Sorge um die Natur drängt in den Vordergrund

Allgegenwärtiges Schwerpunktthema beim 360. Verlobten Tag ist die ökologische Krise

gus

Wenn alles so ist, wie immer, passt es für die Flörsheimerinnen und Flörsheimer. So war der Verlobte Tag, der jeden letzten Montag im August in der Altstadt begangen wird, auch in diesem Jahr ein Erfolg, denn die Abläufe hielten sich im gewohnten Rahmen und konnten wie geplant durchgeführt werden.

Etwas war dann aber doch anders. Dass der Bischof persönlich an der Traditionsfeier teilnimmt, im Gottesdienst in St. Gallus die Predigt hält und dann das Allerheiligste unter dem Baldachin bis zum Pestkreuz trägt, war zwar keine Premiere, gibt es aber dann doch eher selten, vornehmlich bei den großen Jubiläen.

Georg Bätzing beschäftigt sich in dieser Woche im Rahmen seiner Visitation von Kirchengemeinden im Taunus mit der Situation am relativ jungen Pfarrei-Zusammenschluss St. Teresa am Main. Er wird am Wochenende also wieder in Flörsheim und Hochheim zu Gesprächen zugegen sein. Es war wohl das für die 360. Ausgabe des Festes gewählte Motto „Geh und bau mein Haus wieder auf!“, dass nicht nur in den Redebeiträgen an den vier Altaren während der Prozession, sondern auch in der Predigt Bätzings sehr viel Grundsätzliches über die sich zuspitzende Situation der Menschheit und des Planeten, auf dem sie Gast ist, nachgedacht wurde.

Eine wahre Serie an Appellen, die Zerstörung der Natur – das „Haus“ in dem wir alle leben – aufzuhalten und die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Das ist eine übertragene, aber thematisch gar nicht so weit vom Ursprung des Leitmotivs entfernte Interpretation. Denn das „Geh und bau mein Haus wieder auf!“ geht laut „Dreigefährtenlegende“ auf den heiligen Franziskus von Assisi zurück. Nicht die Ökologie des Erdballs, aber ein vom Verfall bedrohtes Kirchengebäude, an dem er eines Tages vorbeikam und in dem er den Befehl empfing, das Haus wieder aufzubauen, ist in der Leitgeschichte bedroht.

Franziskus fühlt sich dem Auftrag natürlich stark verpflichtet. Werden wir heute unserem Auftrag, die fortschreitende Naturzerstörung aufzuhalten und umzukehren, genauso folgen? Bätzing sieht auch im Verlobten Tag eine Parallele zur Franziskus-Geschichte, sei es doch die Pest gewesen, die seinerzeit die Flörsheimer zum Gebet zusammenbrachte und das Gelöbnis des jährlichen Gedenkens aussprechen ließ. In unseren Zeiten sei der Gottesglaube kaum noch präsent in der Gesellschaft. Der Bischof ist aber überzeugt, dass die Kirche auch heute noch eine wichtige Rolle in der Wieder(h)errichtung des Hauses spielen kann.

Ein Rezept sei das „Aufhören lernen“ – den ungemindert nach dem Mehr strebenden Menschen dieses Umdenken nahezubringen, sieht Bätzing die Kirchen als geeigneten Partner. Die Menschen müssen entscheiden, ob die einen neuen Turm zu Babel errichten wollten „oder sie erbauen eine Stadt, in der Menschen und Gott gemeinsam wohnen“. Dass die Menschen dabei die wichtigste Rolle spielen, glaubt Bätzing nicht. „Das wird ohne Gott nicht gelingen, also folgen wir ihm“, schloss der Bischof.

Am Ende des mit einer Eindreiviertelstunde etwas längeren Gottesdienstes als gewohnt bewegte sich der Tross auf die Straßen zur großen Prozession. Der Weg folgte, nachdem im Vorjahr durch die Umbauarbeiten am Mainufer die vierte und letzte Station an den Beginn des Prälat-Müller-Weg verlegt werden musste, diesmal wieder dem „üblichen“ Ablauf. Bischof Bätzing trug das Allerheiligste unter dem Schutz des Baldachins, begleitet von rund 200 Gläubigen und der über die Lautsprecher übertragenen Musik von Flörsheimer Kantorei und Orgel aus der Kirche zur ersten Station, dem Pestkreuz an der Ecke Hauptstraße/Untermainstraße.

