Die besonders kritischen Momente in der Geschichte Flörsheims standen stets im Zusammenhang mit den Krisen ihrer Epochen. Die baulichen Spuren Jahrhunderte zurückliegender Schlüsselereignisse der Stadtgeschichte sind allerdings selbst in der Altstadt zwischen Mainufer und Hauptstraße rar gesät. Das macht es schwer, wichtige Ereignisse der Stadtgeschichte an den Adressen des Geschehens einzuatmen – immerhin hat die Altstadt aber zumindest genügend alte Bausubstanz zu bieten, um einen Eindruck der frühen Neuzeit zu bekommen.
Und doch versucht die Audiowalk-Reihe „Memory Spots“ den Flörsheimerinnen und Flörsheimern (und natürlich genauso allen anderen Interessierten) die wichtigen Orte der Stadtgeschichte nahezubringen, indem eine spannende und Bilder schaffende Erzählweise es leichter macht, die berichteten Ereignisse nachzuvollziehen.
Jetzt ist die dritte Folge der Flörsheimer "Memory Spots" erscheinen und zum Hören freigegeben. Nach „Hexen (er)finden“, in dem es um die Hexenprozesse ging, die in der Stadt abgehalten wurden, und dem fast modernen Thema „Zwangsarbeit in Flörsheim“ geht es diesmal um die Pestepidemie des Jahres 1666 und ihre Folgen. Am Sonntagmittag wurde die Episode freigegeben und stand für die ganz Eiligen per MP3-Player zur Verfügung.
Am Mainturm führten Bürgermeister Bernd Blisch, Kulturamtsleiter Christopher Naumann und Katja Kämmerer, die zusammen mit Jan Deck die Künstlerische Leitung innehatten, in das neue Projekt ein, das Kämmerer und Deck, wie schon bei den Episoden eins (2024) und zwei (2025), mit ihrem Performance-Label „Profikollektion“ produziert haben.
„Hexen (er)finden“ und „Zwangsarbeit in Flörsheim“ waren jeweils im Mai erschienen. Dass es diesmal ein Vierteljahr später so weit war, hatte keine produktionstechnischen Gründe. Vielmehr war es eine Woche vor dem „Verlobten Tag“ ein thematisches Match, die recht gut dokumentierte Geschichte der in der Stadt wütenden Pest im Sommer und Herbst 1666 und die bis heute einmal jährlich in Form des „Verlobten Tages“ wach gehaltene Erinnerung an die Ereignisse vor inzwischen 360 Jahren lebendig zu halten.
Genau genommen gedenkt der „Verlobte Tag“ weniger der Pest und ihrer Folgen, sondern drückt die Dankbarkeit der nicht vom Schwarzen Tod erwischten Bürgerinnen und Bürger aus. Die Podcastfolge, insgesamt rund 55 Minuten lang, beginnt am Mainturm, weil sich hier eines der wenigen Bauwerke befindet, dass aus dem 17. Jahrhundert übrig geblieben ist.
Bei der Premiere wurde an die Teilnehmer ein MP3-Player mit der gespeicherten Audiodatei samt Kopfhörer ausgegeben. Ansonsten gehen die Macher davon aus, dass die Interessierten sich die Datei (wenn demnächst verfügbar) vom Internetauftritt der Stadt unter www.floersheim-main.de/Freizeit-Kultur/Naherholung-vor-Ort/Audio-Walks/ oder von „Profikollektion“ unter www.profikollektion.de/ auf das Smartphone herunterladen.
Der Unterschied bei der Nutzung der dazugehörigen (und gegebenenfalls herunterzuladenden) App „Echoes“: sie zwingt die Nutzer, die Laufroute tatsächlich abzulaufen: Die einzelnen Abschnitte starten nämlich erst dann, wenn die damit verbundenen Orte tatsächlich aufgesucht sind – per GPS-Ortung erkennt die App dies und gibt nur dann die dazugehörige Episode zum Abspielen frei. Gerade für Flörsheimerinnen und Flörsheimer, die sich in ihrer Altstadt gut auskennen, wäre es einfacher, die Audiodatei wie auf dem MP3-Player bequem auf dem Sofa oder im Gartenstuhl anhören zu können – aber gegen einen Spaziergang ist natürlich nie etwas einzuwenden.
Die Flörsheimer kennen die aufgerufenen Orte: die Stelle des ehemaligen Stadttors zu Fuße der Pfarrer-Münch-Gasse, der Treppenaufgang zur Galluskirche in der Borngasse, der Gallusplatz, der Knick Hauptstraße/Obermainstraße, mit einem der Anwesen von Georg Lindheimer als zeitgenössischer Großbesitzer in der Stadt und die Metallstele am Mainufer sind die Anlaufpunkte – es war eben seinerzeit ein Dorf, das die Geschichte erlebte, die in dieser Folge erzählt wird.
