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Den Lebenden zur Mahnung

Volkstrauertag in Flörsheim: Stadt gedenkt Kriegsopfern / Mit Zivilcourage gegen Antisemitismus

Auf dem Neuen Friedhof in Flörsheim wurde den Opfern beider Weltkriege gedacht.
(Fotos: A. Noé)

FLÖRSHEIM (noe) – Die Stadt hatte zum Gedenken aller Opfer der beiden Weltkriege geladen, doch nur wenige Bürgerinnen und Bürger hatten sich anlässlich dessen am Sonntagmittag, 18. November, auf dem Flörsheimer Neuen Friedhof versammelt. Immerhin waren sowohl die Flörsheimer Feuerwehr als auch der Ortsverband des DRK durch ihre Abordnungen stark vertreten; zusammengenommen stellten sie mehr als die Hälfte der Teilnehmer. Von den bekannten Köpfen aus dem Vereinsleben und der Kommunalpolitik abgesehen, hatte sich in Flörsheim kaum ein Dutzend dazu entschlossen, das in Reden so oft beschworene Signal zu senden. Nichtsdestotrotz fand die Gedenkveranstaltung sowohl in der Trauerhalle als auch vor dem Gedenkstein auf würdige Weise statt. Daran hatten in der Trauerhalle auch die „Akkordeonfreunde 1955 Flörsheim“ ihren Anteil, die dem Gedenken mit ihrem Spiel (darunter das bekannte Lied „Der gute Kamerad“/„Ich hatt einen Kameraden“) den musikalischen Rahmen gaben. Auch das Gebet von Pfarrer Sascha Jung und die Gedenkrede von Bürgermeister Dr. Bernd Blisch ließen es an Eindringlichkeit nicht missen.

Der Pfarrer wiederholte das Gebet, das er bereits am diesjährigen Verlobten Tag, der im Zeichen der christlich-jüdischen Annäherung stand, gesprochen hatte. Im Gebet wurde zum einen der jüdischen Opfer unter der NS-Herrschaft gedacht, zum anderen wurde angesichts der massenhaften Vernichtung von Menschen in den Konzentrationslagern und auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges zum Frieden in der Gesellschaft und unter den Gesellschaften aufgerufen. Den Lebenden zur Mahnung hieß es: „Keine Nation soll das Schwert gegen eine andere erheben.“

Bürgermeister Dr. Bernd Blisch begann seine Rede, indem er an den Ersten Weltkrieg und seine verheerenden Auswirkungen erinnerte. Die Schreckensbilanz dieses Krieges, der vor 100 Jahren endete: 10 Millionen gefallene und 20 Millionen verletzte Soldaten, 7 Millionen Tote unter den Zivilisten. Das Deutsche Reich habe seinerzeit die harten Bedingungen, die von den siegreichen Alliierten im Vertrag von Versailles bestimmt worden waren, akzeptiert, um den staatlichen Zusammenbruch zu verhindern, so Blisch.

Urkatastrophe Erster Weltkrieg
Die fortschreitende Radikalisierung in den europäischen Gesellschaften, vor allem in Deutschland und Russland, sei eine direkte Folge des aus diesem Grunde oft als Urkatastrophe bezeichneten Ersten Weltkrieges. 1939 habe schließlich das von den Nationalsozialisten beherrschte Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg entfesselt, um, unter anderem, die westlichen Demokratien zu unterwerfen und die Länder Osteuropas zu erobern. Hierbei sei es dem NS-Regime um die Vergrößerung des Herrschaftsgebietes und zugleich um die Vernichtung von Menschen gegangen. Blisch bezeichnete den Zweiten Weltkrieg mit mehr als 60 Millionen Toten zuzüglich der 6 Millionen Holocaustopfer als „absoluten Tiefpunkt unseres Volkes“. In diesem Zusammenhang brachte der Bürgermeister auch die Novemberpogrome zur Sprache, die sich ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges überall in Deutschland, auch in Flörsheim, ereignet hatten. Vor 80 Jahren, am 9. und 10. November 1938, seien die „Vernichtungsdrohungen“ der Nationalsozialisten wahr geworden, sagte Blisch.

