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Am richtigen Platz

Fünf Stolpersteine in der Albanusstraße erinnern an das Schicksal der Familie Schohl / Lang getrennte Angehörige finden zusammen

Angehörige in stillem Gedenken vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Schohl.
(Fotos: A. Noé)
 

FLÖRSHEIM (noe) – „Für mich ist es eine ganz große Genugtuung“, erklärte Josef Braumann mit Blick auf die fünf Stolpersteine, die zum Gedenken an die Familie Schohl am frühen Dienstagnachmittag, 15. Mai, vor dem Haus Albanusstraße 2 verlegt wurden. Innerhalb weniger Minuten hatte der Künstler Gunter Demnig, der Initiator der bundes- beziehungsweise mittlerweile europaweiten Stolpersteinaktion, die Verlegung vorgenommen. Auf glänzendem Messing sind die Namen und biographische Daten von Johanna, Max, Liesel, Hela und Käthe Schohl graviert, die einst in diesem Haus wohnten. Auch Josef Braumann, Sohn von Hela Schohl und Enkel von Max und Liesel Schohl, wuchs dort auf. Mit wenigen Worten, aber sichtlich bewegt schilderte der 67-Jährige, wie einst vier Generationen seiner Familie in der Albanusstraße 2 unter einem Dach lebten – und davon, wie unmenschlich und unbarmherzig mit den Schohls in Flörsheim zur NS-Zeit verfahren wurde. Denjenigen Flörsheimern, die sich mit Eifer an der Hetze gegen seine Familie beteiligt hatten, hat er bis heute nicht vergeben.

Gleichwohl hegt er gegenüber seiner Heimatstadt keinen Groll. Braumann, der in Frankfurt lebt, betrachtet die nun vor seinem Elternhaus gesetzten Stolpersteine als wichtigen Beitrag, um die noch immer tiefen Wunden zu heilen. Weshalb es zu einem politischen Streit um die Stolpersteinaktion gekommen ist – die SPD hatte sich, ebenso wie Bürgermeister Michael Antenbrink, gegen die Verlegung ausgesprochen – kann Josef Braumann nicht nachvollziehen. Ihm sei allein wichtig, dass die Stolpersteine gesetzt werden konnten. „Politiker sind mir sowieso wurscht, der Bürgermeister interessiert mich nicht“, ließ er es nicht an Deutlichkeit missen.

Neben Josef Braumann, der von seiner Tochter Daniela nach Flörsheim begleitet wurde, waren weitere Familienangehörige zur Verlegung gekommen; die weiteste Anreise, nämlich aus den Vereinigten Staaten, hatten Max und Liesel Schohls Enkelin Fran und Urenkelin Jenny Wells bewältigt. Sie hatten im Anschluss an die Stolpersteinverlegung Gelegenheit, die Gräber von Liesel und Hela Schohl auf dem jüdischen Friedhof zu besuchen und an einem von Dr. Bernd Blisch angebotenen historischen Rundgang teilzunehmen. Blisch hatte als Zweiter Vorsitzender des Vereins Stolpersteine Flörsheim zuvor den Lebens- und Leidensweg der Familie Schohl nachgezeichnet.

Am Dienstagabend wurde die Verlegung der ersten fünf Stolpersteine mit einer akademischen Feier gewürdigt. Die in der Kulturscheune abgehaltene Veranstaltung war gut besucht; es sprachen der Künstler Gunter Demnig und der eigens aus San Francisco angereiste Historiker Prof. David Clay Large, der in seinem Buch „Einwanderung abgelehnt“ (Originaltitel: „And The World Closed Its Doors“) das Schicksal von Dr. Max Schohl und seiner Familie vor dem Hintergrund der gerade zur NS-Zeit äußerst restriktiven US-Einwanderungspolitik thematisiert.

Das Unvorstellbare geschah
Die Geschichte der Familie Max Schohl beginnt im Jahr 1919. Zu jener Zeit zog Dr. Max Schohl, 1884 in Pirmasens geboren, nach Flörsheim. Dort engagierte er sich als Unternehmer und Besitzer einer chemischen Fabrik unter anderem für den israelitischen Wohlfahrtsverein. 1929, also im Jahr der Wirtschaftskrise, eröffnete Schohl in der Alten Kirchschule zudem eine Armenküche. Der, wie Prof. Large in seinem Vortrag unterstrich, „brilliante Chemiker hatte zur Entwicklung Flörsheims einen signifikanten Beitrag geleistet“. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Schohl, zuletzt im Range eines Hauptmanns, für Kaiser und Reich. Er, der sein Vaterland liebte und sein Leben im Kriege einsetzte, wurde für seine Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz Erster und Zweiter Klasse ausgezeichnet. Gerade deshalb traute er zunächst auch dem NS-Staat das Schlimmste nicht zu. Er konnte es sich nicht vorstellen, dass andere Deutsche seine Familie verfolgen und ihn töten wollten. Prof. Large nannte diesen tragischen Trugschluss den einzigen Fehler, den Max Schohl begangen hatte. „Wie hat man ihm die Liebe und Treue zu Deutschland zurückgezahlt? Mit Raub, Zerstörung und Mord“, stellte der US-Historiker fest.