Der ausgiebige Abschnitt zur Einstimmung hält sich länger am Mainturm auf, fragt das Wohlbefinden der Zuhörenden ab. Routine im Sommer 1666, als die Pestwelle auf die Dörfer am Main zurollte. Mainz weigerte sich bereits, Kaufleute in die Stadt zu lassen, die die Krankheit hereinzubringen drohten. Die 700-Seelen-Gemeinde Flörsheim ist durch die Stadtmauer scheinbar gut abgeschirmt gegen Fremde.
Die Zuhörer werden nun aufgefordert, sich an die zweite Station zu begeben, der untere Anfang der heutigen Pfarrer-Münch-Straße, wo einst die große Mainpforte die Stadtmauer unterbrach. Hier hofften die Flörsheimer 1666 durch striktes Vorgehen ebenfalls die Gefahr weiterer Infektionen einzudämmen. Zugleich wurden die Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, „möglichst wenig die Häuser zu verlassen und möglichst viel zu räuchern“.
Das Zentrum der Altstadt war damals wie heute der Kirchplatz. Im damaligen Gotteshaus, eine ganze Ecke kleiner als die Galluskirche und gerade frisch renoviert, herrschte Pfarrer Laurentius Münch, der sich die Benennung der Gasse nach ihm in jenen Monaten bis zum endgültigen Abebben der Epidemie im Januar 1667 redlich verdient hat, glaubt man den Berichten. Nicht nur, dass Münch von der Kanzel aus den Gläubigen erläuterte, wie sie sich zu verhalten haben in Zeiten der Pest, er war auch außerhalb der Dienstzeiten unentwegt mit der Organisation und Überwachung der Schutzmaßnahmen beschäftigt – und erkrankte selbst erstaunlicherweise nicht an der Seuche.
In Mainz hatte Kurfürst Philipp von Schönborn es derweilen vorgezogen, sich auf sein Würzburger Schloss zurückzuziehen. Auch die bürgerlichen Überlegungen zum Umgang mit der Pest sind durch Dokumente überliefert, schildern aber mehr die Hilflosigkeit der Verwaltung, denn Lösungsansätze. Die Bücher verzeichneten alleine im August 1666, dem Höhepunkt der Pest, 41 Opfer. Im September waren es nur noch 14, dann wieder 27. Schließlich aber, mit der Jahreswende, verschwand die Krankheit aus der Gemeinde bis auf weiteres, die Erleichterung war groß – Zeit für ein Gelübde.
Ohne Fonds-Gelder unmöglich
Das Projekt wird gefördert von der Stadt Flörsheim am Main und dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain. Christopher Naumann stellt klar, dass eine Finanzierung des Projekts ohne die Gelder des Fonds, also rein aus städtischem Etat, undenkbar wäre. Es ist auch keineswegs ein Gesetz, dass es weiterhin jedes Jahr eine neue Flörsheimer „Memory Spots“-Folge geben wird. Ein längerer Rhythmus ist wahrscheinlich, entschieden ist aber noch nichts.
„Wir schauen uns die Orte an und greifen Themen auf, die nicht so bekannt sind“, erläuterte Katja Kämmerer das Vorgehen. „Dann versuchen wir es so aufzugreifen, dass es sinnlich begreifbar wird.“
Das Bemühen in dieser Richtung ist unverkennbar durch den ausgesprochen ruhigen Vortragsstil. Es soll wohl das Erleben einfacher machen, dass zwischen der Pest und unserer eigenen, gar nicht so lange zurückliegenden Erfahrung mit einer Epidemie zu Beginn eine Parallele gezogen wird. Das angstvolle „Symptome checken“ mag tatsächlich für eine gewisse Zeit vergleichbar gewesen sein. Ansonsten überdeckt dieser Vergleich, dass die Menschen im 17. Jahrhundert dem Geschehen wesentlich brutaler ausgesetzt waren als wir während Corona.
Weder wussten die Menschen damals, was ein Virus ist, und daher auch nur grob, durch welche Verhaltensweisen die Ansteckungsgefahr erhöht oder gesenkt wird. An ein Testverfahren oder gar Impfserum war zu keinem Moment zu denken und konnte deshalb vom Rathaus und dem Pfarrer auch nicht zur Beruhigung der Massen angekündigt und versprochen werden.
Die Wissenschaft in die Verantwortung zu nehmen war damals genauso kein Thema, weshalb den Menschen nichts blieb als in der Krankheit eine göttliche Strafe zu ahnen und hinterher erleichtert zu sein, vom Herrn begnadigt worden zu sein – der Ausdruck der Dankbarkeit in einer religiösen Zeremonie war naheliegend. Und doch ist ein Gelöbnis wie für den „Verlobten Tag“, der 1667 zum ersten Mal begangen wurde und bis heute gilt, etwas Besonderes.
Diese Vorgänge interessierten die Macher an dem Thema, so dass sich alle, die sich bisher nicht vertieft mit den Flörsheimer Pestzeiten befasst haben – 1666 war nur eine von mehreren Wellen, die das Dorf erfasste – in eine Geschichte vertiefen können, die die Härten des frühneuzeitlichen Lebens plastisch macht.




Kommentare