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An die eigene Nase fassen

Diskussionsrunde des Gewerbevereins Hattersheim nimmt Unternehmen auf Azubisuche stärker in die Pflicht

V.l.n.r.: Franz Ziemer (IHK), Moderator Darius Gevelhoff (GVH) und Oliver Flaß (Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main).
(Fotos: M. Krause)

 

HATTERSHEIM (mpk) – Wie findet man heutzutage als Unternehmer die passenden Auszubildenden? Und wie integriert man sie in den Betrieb? Diese Frage stellte sich und den anwesenden Gästen der Gewerbeverein Hattersheim (GVH) am Montag, 6. März, in der Hattersheimer Switch-Cocktailbar bei einer neuen Diskussionsrunde im Rahmen der Reihe „Fahr nicht fort, wir sind am Ort“.

Als Diskussionspartner anwesend waren Frank Ziemer von der IHK Frankfurt, Oliver Flaß von der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, sowie die drei Kandidaten der bevorstehenden Landratswahl, Michael Cyriax (CDU), Georg Einhaus (SPD) und Fritz-Walter Hornung (Die Linke). Eingeladen waren außerdem Unternehmer sowie Schüler und angehende Auszubildende, ebenso wie interessierte Bürger. Junge Menschen, denen der Start ins Berufsleben unmittelbar bevorsteht, verirrten sich an diesem Abend jedoch nicht in die Cocktailbar. Der kleine, aber feine Veranstaltungsort war dennoch sehr gut gefüllt und hätte ohnehin kaum noch weiteren Gästen Platz geboten.

Als Moderator fungierte Darius Gevelhoff, der 1. Vorsitzende des GVH. Frank Ziemer von der IHK führte sogenannte Matchingprobleme als aktuell große Schwierigkeit bei der Suche von Unternehmen nach geeigneten Auszubildenden (und umgekehrt) an. Berufsanfänger und Unternehmen finden oft nur schwer oder gar nicht zusammen. Eine Ursache hierfür sei der Irrglaube, es gäbe zu wenig Akademiker, was viele Eltern und junge Menschen dazu veranlasst, den Bildungsweg Gymnasium, Abitur und Studium als vorprogrammiert und alternativlos zu betrachten. Der Fachkräftemangel sei deutschlandweit ein Problem, im Rhein-Main-Gebiet jedoch etwas weniger stark ausgeprägt.

Oliver Flaß von der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main stellte fest, dass gute 30 Prozent der Handwerksbetriebe keine Fachkräfte finden. Die benötigten Fachkräfte sind einfach nicht am Markt, somit müssen diese verstärkt selbst herangezogen werden - was sich dank der besagten Matchingprobleme leider auch schwierig gestaltet. Flaß will hier verstärkt die Handwerker selbst in die Pflicht nehmen: Sie sollen sich fragen, wie sie ihren Arbeitsplatz attraktiver machen können, beispielsweise durch familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Zudem sieht auch er den Wunsch nach Akademisierung als gesellschaftliches Problem. Und auch hier rät er den Handwerksbetrieben, sich an die eigene Nase zu fassen, neue Reize zu bieten und an einem attraktiveren Image zu arbeiten. Damit die Leute nicht womöglich erst nach einem Studienabbruch auf die Idee kommen, im Handwerk die passende berufliche Zukunft zu sehen, sondern verstärkt auch schon während der Schulzeit.

