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Entdecken, was verbindet

200 Jahre Nassauer Hof: Festwochenende mit Besichtigungen und Führungen durch Galerie und Bürgergarten

In der Weinstube im Erdgeschoß des Nassauer Hofes ist nicht nur die elegante Wandgestaltung zu bewundern, hier befinden sich auch die berühmten „Ritzfenster“ mit vielen Namen und Sprüchen aus der Blütezeit der Gastwirtschaft.
(Fotos: A. Kreusch)
 

HATTERSHEIM (ak) – Der 25. Tag des Offenen Denkmals in Hessen – in diesem Jahr unter dem Motto „Entdecken, was uns verbindet“ – wurde in Hattersheim mit einem langen Festwochenende zum 200. Geburtstag des Nassauer Hofes am Wochenende 7. bis 9. September gefeiert. Nachdem schon am Freitagabend vom Ersten Stadtrat Karl Heinz Spengler eine Ausstellung zur Geschichte des Gebäudes im ehemaligen Kuhstall, der heutigen Galerie, eröffnet worden war, konnte man danach im Innenhof einer „Serenade um 7ieben“ mit Musik aus den 20er Jahren von „Sousie und den Grammophonikern“ lauschen . Der Samstagmorgen begann im Bürgergarten des Nassauer Hofes mit einem „Literarischen Frühstück“. Am Nachmittag konnte man sich in der Galerie im „Filzen wie vor 200 Jahren“ versuchen, am Sonntagmorgen während einer Führung über die Rekonstruktion des Bürgergartens und über dessen Pflanzen informieren.

Den Abschluss dieser in die Vergangenheit führenden Veranstaltungsreihe bildete am Sonntagnachmittag eine sehr gut besuchte Führung durch das 2004 mit dem Denkmalsschutz des Landes Hessen ausgezeichnete Anwesen, bei der die Teilnehmer von Ulrike Milas-Quirin viel über die Besonderheiten dieses Denkmals erfahren konnten.

Die Führung begann vor dem alten Gasthaus, kurz vor der Ecke Hauptstraße/Mainzer Landstraße, auf geschichtsträchtigem Boden zwischen Altem Posthof und Nassauer Hof. „An Hattersheim führte eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit entlang, bekannt etwa im 13. Jahrhundert als „strata regia“ oder Königsstraße und im 15./16. Jahrhundert als Hoher Weg. Diese Straße war zunächst etwa dort, wo heute die A 66 verläuft, ab dem 16. Jahrhundert ging sie dann aber mitten durch Hattersheim, ab der Unterpforte – der Straßenname Untertorstraße erinnert noch daran – bis hierher, wo früher das Obertor stand“, erklärte die Historikerin. Diese Straße diente als Pilgerweg, als Handelsweg, als „Kaiserstraße“ (zwischen 1562 und 1792 gab es zehn Kaiserkrönungen, deren Gäste als stattliche Reiter oder in beeindruckenden Kutschen Hattersheim auf dem Weg nach Frankfurt passierten), und natürlich auch als Heerstraße, wie etwa von Gustav Adolf 1631 im 30-jährigen Krieg oder auch von Napoleon, der Anfang des 19. Jahrhunderts Hattersheim wohl sieben Mal passierte. Bald danach verlor mit dem Bau der Eisenbahn die Straße dann an Bedeutung.

Alles in der Hand einer Familie
Schon Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Hattersheimer Posthof als Poststation erwähnt, das Monopol für die Post ging an das Haus Thurn und Taxis. Seit dem 17. Jahrhundert war der Hattersheimer Posthof die ertragreichste Post- und Pferdewechselstation im deutschen Reich – 1783 waren jährlich 72.000 Pferde auf der Reichstraße unterwegs, das entspricht etwa 50 Kutschen am Tag. Der Posthalter in Hattersheim musste daher alleine 40 Wechselpferde bereithalten. „Mensch und Tier mussten versorgt werden, davon profitierten Handwerker, Landwirte und natürlich auch Gastwirte. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es zehn Gasthäuser auf der Strecke zwischen Obertor und Untertor“, erzählte Milas-Quirin, „heute sind es nur noch vier.“ 1750 baute der damalige Postmeister Adam Werle gegenüber des Posthofes noch eine Scheune, Ställe und eine Remise, um 1800 kam ein mächtiges klassizistisches Haupthaus dazu, die Poststation. 1794 erwarb sein Nachkomme Johann Adam Werle, ebenfalls Posthalter in Hattersheim und gleichzeitig auch Postdirektor in Wetzlar, das Grundstück gleich daneben, die alte Pforte, die sich darauf befand, wurde abgerissen. Der Posthalter schenkte diesen Grund seinem Neffen Carl Werle, der ihn in Kriegszeiten „getreulich“ vertreten hatte.

