Eine ganze Stadt ist geschockt

 

 

Margit Dörrhöfer, Altkönigstr. 15, 6
5439 Flörsheim am Main
Hessische Landesregierung
Hessische Staatskanzlei
Herrn Ministerpräsident Volker Bouffier
Georg-August-Zinn-Str.1
65183 Wiesbaden
Offener Brief an Herrn Ministerpräsidenten Volker Bouffier
Flörsheim am Main, den 7. November 2011

 

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Bouffier,
nachdem der Schriftverkehr mit Ihrem Vorgänger ergebnislos irgendwo im Nirvana untergetaucht ist, hatte ich vor langer Zeit beschlossen, meine Aktivitäten bezüglich Auseinandersetzungen mit Politikern zum Thema Flughafenausbau einzustellen, da es offensichtlich völlig unmöglich erscheint, als „Normalbürger“ ein offenes Ohr zu finden. 
Der Ausbau des Frankfurter Flughafens erfolgte trotz großer Ängste der hiesigen Bevölkerung. Diese Befürchtungen seien völlig unbegründet und die neue Landebahn bringe Wohlstand, Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Erfolg für die Region Rhein-Main – das wurde uns von den befürwortenden Politikern suggeriert. Und nun haben wir die Apokalypse – die Wende zum Unheil.
Eine Stunde, nachdem Kanzlerin Merkel mit dem ersten Landeanflug die neue Bahn im Gleitflug eröffnete, beginnt für meine Heimatstadt Flörsheim der Untergang. Es ist schlimmer, als der heftigste Ausbaugegner es je prophezeite. Eine ganze Stadt ist geschockt, der Lärm ist überall!!! 
Der Fluglärm findet sich nicht nur über den Gebieten, die als Schutzzone ausgewiesen sind (…. schlimm genug, dass es solche Zonen in von Ordnungsbehörden genehmigten Baugebieten gibt), sondern ebenfalls über der Kernstadt, die seit Jahrhunderten bewohnt ist. Ein Skandal, der seinesgleichen sucht!
Wo bleibt der Schutz des Einzelnen? Warum sind die Grundrechte unserer Verfassung in Flörsheim nicht gültig? Welches Recht hat Fraport, die Existenz und Gesundheit tausender Menschen zu zerstören?
Wie ist es möglich, dass die Lärmwerte wesentlich höher liegen als zuvor prognostiziert? Hätte es mit den aktuellen hohen Lärmwerten überhaupt eine Baugenehmigung dieser Variante gegeben?
Wurden die Zahlen bewusst „schön“-gerechnet?
Seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland ist mir kein Fall bekannt, bei dem über tausend Jahre alte Städte mit guter Infrastruktur mitsamt deren steuerzahlenden Einwohnern einfach geopfert und damit zerstört werden, denn ein Weiterleben unter diesem Lärmteppich ist menschenverachtend, unwürdig und unmöglich.
Heute betrifft es die Städte Flörsheim, Hattersheim und Hochheim, aber nach all den falschen Versprechen der Vergangenheit bin ich sicher, dass das Ende der Vergrößerungssucht von Fraport noch lange nicht erreicht ist. Die Lebensqualität in der gesamten Region wird mit steigender Anzahl von Überflügen und weiteren Ausbauplanungen immer geringer. Derzeit hält man es hier in Flörsheim schon nicht mehr aus, obwohl die Frequenz der geplanten Flugbewegungen noch gar nicht in Angriff genommen wurde. Schöne Aussichten!
Bewusst verzichte ich in meinem Brief auf Argumente wie leisere Anflugverfahren, leisere Flugzeuge, katastrophale Anforderungen zur Genehmigung von Schallschutzfenstern usw., denn auf diese und ähnliche Themen wurde in den letzen Tagen von vielen Mitbürgerinnen und Mitbürgern sowie Vereinigungen eingegangen – hoffentlich mit Erfolg.
Sehr geehrter Herr Bouffier, leider hat Herr Koch seine Verpflichtungen gegenüber uns Flörsheimerinnen und Flörsheimern völlig der Profitgier von Fraport und Co. untergeordnet. 
Wir sind aber viele Menschen, die Flörsheim nicht kampflos verlassen werden, der Widerstand wächst von Stunde zu Stunde, da katastrophale Zustände am Himmel diese Reaktion verursachen.
Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie meiner Heimatstadt einen Besuch abstatten. Lauschen Sie in unseren Straßen, Gärten und Häusern, den Kindertagestätten, Schulen, Altenwohnheimen und dem gerade erst eröffneten Hospiz der seit 21.10.2011 bestehenden Dauerbeschallung und führen Sie Gespräche mit uns hessischen Wählerinnen und Wählern: Sie werden staunen, wie oft eine Unterbrechung nötig sein wird, weil der Fluglärm einen verbalen Austausch unmöglich macht.
Freundliche Grüße
Margit Dörrhöfer
PS: Ein Auftanken der notwendigen Energie für meine Gesundheit und Leistungsfähigkeit war am Wochenende nur möglich durch die „Flucht“ in den Taunus; dieses Highlight wurde leider bei Rückkehr am Bahnhof von der Realität schnell wieder eingeholt – Dauerfluglärm macht krank!

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