Wenn der Fastnachtsgottesdienst in der Galluskirche naht, wird mancher Gläubige etwas unruhig. Die Kritik an den Verantwortlichen rührt von der Auffassung her, Fastnacht habe im Haus Gottes nichts zu suchen, sie ein „Frevel“. Die Resonanz am Abend zeichnete jedoch ein klares Bild, dass dies die große Mehrheit in der Gemeinde anders sieht. Bunt, fröhlich und zugleich nachdenklich ging es beim 19. Fastnachtsgottesdienst in der Galluskirche zu. Über dem Altarraum schwebte eine großformatige Narrenkappe, die Kirchenbänke waren dicht besetzt, viele Besucher kamen in Kostümen. Fastnacht und Glaube trafen sich hier bewusst – nicht als Gegensätze, sondern als Verbindung.
Pfarrer Friedhelm Meudt begrüßte die Gemeinde und nutzte die Gelegenheit seinen Dank auszusprechen. Er galt den vielen Helferinnen und Helfern vor und hinter den Kulissen – von der Musik über die liturgische Vorbereitung bis zur Organisation. „Das ist alles andere als selbstverständlich“, betonte Meudt. Ohne das Engagement zahlreicher Ehrenamtlicher sei ein Gottesdienst dieser Art nicht möglich. Ein besonderes Lob richtete er an die musikalischen Mitwirkenden und an jene, die den Fastnachtsgottesdienst bereits seit Jahren mittragen.
Getragen wurde die Feier von einer breiten Beteiligung aus dem Vereinsleben. Neben den Flörsheimer Narrengemeinschaften FNC und FCV waren unter anderem KAB und Kolpingfamilie vertreten, dazu Gäste aus der Region, etwa von der Jocus Garde aus Mainz-Kastel. Erstmals wirkte auch die evangelische Pfarrerin Inghild Klodt mit. Sie trug die Fürbitten vor – mit Worten für mehr Nachsicht im Miteinander, für Menschen in schwierigen Lebenslagen und für jene, die in den vergangenen Jahren Verluste erlitten haben.
Den inhaltlichen Mittelpunkt bildete die Fastnachtspredigt von Bardo Frosch, Vizepräsident des KCK, der seit vielen Jahren als Redner, Sitzungspräsident und prägende Figur in der regionalen Fastnachtsszene bekannt ist. In gereimter Form nahm Frosch das vergangene Jahr und den Beginn des neuen in den Blick. Er spannte den Bogen von weltpolitischen Krisen über gesellschaftliche Entwicklungen bis hin zur Kirche selbst. Kriege und Konflikte – etwa in der Ukraine, im Sudan oder im Nahen Osten – sprach er ebenso an wie den zunehmend rauen Ton in Politik und Öffentlichkeit. Dabei griff er politische Akteure pointiert auf und warnte vor unbedachtem Reden. Frosch erinnerte daran, dass Worte Wirkung haben und Verantwortung brauchen: „Wer das Sprachorgan lässt walten, soll vorher das Gehirn einschalten.“
Auch kirchliche Veränderungen ließ er nicht aus. Mit humorvollen Spitzen thematisierte er Umbrüche in Rom und äußerte die Hoffnung auf mehr Offenheit, stärkere Beteiligung sowie den Mut zu Erneuerung, ohne den Kern des Glaubens aus dem Blick zu verlieren. Seine Predigt blieb nicht bei der Analyse stehen, sondern schlug den Bogen zum Glauben. Veränderung brauche Mut, Offenheit und Menschen, die bereit seien, Verantwortung zu übernehmen – in Kirche, Vereinen und Gesellschaft.
Zum Abschluss wurde Frosch grundsätzlicher. Er warb für Zuversicht, Gemeinschaft und ein aktives Christsein, das sich nicht zurückzieht, sondern Haltung zeigt. Fastnacht verstand er dabei als Spiegel – als Einladung, sich selbst, die Gesellschaft und auch die Kirche kritisch, aber mit Humor zu betrachten.
Musikalisch prägten die Wambachlerchen den Gottesdienst. Die Gesangs- und Musikgruppe des Hundsänger Carnevalvereins gestaltete den Zwischengesang mit Leonard Cohens „Hallelujah“, wirkte gemeinsam mit der Gemeinde beim Credo „Im Schatten des Doms“ mit und begleitete die Gabenbereitung mit dem Lied „Dat Wasser von Kölle“. Ein besonderer Moment war die Hymne „Flörsheim am Main“, gespielt von Jens Meireis am E-Piano, bei der viele Besucher kräftig mitsangen.
Nach dem Schlusslied endete der Abend nicht abrupt. Vor der Kirche kamen die Besucher bei Glühwein und Bratwürsten ins Gespräch. Organisator Wilhelm Bachmann zeigte sich zufrieden: Die Kirche war erneut voll, die Stimmung gelöst, der Austausch lebendig. Der Fastnachtsgottesdienst habe einmal mehr gezeigt, dass Humor, Haltung und Gemeinschaft zusammengehören. Oder, wie es an diesem Abend immer wieder durchklang: Ein wenig Narrenspiegel kann helfen, die Welt klarer zu sehen.



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