Schon im Jahr 1814 wurde von diesem „für Posthofgeschäfte“ der Südflügel des Nassauer Hofes mit Stallgebäuden und Übernachtungsstuben gebaut, 1818 folgte das Haupthaus. „Damit waren die wichtigsten Wirtschaftsbetriebe an „der Straße“ fest in der Hand der Familie Werle – auch nach dem Tod von J.A. Werle übernahmen dessen Söhne die Posthalterei“, erzählte Ulrike Milas-Quirin. Allerdings zog es einen Spross der geschäftstüchtigen Werles auch nach Frankreich – dort war er zunächst Kellermeister, dann Teilhaber der Champagner-Kellerei der Witwe (Veuve) Clicquot, die ihm und seinem Sohn ihr Geschäft schließlich vermachte.

Von 1818 bis 1854 florierte das Gasthaus Nassauer Hof, dann wurde es an Philipp Christ aus Wallau verkauft, der es zum landwirtschaftlichen Betrieb umwidmete. 1858 wurde dessen Schwiegersohn Phillip Wilhelm Schlocker Eigentümer. Das nun „Schlockerhof“ genannte Gebäude blieb fast 130 Jahre im Besitz der Familie, die nach und nach zum Großgrundbesitzer in Hattersheim wurde – ihr gehörte eine Zeit lang auch der Posthof.

1986 wurde die Stadt Hattersheim durch einen Grundstückstausch mit dem Evangelischen Verein für Innere Mission (EVIM) Eigentümer des Gebäudes, welches die letzten Schlocker-Nachkommen an EVIM zur Nutzung für beeinträchtigte Menschen vererbt hatten. Die Gebäude wurden danach als Museum, als Magazine des Geschichtsvereins, als Stadtarchiv und auch als Künstleratelier genutzt. Für symbolische 100 Euro erwarb im Jahr 2001 die Hattersheimer Wohnungsbaugesellschaft (HaWoBau) den inzwischen sehr maroden Gebäudekomplex, man sanierte und baute um bis zum Jahr 2004. Heute ist wieder ein Gasthaus im Nassauer Hof beheimatet, aber auch das Rathaus und Verwaltung, ebenso finden Kulturveranstaltungen dort statt.

Nassauer Hof in alter, schlichter Pracht
Das stattliche gelbe Gebäude, welches lange Zeit das letzte Haus am Ende der Hattersheimer Hauptstraße war, dominiert noch heute seine Umgebung. Manch ein Passant fragt sich vielleicht, warum die Hausecke zur Mainzer Landstraße so „abgeschrägt“ ist: „So kam man mit Fuhrwerken hier einfach leichter um die Kurve – Hausecken waren damals schon und sind noch heute gefährdete Bereiche an Kreuzungen“ schmunzelte Ulrike Milas- Quirin erklärend.

Nach seiner Sanierung zeigt der zweigeschossige Hauptbau mit seinen großen Fensteröffnungen und Klappläden wieder seinen schlichten und ausgewogenen klassizistischen Stil mit sparsamem „Bauklötzchenfries“ um das Dachgesims. „Das war bis 2001 anders, da war seit 1894 die Durchfahrt zur Hauptstraße auch zugebaut“, erläuterte Milas-Quirin. Nach bauhistorischen Voruntersuchungen – es gab keine alten Baupläne mehr – hatte man sich jedoch für die Rekonstruktion des Gebäudekomplexes im Stil seiner „Gasthaus-Zeit“ entschieden, alle Umbauten aus der Zeit der Umnutzung zum landwirtschaftlichen Betrieb und aus der Schlockerzeit wurden „zugunsten der bauzeitlichen Fassung aufgegeben und entfernt“. Somit wurde auch der älteste Teil, der 1814 errichtete Südflügel, in dem im Obergeschoss Übernachtungszimmer und im Erdgeschoss Futterküche, Stall und Remise waren, mit dem Hausgarten dahinter, mit allen Fenstern, Klappläden und Stallungstüren wieder original hergestellt – er dient heute dem Hattersheimer Geschichtsverein sowie der Verwaltung der Stadt, in der Remise wird die vom Geschichtsverein renovierte historische Schlocker-Kutsche aufbewahrt.

Die gegenüberliegende alte Scheune war 1957 abgebrannt, sie wurde durch einen Neubau ersetzt, der heute als Rathaus dient und bei dem bewusst traditionelle Materialien wie Ziegel, Kalkputz, Holz und Metall eingesetzt wurden. Auch der Neubau für die Gaststätte soll mit seinem bis zum Dachgeschoss offen verglasten Bereich an die ehemaligen Hoftore dort erinnern, er erlaubt den Durchblick bis in den Innenhof. Dort ist sogar der ehemalige Misthaufen zumindest noch in seinen Umrissen zu sehen: in der Mitte des Hofes wird er von dicken Sandsteinrechtecken begrenzt.

