwei gefunden: Das wandelnde Ginsheimer Geschichtsbuch Rudolf Guthmann und Stadtschreiber Hans Benno Hauf betrachten sich die HVV-Ausstellung zur Ginsheimer Postgeschichte.
(gus/Fotos: Steinacker)

GINSHEIM (gus) – Da standen am Sonntagnachmittag, 13. Mai, die Richtigen zusammen. Vor den Plakatständern im Heimatmuseum unterhielten sich am Sonntagnachmittag Hans Benno Hauf und Rudolf Guthmann über die Ausdrucke an den Stellwänden. Sie dokumentieren die Erkenntnisse, die sich aus der Kooperation zwischen dem Heimat- und Verkehrsverein (HVV) und dem „Verein für Postgeschichte in Rheinhessen“ in den vergangenen Jahren ergeben haben. Eine fruchtbare Zusammenarbeit, wie die Aushänge belegen, denn sie warten mit einer Vielzahl Dokumente und Bildbelegen von den Schauplätzen der Entwicklung des Postwesens in Ginsheim auf.

Hauf, das wandelnde Ginsheimer Geschichtsbuch, und Guthmann, das wandelnde Ginsheimer Geschichtenbuch: die beiden ergeben eine inspirierende Kombination. Anstoß zu der Dokumentation gab aber der in Alzey ansässige Verein, der im benachbarten Erbes-Büdesheim im dortigen Rathaus seit einiger Zeit sogar ein kleines rheinhessisches Postmuseum betreibt. Der Vorsitzende Manfred Hinkel ist bei seiner Forschungsarbeit sehr viel in den Archiven in Darmstadt unterwegs, da Rheinhessen in der entscheidenden Zeit der Entwicklung des Postwesens nun einmal (seit 1816) eine Provinz des Großherzogtums Hessen war und seine Entstehung als eigenes regionales Gebiet es diesem Umstand überhaupt nur verdankt.

Im Rahmen seiner Forschungen hat Hinkel, sozusagen als Nebenprodukt, auch die Dokumente über den Aufbau der Post in den hessischen Kommunen zwischen der Residenzstadt und Rheinhessen aufgearbeitet. Schon im März 2016 schilderte er im Heimatmuseum Bischofsheim bei einem Vortrag die Entwicklung der Postverteilung an der Mainspitze. In Zusammenarbeit mit Hauf wurde diese Dokumentation nun auch für Ginsheim erstellt.

Was auf den Plakatwänden der Ausstellung zu sehen ist, ist im Grunde nichts anderes als der Ausdruck dieser Dokumentation des „Vereins für Postgeschichte in Rheinhessen“ – abzurufen als PDF auch über den Internetauftritt des HVV unter hvv-gigu.de (Weiterklicken über die Reiter „Vorstand“ und „Projekte“). Aber in keiner anderen Form lässt sich über die Erkenntnisse so angeregt miteinander diskutieren und erzählen wie durch die ruhenden Plakatwände im Heimatmuseum.

Dabei macht solch eine Dokumentation immer zwei Angebote an die Besucher: Zum einen ist sie wahre historische Forschung – ob die Quellen dabei nun im strengen wissenschaftlichen Sinne aufgearbeitet wurden oder nicht, ist dabei weniger entscheidend. Zum anderen bietet sie Wiedererkennungswert, etwa über die Fotonachweise der einstigen Postamtsstandorte im Dorf.

Und von denen gab es im Laufe der vergangenen 150 Jahre reichlich, in heute noch bestehenden Gebäuden. Die bis zur aktuellen Zustandsbeschreibung reichende Darstellung (Sachstand 2015) weist gar die verbliebenen Standorte der Ginsheimer Briefkästen fotografisch nach. Die wirken gegenüber den einst in prächtigen Gebäuden residierenden Postämtern etwas ärmlich, aber das ist nun einmal die Entwicklung.

Durch die Wandlung der Informationsweitergabe - weg vom manuellen oder auf Papier gedruckten Brief zur elektronischen Mail - verschwinden die Postämter selbst aus größeren Städten als Ginsheim-Gustavsburg zunehmend. Eine Filiale findet sich aktuell in der Rheinstraße 24 – als Agentur in einem Schreibwarengeschäft.

