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Als noch repariert statt weggeworfen wurde

Im Gerberhaus öffnete erstmals das Projekt Repair-Café die Pforten – Neue Initiative des Vereins LebensAlter umgesetzt

Reparieren statt wegwerfen lautet die Devise im Repair-Café im Gerberhaus, wo künftig zweimal im Monat defekte Gebrauchsgegenstände vor dem Wegwerfen bewahrt werden sollen. 
(Fotos: Gössl)

GUSTAVSBURG (ag) – Es gab eine Zeit, da wurden Sachen repariert, wenn sie eine Macke hatten oder einen Defekt aufwiesen. Aus dieser Zeit, als es noch Schuhmacher in jedem Ort und einen Einzelhandel gab, der neben Verkäufen auch Reparaturen durchführte, stammen die Initiatoren des am Samstag, 1. Dezember, feierlich eröffneten „Repair-Café Mainspitze“ im Gerberhaus. Der Verein „LebensAlter“ hat nach dem „Garten der Vielfalt“ nun eine neue Projektidee in die Tat umgesetzt.

Im Grunde ging es dieses Mal auch ganz schön schnell, erklärte Dorothea Castor vom Verein „LebensAlter“ und Abteilungsleiterin vom „Garten der Vielfalt“. Das erste Initiativgespräch sei im Frühjahr gewesen, erinnert sich Bürgermeister Thies Puttnins-von Trotha, die Idee habe er von Anfang super gefunden. Als Wunschdomizil sei vom Verein zunächst das alte Feuerwehr-Gerätehaus in Ginsheim favorisiert gewesen, doch schon bald einigte man sich auf den Standort Gerberhaus, weil dort schon die Fahrradwerkstatt für die Flüchtlingshilfe untergebracht ist und das inhaltlich gut zusammenpasse.

Dem Bürgermeister war es wichtig, dass die Stadt keine neuen Gelder freimachen musste, sondern den Verein mit Räumlichkeiten unterstützen konnte, die schon vorhanden waren. LebensAlter übernehme seinerseits die Heizkosten und stelle die Manpower. Er schätze die Arbeit von LebensAlter, so der Bürgermeister, zumal auch dieses Projekt wieder eines sei, das Menschen zusammenbringe, Jung und Alt, Interkulturell und auf auch auf kommunaler Ebene, wie in diesem Fall mit Bischofsheim.

„Wir wollen keine Konkurrenz zur Geschäftswelt sein“, erklären die Aktiven von LebensAlter, dagegen spreche auch schon alleine das Konzept. „Wir wollen Hilfe zu Selbsthilfe leisten“, erzählen Rainer Sponsel und Jürgen Schaffner-Möller aus Bischofsheim. Wenn jemand ein lieb gewonnenes Kleinod ins Repair-Café bringe, dann werde man nicht wie ein Servicebetrieb die Sache in Empfang nehmen und reparieren, sondern man werde sich gemeinsam beraten und einen Weg finden, wie man das gute Stück reparieren könne. Überall da, wo Löhne gezahlt werden müssten, lohne es sich aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht, Sachen zu reparieren, allemal jedoch aus Nachhaltigkeitsgründen und einer bewussten Lebensweise.

Peter Schäfer, gelernter Elektroniker und aktiver Unterstützer des Repair-Cafés, konnte an diesem Nachmittag schon zwei Nähmaschinen und einem Miele-Staubsauger die Lebenszeit verlängern. Neben der Haushaltselektronik und mechanischen Geräten untergliedert sich die Initiative im Gerberhaus in weitere Bereiche: der Fahrradwerkstatt, der Abteilung Nähen sowie Holz- und Metallbearbeitung.

In der Holzwerksatt können beispielsweise alte Stühle gemeinsam wieder aufbereitet oder an Bruchstellen geleimt werden. Die 74-jährige Mechthild Schmenger ist in der Nähwerkstatt aktiv. Für sie sei es eine tolle Abwechslung im Alltag. So komme sie von zuhause raus, treffe Leute und mache etwas Sinnvolles mit anderen zusammen.

Schade findet Rainer Sponsel, dass sich bisher noch keine ganz jungen Leute vom Repair-Café angesprochen fühlen. Seine Generation habe die Digitalisierung eingeleitet. Die jüngere Generation würde sie leben und von deren Wissen könne man nun lernen und profitieren. Man müsse sie noch gezielter ansprechen. Er könne sich vorstellen, neben dem traditionellen Handwerkszeug, wie Hammer, Schere und Schraubenzieher, auch einen 3-D-Drucker im Repertoire zu haben und junge Leute, die ihn bedienten.

Musikalisch umrahmt wurde die Einweihungsveranstaltung von Klaus Wahl und Stefan Tillinger (Gitarren und Gesang). Der Stadtverordnetenvertreter Rudolf Guthmann gab in seiner Rede einen ausführlichen Hintergrundbericht zur Geschichte des Gerberhauses, in dem ab 1862 der legendäre Konstrukteur Heinrich Gerber gearbeitet hatte. Besucher Rainer Kaltenbach erinnerte sich an einen Nachmittag vor über 40 Jahren, als er im Gerberhaus seine Gesellenprüfung als Elektriker bei der MAN abgelegt hatte.

Das Repair-Cafés ist ab 2019 jeden zweiten Samstag, 13 bis 17 Uhr, und jeden dritten Donnerstag, 16 bis 20 Uhr, geöffnet. Damit beim Reparieren die Begegnung und das Gespräch nicht zu kurz kommen, werde bei jeder Öffnung auch die Café-Ecke bestückt sein, betonte Dorothea Castor.
 

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