Im Innern des alten Gebäudes machte Ulrike Milas-Quirin auf eine kleine Tür im Flur des Erdgeschosses aufmerksam. Dahinter versteckte sich das sogenannte „Vorgelege“ zum Kamin, mit dem das ganz Haus beheizt werden konnte – in anderen Zimmern wurden die Kamin-Nischen ebenfalls freigelegt. Gleich links von Eingang befand sich früher die Kutscher- oder Bierstube – hier fanden die einfachen Leute und Bedienstete früher Rast und Ruhe, gleich gegenüber war die Gaststube oder „Weinstube“ für die vornehmen Reisenden. In allen Räumen im Nassauer Hof konnten die qualitätsvollen farbigen Ausmalungen mit Fries-Schabracken originalgetreu rekonstruiert werden. „Das ist eine Besonderheit, so bekommt man heute einen guten Eindruck vom Farbgeschmack in der Biedermeierzeit“, erklärte Ulrike Milas-Quirin. Und auch die beiden Fenster der Weinstube zur Mainzer Landstraße sind etwas ganz Besonderes, hier haben sich die Gäste früherer Zeiten verewigt, in dem sie mit ihren Diamantringen Namen und Verse einritzten: „Hier ist gut sein bei Lieb und Wein!“ oder „In diesem Haus gabs guten Schmaus!“ unterschrieben etwa Rothschilds, Jügel, von Lichtenstein, Bernay oder Caprano, aber auch einige englische Namen, wohl von „Lustreisenden“ der Romantik auf dem Weg zum Rhein, sind dort zu finden. Das diese Scheiben und die anderen Fenster des Nassauer Hofes sowie auch alle Türen original erhalten geblieben sind, ist wohl in der Hauptsache der Hartnäckigkeit des Hattersheimer Geschichtsvereines zu verdanken, der trotz manchmal widriger Umstände darauf bestand, alle diese sperrigen Gegenstände aufzubewahren.

Farbausstattung in Geschlossenheit
Auch über das Geheimnis des großen Wandschrankes in der Weinstube wurden die Teilnehmer der Führung aufgeklärt: Einst versteckte sich der Kühlschrank der Gastwirtschaft dahinter. Im ersten Stock konnte der ebenfalls wunderbar wiederhergestellte Festsaal des Nassauer Hofes besichtigt werden. Er war seit 1850 mit dünnen Bretterwänden zur 3-Zimmer-Wohnung umgebaut worden, glänzt nun aber wieder in seiner vollen und harmonischen Größe. Auch hier ist die Ausmalung beeindruckend. „Die Restauratoren stießen hier auf unvermutet reichhaltige Farbbefunde, hier im Haupthaus wurde ein Reichtum an Farbe und Ausstattung in seltener, lückenloser Geschlossenheit gefunden“, betonte Ulrike Milas-Quirin noch einmal, „das Farbraumbuch ist sozusagen ein Musterbuch oder Tapetenbuch zur zeitgenössischen Wanddekoration.“

Selbstverständlich wurden die Führungsteilnehmer auch in die Remise geführt, in der die vornehme Kutsche der Familie Schlocker, mit der diese etwa am Wochenende zum evangelischen Gottesdienst nach Okriftel oder zum Verwandtenbesuch nach Nordenstadt fuhren, aufbewahrt wird. Hier erzählte Milas-Quirin, dass auch Goethe auf seinen Reisen im eigenen, bequemen viersitzigen Landauer in Hattersheim (wo, weiß man leider nicht genau) Station gemacht hat und hier an seinem Spätwerk gearbeitet hat – das ist einem seiner Tagebuch-Einträge zu entnehmen.

Im früher geheimen – das Tor in der Mauer zur Lindenstraße ist erst später eingefügt worden –, rekonstruierten Bürgergarten des Nassauer Hofes, in dem immer noch eine Eibe und ein Buchsbaum aus der Zeit seiner Entstehung stehen, konnte man auch das „Karbid-Häuschen“ besichtigen, in dem früher das zur Beleuchtung des Gasthauses, der Kutschen und vielleicht auch zum Betrieb der Schmiede verwendete Calciumcarbid gelagert wurde, und welches heute eine Sammlung von Grenzsteinen beherbergt. Gleich dahinter ist die alte Schmiede – heute ein Wohnhaus – zu sehen.

Der sehr interessante, von Ulrike Milas-Quirin mit vielen Anekdoten und Geschichten angereicherte Rundgang durch den Nassauer Hof endete im ehemaligen Kuhstall mit preußischer Kappendecke, gusseisernen Stützen, Flusskieselboden und zu Vitrinen umfunktionierten Sandsteintrögen, der heutigen Galerie im Nassauer Hof. Hier wurde am Jubiläumswochenende die von der Hattersheimer Stadtarchivarin Anja Pinkowsky zusammengestellte Ausstellung zur Historie des Gebäudes gezeigt, außerdem waren noch viele interessante Ausstellungsstücke, unter anderem alte Schriften zur Bewirtschaftung des Hofes und eine alte Trennwand, aber auch eine Bilder-Schau zu seinen früheren Bewohnern zu sehen. 
 

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