Leserbrief Abenteuerland Rhein-Main-Gebiet

gus

Mal ehrlich: Die meisten Tage vergehen recht unspektakulär, plätschern so dahin. Ohne besondere Höhen oder Tiefen. Echte Abenteuer kann man offensichtlich nur weit weg in exotischen Ländern erleben. Auf keinen Fall hier bei uns im Rhein-Main-Gebiet.

Das dachte ich bisher auch. Bis zum 15. Januar 2026. An diesem Donnerstag wollte ich abends um 21.05 Uhr mit der S 1 von Wiesbaden-Hbf nach Eddersheim fahren. Der Hinweis „Zug fällt aus“ am Gleis 4 überraschte mich nicht sehr. Wohl aber die Folgen. Mein Smartphone schlug als Alternative vor, um 21.36 Uhr mit RE, S 2 und Bus nach Eddersheim zu fahren. Mit Umsteigen in Niedernhausen, Hofheim und Hattersheim. Fahrtdauer: fast zwei Stunden! Zum Vergleich: Die S 1 benötigt 20 Minuten von Wiesbaden bis Eddersheim.

Da kam mir eine Idee: Es gibt doch den ‚Schienenersatzverkehr‘ (SEV) mit Bussen! Tatsächlich entdeckte ich – mit Hilfe von ortskundigen Mitreisenden – ein Hinweisschild: SEV. Ihm folgend erreichte ich den Busbahnhof am Nordausgang des Hauptbahnhofs. Dort fand ich am Bussteig 6 den gesuchten Fahrplan für den SEV S 1, den Ersatzverkehr für die S-Bahnlinie S 1. Abfahrt: 21.05 Uhr. Also in 20 Minuten. Es war ungemütlich und recht kalt an diesem Winterabend.

Um 21.05 Uhr geschah: nichts! Zwar kamen in kurzen Abständen ständig Busse vorbei. Die meisten mit dem Hinweis: „Betriebsfahrt. Nicht einsteigen“. Ab und zu erschien auch ein Bus mit der Aufschrift SEV 8 oder SEV 9. Was fehlte, war die SEV S 1. Mein Smartphone behauptete nach wie vor, dass der Bus um 21.05 Uhr fahren würde.

Endlich: Gegen 21.35 Uhr – ich war schon ziemlich durchgefroren – kam ein großer Gelenkbus mit der Aufschrift: SEV. Ohne den wichtigen Zusatz, welche S-Bahn er ersetzte. Deshalb rannten wir zum Fahrer. Offensichtlich war Deutsch nicht seine Muttersprache. Meine Frage, ob er auch in Eddersheim halte, beantwortete er daher mit einem Schulterzucken und dem Hinweis auf ein DIN A4-Blatt. Im Dämmerlicht schwer lesbar, erkannte ich darauf eine Liste mit Gemeinden unserer Region. Offensichtlich war das seine Streckenliste. Mit großer Erleichterung fand ich darauf auch "Eddersheim".

Diese Erleichterung schlug sehr rasch in reine Panik um! Im mittleren Busbereich ist ein Platz reserviert für Kinderwagen und dergleichen. Ideal für mein mitgeführtes Fahrrad. Aber: An der Tür war – unübersehbar – ein Hinweis. Er zeigte ein Fahrrad. Es war mit zwei dicken roten Balken durchgestrichen! Die Bedeutung war klar: Keine Fahrradmitnahme! Was jetzt? Es war inzwischen 21.45 Uhr, stockdunkel und ziemlich kalt geworden. Jetzt noch mit dem Rad nach Hause fahren? Mit 88 Jahren? Nein!! Mit dem Mut der Verzweiflung wartete ich, bis der Fahrer mit anderen Fahrgästen beschäftigt war. Diese Gelegenheit nutzte ich, um mein Rad in die dafür vorgesehene Abstellmöglichkeit im Bus zu schieben. Dort legte ich es so flach wie möglich ab, um es den Blicken des Fahrers zu entziehen. Sicherheitshalber zog ich meinen wärmenden Mantel aus und legte ihn über das Rad. Kann ein Krimi spannender sein?

Gegen 21:50 Uhr verschloss der Fahrer die Türen. Endlich! Leider aber nur ganz kurz; es kamen noch zwei weitere Fahrgäste. Mit denen verhandelte er über die Fahrtstrecke. Dann endlich gingen die Türen zu und die Innenbeleuchtung aus. Das waren Hoffnung erweckende Signale! Doch da kam eine Durchsage des Fahrers. Sie lösten einen gewaltigen Tumult und ein babylonisches Sprachengewirr im Bus aus. Ich hatte nur das Wort “Aussteigen“ verstanden. Mit Hilfe einiger sprachkundiger Passagiere wurde die Anweisung des Fahrers so gedeutet, dass die Fahrgäste aus der vorderen Bushälfte aussteigen und in einen anderen Ersatzbus wechseln sollten. Der Sinn dieser Maßnahme hat sich mir nicht erschlossen. War mir auch egal. Hauptsache, es ging endlich los. Es war inzwischen 22 Uhr geworden.

Nach einem nervigen Stau auf der Mainzer Straße in Wiesbaden verlief die Weiterfahrt reibungslos. Aber oft quälend langsam: Mit dem langen Bus durch Wiesbaden Ost zum Bahnhof Kastel und dann in Hochheim zunächst zum Bahnhof und zurück, anschließend durch die engen Innenstadtstraßen, das braucht Zeit. Den Busfahrer habe ich bewundert und ihn auch gelobt. Beim Aussteigen in Eddersheim. Dort endete meine RMV-Abenteuerfahrt. Um 22.47 Uhr. Es war dunkel und ziemlich kalt.

Bernd Zürn

Schillerstraße 1

Weilbach



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