Auf Augenhöhe begegnen
Frank Ziemer stimmte hier mit ein: Unternehmen sollen Auszubildenden mehr auf Augenhöhe begegnen. Früher konnte man es sich leisten, als Arbeitgeber sehr wählerisch zu sein: Nur Abiturienten, nur Einserkandidaten waren zuweilen gut genug. Diese Zeiten sind vorbei, und insbesondere kleine Betriebe hätten noch nicht erkannt, dass auch sie Pfunde haben, mit denen sie punkten können - und müssen. Ziemer sprach die Empfehlung aus, sich als Unternehmer selbst zu fragen: „Warum mache ich gerne meinen Job?“ Dafür gibt es Gründe, und diese gilt es, zu verkaufen. Arbeitnehmerfreundliche Eigenschaften wie ein familiäres Verhältnis im Betrieb oder flache Hierarchien müssen marketingtechnisch in die Waagschale geworfen werden. Berufsanfänger wünschen eine gesunde Work-Life-Balance und möchten wie Erwachsene behandelt werden. Sie wissen klare, verlässliche Ansagen und hilfreich zur Seite stehende Bezugspersonen zu schätzen. Für Arbeitnehmer verlockende Alleinstellungsmerkmale müssen stärker hervorgehoben werden, wenn man Berufsanfänger auf sich und seine Lehrstellen aufmerksam machen will. Fachkräftesicherung durch Azubimarketing.

Oliver Flaß fügte noch hinzu, dass auch und gerade das Handwerk ein zukunftsorientierteres Denken lernen müsse. Kleine Betriebe tun sich oft noch schwer mit Digitalisierung und sozialen Medien, aber auch hier sei ein Generationenwechsel in Gang, und Menschen, die damit wie selbstverständlich umgehen können, rücken langsam nach.

Das machen, was einem Spaß macht
Schließlich richtete Moderator Darius Gevelhoff die drei Kandidaten für die Landratswahl in den Mittelpunkt. Georg Einhaus (SPD) ist gelernter Bankkaufmann und absolvierte ein BWL-Studium. Seiner 17-jährigen Tochter und jungen Menschen im Allgemeinen rät er, beruflich das zu machen, woran sie Spaß haben. Im Rhein-Main-Gebiet bietet sich jede Chance der Ausbildung, vom Handwerk über kaufmännische Berufsausbildungen bis hin zum Studium. Seine Tochter engagiert sich momentan begeistert für das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Es sei daher aktuell gut denkbar, dass sie eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin absolvieren wird – aber das soll sie zur gegebenen Zeit selbst entscheiden.

Fritz-Walter Hornung (Die Linke) ist Diplom-Volkswirt und war viele Jahre lang Partner bei den Wirtschaftsprüfern von PriceWaterhouseCoopers (PWC). Nicht die klassische Karriere eines linken Politikers, jedoch war er schon immer politisch interessiert, und deshalb fasste er zusammen mit seiner Frau den bewussten Entschluss, aus diesem Berufsleben auszusteigen und politisch aktiv zu werden. Seine 20-jährige Tochter studiert derzeit Physik, und dieser eingeschlagene Karriereweg hat auch den Segen des Vaters. Besonderes Lob hat er für ihre ehemalige Physiklehrerin übrig: „Alle Themen können interessant sein, man braucht auch Vorbilder, die diese Begeisterung vorleben.“ 

Der amtierende Landrat des Main-Taunus-Kreises, Michael Cyriax (CDU), ist gelernter Industriekaufmann und absolvierte anschließend ein Jura-Studium. Heute würde er nichts anderes machen, und er schätzt sich glücklich, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Er sei mit Leidenschaft Landrat und genießt es, anderen Menschen helfen zu können.

Nachdem die Wahlkandidaten sich und ihr Wahlprogramm noch etwas ausführlicher vorgestellt hatten, fand Frank Ziemer von der IHK aufmunternde Worte für die hiesigen Zukunftsaussichten: „So schlecht können wir es gar nicht machen, dass wir diese Region hier runterkriegen. Die Rahmenbedingungen sind einfach toll“, lobte er die Verhältnisse, die im Rhein-Main-Gebiet herrschen und die er als zukunftssicher erachtet. Und Oliver Flaß gab zum Schluss noch einen Denkanstoß mit auf den Weg: Man solle weniger den Fokus auf eine perfekte Bewerbungsmappe und ein tadelloses Auftreten beim Vorstellungsgespräch legen, sondern sich fragen: Wie kann sich heute und morgen der Betrieb für den jungen Menschen bewerben?

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