Gestaltet wurde der Altar wie im Vorjahr von der Evangelischen Kirchengemeinde, mit Textvorträgen von Günter Battenfeld und Anne Sommermann. Für sie trifft das diesjährige Motto „Bau meine Kirche wieder auf“ genau die eigene Situation, und das ganz materiell gesehen. Denn seit kurzem ist die Evangelische Kirche an der Straßenseite verhüllt. Das Gebäude muss wegen Baufälligkeit saniert werden, ganz wie die Erdkugel. Battenfeld betonte, dass auch das Losungswort der evangelischen Kirche für 2026 in die gleiche Richtung gehe, es lautet „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“.

Die evangelische Kirche ist in diesem Jahr 125 Jahre alt, die Verhüllung sei notwendig geworden, weil der Sandstein zu bröckeln anfange. „Was das an Sanierungskosten nach sich zieht, ist noch nicht abzusehen“, berichtete Battenfeld. Sommermann ergänzte, dass eine weitere Parallele zur Situation in der katholischen Pfarrei die zum Jahreswechsel bevorstehende Fusion der Flörsheimer Evangelischen Gemeinde mit jenen der Nachbargemeinden sei. „Sie von der katholischen Seite sind uns dabei einige Jahre voraus.“ Eine Sorge sei, „dass das Gute, was sich vor Ort entwickelt hat, verloren gehen kann“. Battenfeld formulierte bei den Fürbitten daher: „Gib uns Mut, die Veränderungen anzugehen und sie mitzugestalten.“

Pfarrer Christian Preis übernahm das Allerheiligste und trug es zur zweiten Station in der Eisenbahnstraße. Hier präsentierten die Kinder der beiden katholischen Kitas St. Michael und St. Josef, was sie in den vergangenen Wochen alles über den heiligen Franziskus gelernt hatten (siehe auch den Bericht der Kitas). Das Abschluss-Bodenbild, das nach einer eigenen „Kinderprozession“ von St. Josef nach St. Gallus entstand, war auf der Eisenbahnstraße ausgebreitet. Das Lied „Du gibst uns die Sonne“, das auch bei der Beschäftigung mit Franziskus immer wieder gesungen wurde, schloss sich an den textlichen Teil an.

Pastoralreferentin Susanne Erdmann-Seither leitete die Fürbitten mit den Worten ein: „Guter Gott, deine Welt ist wunderschön und wir möchten gerne weiter in Frieden und Zuversicht hier leben.“ Entsprechend drückten die Fürbitten den Wunsch aus, dass Gott den Menschen helfen möge, gut auf die Tiere aufzupassen, auf die Bäume und auf das Wasser.

Monsignore Michael Metzger nahm sich nun das Allerheiligste, der Tross setzte seinen Weg fort und kam bald an der Christkönigskapelle an. Der „Sachausschuss Globale Verantwortung“, ein Untergremium des Pfarrgemeinderates, setzte den thematischen Schwerpunkt der diesjährigen Prozession fort. Das Engagement gelte der Bewahrung der Schöpfung und dem Einsatz für den Frieden, setze sich aber auch „für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung mit fairen Bedingungen“ ein. Der Ausschuss zitierte Papst Franziskus und dessen Klage in seiner Enzyklika „Laudato si“ über den „Mangel an einer Kultur und dem Willen, den eigenen Lebensstil, die Produktionsbedingungen und den Konsum zu ändern“.

Papst Franziskus plädierte dafür, „in einigen Teilen der Welt“ eine Verlangsamung des Wachstums zu akzeptieren und zu helfen, "damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann“. Entsprechend gingen auch hier die Fürbitten auf die Folgen des Klimawandels ein und setzten sich für die Menschen ein, die dies etwa durch einen steigenden Meeresspiegel bereits zu spüren bekommen. (Fortsetzung auf Seite)

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