Max Schohl versuchte, nachdem die Wohnung der Familie in der Pogromnacht 1938 zerstört worden war, seine Familie in Sicherheit zu bringen. Hauptziel der Schohls waren die Vereinigten Staaten. Doch die, von Prof. Large so bezeichneten, komplizierten und unmenschlichen Einwanderungsbeschränkungen der USA machten die Hoffnung der Familie zunichte. Daher auch der Buchtitel „Einwanderung abgelehnt“. Die Familie musste, nachdem ihr Gesuch auch von Großbritannien, Chile und Brasilien abschlägig beschieden worden war, nach Jugoslawien fliehen, das allerdings im Zweiten Weltkrieg unter deutsche Besatzung geriet. Max Schohl wurde dort im August 1943 verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er knapp vier Monate später, am 1. Dezember, ermordet wurde. Seine Mutter Johanna war nicht geflohen, sondern nach Frankfurt in das jüdische Altersheim gezogen. Sie wurde am 18. August 1942 in das KZ Theresienstadt transportiert; sie starb dort am 23. August desselben Jahres. Max Schohls Ehefrau Liesel und die Töchter Hela und Käthe wurden aus Jugoslawien zurück nach Deutschland verbracht, bis zur Befreiung durch die Amerikaner mussten sie Zwangsarbeit leisten. Liesel Schohl starb 1975, ihre Tochter Hela im Jahr 2000. Beide sind in Flörsheim auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Käthe wanderte gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Amerika aus, wo sie einige Jahre vor ihrem Tod – sie starb im Jahr 2014 – auf den Historiker Prof. David Clay Large traf, der das Schicksal ihrer Familie in seinem Buch „Einwanderung abgelehnt“ schilderte.

Schlusssteine für die Angehörigen
Large bezeichnete die Stolpersteine als „höchst effektives Mittel“, um im Kampf gegen Ignoranz und Gleichgültigkeit zu bestehen. Der Gast aus Amerika dankte deshalb all denen, die „diese würdevolle Zeremonie möglich gemacht haben“.

Künstler Gunter Demnig stellte klar, dass es sich bei den Stolpersteinen selbstverständlich nicht um Grabsteine handeln könne. Auch deshalb laufe der oft zu hörende Vorwurf von Kritikern des Stolperstein-Projektes, man trampele auf den Menschen herum, ins Leere. Es handele sich vielmehr, so Demnig, um Schlusssteine für die Angehörigen, die sich anlässlich einer Solpersteinverlegung oftmals zum ersten Mal begegneten.

Das Material der Stolpersteine sei nicht zufällig gewählt, erklärte Demnig: „Messing wird und bleibt blank, wenn man darüber läuft.“ Damit soll die Erinnerung an die NS-Opfer zu einem selbstverständlichen, zugleich dezent auffälligen Teil der Lebenswirklichkeit werden. „Und wenn man den Stein lesen will, muss man sich verbeugen“, fügte der Künstler hinzu.

Durch den Abend führte Christian Melchior, der Erste Vorsitzende des Vereins Stolpersteine Flörsheim. Er dankte im Namen des Vereins den neu hinzugekommenen Stolpersteinpaten Markus Ochs, Tobias Terweiden, der Taunus Sparkasse und der Familie Vogel, sowie insbesondere den ersten fünf Paten für die Familie Max Schohl, namentlich Jakob Vogel, Willi Melchior, den Firmen Elektro-Roth und Achilles Celle, sowie Antonio Bianchino, auf den die Idee zur Gründung des Vereins Stolpersteine Flörsheim letztlich zurückgeht. Bianchino las vor zwei Jahren das besagte Buch „Einwanderung abgelehnt“ und war als Flörsheimer, wie er im Rahmen der Stolpersteinverlegung gegenüber dieser Zeitung sagte, sogleich gepackt. Aus dem Vorsatz, etwas für das Gedenken (nicht nur) an die Familie Schohl tun zu wollen, entstand schließlich der Verein Stolpersteine-Flörsheim, dem Antonio Bianchino als Vorstandsmitglied angehört.

Den musikalischen Rahmen übernahm der Sängerbund. Dem Gesangsverein hatte einst auch Dr. Max Schohl angehört; er wurde, so wie die anderen jüdischen Vereinsmitglieder, bereits kurz nach der Machtergreifung aus dem Sängerbund ausgeschlossen.
 

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