Von Kerbemüdigkeit ist am Montagmittag wenig zu spüren. Im Festzelt sitzen die Gäste dicht an dicht, draußen drehen Kinder ihre Runden auf dem Karussell oder vergnügen sich an der Sprunganlage. Am Schießstand versuchen sich die Kerbeborsch, dazwischen fallen immer wieder die Pullover früherer Kerbejahrgänge ins Auge. Vier Tage nach dem ersten Fass ist auf dem alten Schulhof noch einmal richtig Betrieb.
Für den Club Fidelio ist es der passende Abschluss eines Wochenendes, auf das Vorsitzender Detlev Wiehle zufrieden zurückblickt. An jedem Abend seien mehr als 500 Gäste gekommen. „Der Freitag war unser stärkster Tag“, sagt Wiehle. Mit „Just Dexter“ begann die Kerb gleich mit einem Rockabend, der inzwischen fast schon zum festen Bestandteil des Programms geworden ist. Sängerin und Bassist wohnen in Wicker, zwischen der Band und dem Club ist über die Jahre eine Freundschaft entstanden.
Dass sich die Zeltkerb längst nicht allein auf ihre traditionellen Programmpunkte verlässt, zeigte dann vor allem der Samstag. Nach dem Fassanstich durch Ortsvorsteher Dirk Graafen gehörte das Zelt am Abend erstmals den „Vagabunden“. Mit der neuen Band hatte der Club offenbar genau den Geschmack des Publikums getroffen. Die Tanzfläche füllte sich schnell, an den Tischen wurde mitgesungen und gefeiert. Für Wiehle war die Premiere ein voller Erfolg; die Stimmung habe vom ersten Lied an gepasst und sich durch den ganzen Abend gezogen.
Noch einmal enger wurde es gegen 22.30 Uhr, als der aktuelle Kerbejahrgang zu seiner Tanzaufführung antrat. Die „Schorlenkrieger“ sorgten mit choreografierten Einlagen und Hebefiguren für einen der Höhepunkte des Abends. Das Publikum ging lautstark mit, ehe anschließend wieder die „Vagabunden“ übernahmen.
Überhaupt zeigte sich an diesem Wochenende, dass die Wickerer Kerb weit über den jeweiligen Jahrgang hinausreicht. Auf dem Platz waren zahlreiche ehemalige Kerbeborsch in ihren alten Pullovern unterwegs, beim Umzug wurden Fahnen früherer Gruppen mitgeführt. So trafen sich Jahrgänge, zwischen denen mitunter Jahrzehnte liegen. Gerade dieses Wiedersehen gehört ebenso zur Kerb wie Musik, Tanz und Frühschoppen.
Nur das Wetter spielte nicht durchgehend mit. Der Sonntag fiel deutlich nasser aus als die beiden Tage zuvor. Regen begleitete Teile des Programms, an den Traditionen änderte das jedoch nichts. Nach dem Festhochamt in St. Katharina führte die Gelöbnisprozession durch den alten Ortskern. Sie erinnert an die Erlösung von der Pest vor 360 Jahren.
Am Nachmittag zog der Kerbeumzug durch Wicker. Begleitet wurde er vom Blasorchester Kelkheim-Hornau und dem 1. Bergsträßer Spielmanns- und Fanfarenzug Bensheim. Danach ging es zum Platzkonzert ins Festzelt – an diesem Tag ein durchaus willkommener, trockener Ort.
Am Montag war der Regen vergessen. Bei freundlichem Wetter füllten sich Festplatz und Zelt wieder, beim traditionellen Frühschoppen waren kaum freie Plätze zu finden. Ab 11 Uhr sorgte Hansi Schitter für Stimmung. Viele Aktive kennen ihn noch aus früheren Jahren, als er gemeinsam mit seinem Partner Michel als „Echt Guat“ in Wicker auftrat. Ab 12 Uhr folgte das traditionelle Eieressen mit Eiern und Speck. Die Eier hatten die Kerbeborsch am frühen Morgen bei der Wickerer Bevölkerung gesammelt.
Was sich für die Besucher vier Tage lang leicht und selbstverständlich anfühlt, ist für den Club Fidelio ein erheblicher Kraftakt. Rund 200 Helferschichten mussten besetzt werden, täglich waren etwa 50 Helferinnen und Helfer im Einsatz. Bei einem Verein mit rund 200 Mitgliedern ist das eine beachtliche Zahl. Zelt, Bänke und Theken werden wieder von der Firma Molzberger gestellt.
Dass sich der Aufwand lohnt, zeigt für Wiehle nicht nur der Besucherandrang. Allein während des Kerbewochenendes gingen zehn neue Mitgliedsanmeldungen ein, weitere seien bereits angekündigt. Damit gewinnt der Club gerade durch die Kerb neue Mitglieder und stärkt zugleich seine Verankerung im Ort.
Am Montagabend gehört der letzte Akt noch einmal den „Schorlenkrieger“, wenn die Kerb am alten Berg beerdigt wird. Für die Helfer endete das Wochenende damit allerdings noch nicht. Am Dienstag wurde das Zelt abgebaut. Sieben bis acht Stunden dauert es, bis Bänke, Theken und Planen verschwunden sind und aus dem Kerbeplatz wieder der alte Schulhof wird.




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