Es begann mit großer Klarheit. Zart und geschlossen stiegen die Stimmen des Calmus Ensembles in der gut besuchten St.-Gallus-Kirche auf. Was sich dann in den folgenden gut anderthalb Stunden entfaltete, war weit mehr als ein klassischer Liederabend: Unter dem Titel „Leipziger Meister“ führte das Leipziger Vokalquintett sein Publikum durch 400 Jahre Musikgeschichte und machte dabei nicht nur die Werke, sondern auch den Raum selbst zum Erlebnis.
Dass ein Sänger kurzfristig ersetzt werden musste, war dem Konzert kaum anzumerken. Bass Michael B. Gernert hatte aus persönlichen Gründen absagen müssen. Für ihn sprang Manuel Helmeke ein, Sänger im MDR-Rundfunkchor und von 2015 bis 2022 selbst Bass im Calmus Ensemble. Die Umbesetzung gelang so nahtlos, dass die Homogenität des Klanges zu keinem Zeitpunkt litt.
Durchweg war zu hören, dass hier ein Ensemble mit großer Erfahrung auftrat. Seit mehr als 25 Jahren steht Calmus für anspruchsvolle Vokalmusik jenseits enger stilistischer Grenzen. In Flörsheim präsentierten Elisabeth Mücksch (Sopran), Johanna Gröhn-Veit (Alt), Friedrich Bracks (Tenor), Jonathan Müller Saretz (Bariton) und Manuel Helmeke (Bass) genau diese Mischung aus Präzision, Beweglichkeit und hörbarer Freude am gemeinsamen Musizieren.
Im Mittelpunkt des Abends standen die Stücke selbst und die Art, wie sie in St. Gallus zur Wirkung kamen. Das Programm spannte einen weiten Bogen von der Familie Bach über Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und Kurt Thomas bis hin zu zeitgenössischen Komponisten wie Bernd Franke und Ludwig Böhme. Damit blieb das Ensemble seinem Anspruch treu, Leipzig nicht nur als Stadt Johann Sebastian Bachs zu zeigen, sondern als musikalischen Kosmos über Jahrhunderte hinweg.
Zu Beginn prägten Werke aus dem Bach-Umfeld den Abend. Besonders eindrucksvoll war Johann Sebastian Bachs Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, den das Ensemble als Collage aus Sätzen der Kantaten BWV 21, 93 und 179 sowie dem Orgelchoralvorspiel BWV 642 aufführte. Choräle, geistliche Sätze und kunstvoll verdichtete Vokalfassungen entfalteten in der Kirche eine besondere Intensität. Gerade in den ruhigen, getragenen Passagen zeigte sich die große Stärke des Ensembles: fünf Stimmen, die nicht nebeneinander stehen, sondern zu einem gemeinsamen Klangkörper verschmelzen. Präzise, textnah und zugleich warm im Ton ließen sie die geistliche Musik nicht museal wirken, sondern mit spürbarer Ausdruckskraft.
Später öffnete sich das Programm stärker in Richtung Romantik und Moderne. Mendelssohns „Abschied vom Walde“ setzte einen weicheren, liedhafteren Akzent, während Kurt Thomas mit seinen Busch-Vertonungen „Es sitzt ein Vogel auf dem Leim“ und „Ärgerlich“ rhythmische Schärfe und feinen Humor ins Konzert brachte. Auch Regers Bearbeitung von „Es waren zwei Königskinder“ zeigte, wie souverän Calmus zwischen Volksliedton, kunstvoller Satztechnik und emotionaler Verdichtung wechselt.
Besonders eindrucksvoll wurde der Abend aber dort, wo die Sängerinnen und Sänger den festen Platz vor dem Altar verließen. Immer wieder bewegten sie sich durch das Kirchenschiff, stellten sich an verschiedene Orte, sangen aus unterschiedlichen Richtungen und nutzten die Architektur als Teil der musikalischen Gestaltung. Dadurch veränderte sich der Klang spürbar: Töne antworteten einander aus verschiedenen Ecken des Raums, schwebten nach oben, verdichteten sich oder verloren sich im Nachhall. Das war nicht bloß ein szenischer Effekt, sondern eine akustische Erweiterung des Programms. Die Kirche wurde zum Resonanzraum, die Bewegung zum Teil der Komposition.
Gerade diese Momente gaben dem Konzert seinen eigenen Charakter. Aus dem anfangs klaren, dicht geführten Klang entwickelte sich nach und nach ein vielschichtiges Spiel mit Nähe und Distanz, Richtung und Raum. Das Publikum hörte nicht nur zu, es wurde von Klang umgeben. So gewann die Musik eine körperliche Präsenz, die im normalen Konzertsaal kaum so möglich wäre.
Auch die Gegenwart hatte ihren Platz. Werke und Arrangements von Ludwig Böhme sowie Bernd Frankes „And why?“ zeigten, dass das Ensemble die Tradition nicht als abgeschlossenes Kapitel versteht. Vielmehr führte Calmus vor, wie sich alte und neue Musik gegenseitig beleuchten können. Zwischen barocker Linienführung, romantischer Ausdruckskraft und modernen Klängen entstanden immer wieder reizvolle Kontraste, ohne dass das Programm auseinanderfiel.
Am Ende reagierte das Publikum so, wie es ein solcher Abend verdient: mit langem, stehendem Applaus. In der St.-Gallus-Kirche war an diesem Sonntag nicht einfach ein Konzert zu erleben. Es war ein Abend, an dem Gesang, Raum und Bewegung auf selten dichte Weise zusammenfanden.


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