Sechs Briefkästen (zwei davon im Industriegebiet) sind aktuell noch im Stadtteil Gustavsburg, vier in Ginsheim zu finden, hinzu kommen pro Stadtteil je eine Packstation sowie in der Ginsheimer Taunusstraße ein DHL-Paketshop. Möglichkeiten, Pakete zu verschicken, bieten zudem auch längst andere Anbieter als die Post-Tochter- und Nachfolgeunternehmen an: Hermes unterhält in Ginsheim-Gustavsburg drei Annahmestellen, genannt „PaketShop“. Nicht zu vergessen, ist Gustavsburg inzwischen zudem Standort eines DHL-Verteilzentrums.
So groß dimensioniert wie dieses, freilich dem Postkunden nicht zugängliche Gebäude im Dienste vor allem des Paketwesens in der näheren Region waren die Einrichtungen in Ginsheim freilich nie. Die Dokumentation des rheinhessischen Vereins setzt 1823 an, weil erst mit diesem Jahr verlässliche Informationen über die Organisation des Postwesens in der Region vorliegen.

Für den 16. April 1823 ist demnach die „Überführung des Amtsbotenwesens in das Bezirksbotenwesen in den Provinzen Oberhessen und Starkenburg“ dokumentiert. Damit erging der großherzogliche Auftrag, in den Landratsbezirken Boten anzustellen. Jeder dieser Boten habe das Recht, „Privatpost gegen eine bestimmte, festgelegte Taxe mitzunehmen, insofern sie nicht durch Posten gleichzeitig befördert werden können.“ Eineinhalb Jahre danach entsteht daraus eine Verpflichtung dieser Bezirksboten, Privatpost gegen ein festgesetztes Entgelt zu befördern.

Als Vertragspartner des Großherzogtums kommen 1861 auch die Fürsten von Thurn und Taxis ins Spiel. Für 1865 ist dokumentiert, dass in Ginsheim offenbar entgegen der Empfehlungen immer noch keine Landpostbriefkästen aufgestellt waren. Kaufmann Georg Rauch IV war ab 1882 in Ginsheim als „Posthülfsstelle“ eingesetzt, ein System, auf das die Post mit ihren Agenturen, etwa in Schreibwarengeschäften, heute wieder zurückzukommen scheint.

Rauch wurde zwei Jahre später zum offiziellen Betreiber einer „Postagentur“ in der Hauptstraße ernannt, es scheint sich rentiert zu haben. Auch das Aufkommen des Telegrafenwesens Ende des 19. Jahrhunderts wird in den Dokumenten nachvollzogen – solch ein Telegraf war in der Ginsheimer Postagentur seit 1896 eingerichtet. Seither wurden in Ginsheim Telegramme verschickt und empfangen, bei gerade je 181 aufgegebenen Telegrammen in den Jahren 1898 und 1899 war Gustavsburg dabei allerdings weitaus reger in der Nutzung der neuen Technologie – schon 1998 gingen fast 1100 Telegramme von der Industriesiedlung aus in die Welt.

In Ginsheim hatte Agent Rauch im März 1901 genug vom Postwesen und übergab an Adam Dauborn II, der sich in der Frankfurter Straße 7 einrichtete. 1939 wurde die Postagentur in eine Poststelle umbenannt, schließlich zum Zweigpostamt – seit 1940 in der Schulstraße zu finden. Dessen Leiter blieb auch nach dem Krieg zunächst „Postschaffner“ Schneider. Im April 1956 zog die Post in die Neckarstraße 15 um. Seit Dezember 1960 gab es auch eine erste Telefonzelle in Ginsheim – zwischen Apotheke und Friedrich-Ebert-Platz.

An den Platz zog das Postamt dann im Jahr 1979, bisher letzte Station ist nun die Postagentur im Schreibwarengeschäft in der Rheinstraße 24. 

Die Dokumentation wird vom HVV ein weiteres Mal an einem sonntäglichen Öffnungstag des Museums präsentiert werden.
 

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