Aus dem zum Frieden mahnenden Volkstrauertag, der von dem im Jahre 1919 gegründeten „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ initiiert und gepflegt wurde, habe das NS-Regime einen den Krieg verherrlichenden „Heldengedenktag“ gemacht. 1950 sei der Volkstrauertag erstmals wieder begangen worden; seit 1952 finde er stets im November statt, erläuterte der Bürgermeister. Dieser Gedenktag, so Blisch, habe auch 73 Jahre nach Kriegsende nichts an Aktualität eingebüßt: er sei ein „Zeichen gegen jedwede Politik, die sich Gewalt, Hass und Ausgrenzung auf die Fahne geschrieben hat“. Die Fehler, die einst in die Katastrophe geführt hätten, dürften nicht erneut begangen werden. Europa sei mehr als nur ein Wirtschaftsraum, sondern ein Werk der Völkerverständigung. Die Stadt Flörsheim leiste hierbei auf ihre Weise durch die Städtepartnerschaften mit dem französischen Pérols und dem polnischen Pyskowice ihren Beitrag.

Ihren Abschluss fand die Veranstaltung zum Volkstrauertag auf dem Friedhofsgelände hinter der Trauerhalle. An dem dortigen Gedenkstein legten Bürgermeister Dr. Bernd Blisch und Dagmar Kaufmann, Vorsitzende des Flörsheimer VdK Ortsverbandes, Kränze nieder. Schweigend wurde unter Trompetenspiel der Opfern beider Weltkriege gedacht.

„Der Dank des Vaterlandes“
Auch auf dem jüdischen Friedhof fand eine Gedenkveranstaltung statt. Direkt im Anschluss fuhr man zu der etwas abgeschiedenen Begräbnisstätte, die in der Nähe des Flörsheimer Stadtteils Keramag-Falkenberg, genauer in einer unweit vom Weg zur Wiesenmühle liegenden Senke, zu finden ist. Stadtverordnetenvorsteher Steffen Bonk und Bürgermeister Dr. Bernd Blisch riefen angesichts der sich mehrenden antisemitischen Tendenzen dazu auf, Zivilcourage zu zeigen. Es sei alarmierend, dass das Wort ‚Jude‘ mittlerweile alltäglich als Schimpfwort, etwa auf Schulhöfen oder Sportplätzen, zu hören sei, sagte der Stadtverordnetenvorsteher. Wie schnell aus Worten Taten werden können, werde in der Stadtgeschichte durch die vor 80 Jahren erfolgte Zerstörung der vor 300 Jahren eingeweihten Flörsheimer Synagoge deutlich. Sowohl Bonk als auch Blisch betonten vor diesem Hintergrund, dass den Juden ihre Loyalität zur Nation nichts half. „Jüdische Mitbürger sind mit Kampfgeist für ihr Vaterland in den Krieg gezogen, sind verwundet worden und auch gefallen“, sagte Bonk mit Blick auf den Ersten Weltkrieg. In der NS-Zeit seien jedoch die jüdischen Veteranen beziehungsweise die Witwen der gefallenen Juden geschändet worden. Bürgermeister Blisch ergänzte, dass ein aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrender jüdischer Soldat aus Flörsheim in seiner Straße mit einem großen Schild empfangen worden sei, auf dem geschrieben stand: „Der Dank des Vaterlandes sei dir gewiss!“ Zwanzig Jahre später seien der so Geehrte und seine Familie, wie alle anderen Juden, in Flörsheim nicht mehr „erwünscht gewesen“.

Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher legten an der seit 1947 auf dem jüdischen Friedhof stehenden Gedenktafel einen Kranz nieder und gedachten gemeinsam mit den Anwesenden in aller Stille den jüdischen Todesopfern.

Parallel zum Gedenken in Flörsheim gab es auch in Weilbach und Wicker Veranstaltungen zum Volkstrauertag. An den Ehrenmalen beider Stadtteile fand eine Kranzniederlegung statt, zuvor hatte man sich, wie zeitgleich dazu in Flörsheim, in der jeweiligen Trauerhalle eingefunden. Die Gedenkrede in Weilbach hielt Ortsvorsteher Thomas Schmidt, in Wicker wurde diese Aufgabe von Stadtverordnetenvorsteher Steffen Bonk übernommen. Gebete sprachen Gerlinde Goldbach-Thimm (Weilbach) und Pfarrer Christoph Müller (Wicker). Für einen würdevollen musikalischen Rahmen sorgten die Sängervereinigung Weilbach und der gemischte Chor des Gesangvereins Sängerlust 1888 Wicker.

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