Gelebte Partizipation in Hattersheim

Festliche Einweihung von Kindertagesstätte und Wohneinrichtung unter einem Dach auf dem Schlockerhof

mpk

Nach rund zweijähriger Bauzeit konnte am vergangenen Freitag endlich ein besonders ambitioniertes und in der Region einzigartiges Neubauprojekt des Evangelischen Vereins für Innere Mission in Nassau (EVIM) auf dem Hattersheimer Schlockerhof eingeweiht werden: Auf dem 3.540 Quadratmeter großen Areal ist ein viergeschossiges Gebäude entstanden, das sowohl eine moderne Kindertagesstätte als auch eine Wohneinrichtung für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen unter einem Dach vereint. Mit einer Vielzahl an Wohnformen bietet die Einrichtung ein Höchstmaß an Flexibilität – und setzt zugleich ein starkes Zeichen für Inklusion, Teilhabe und zukunftsorientiertes Bauen. Mit Gartengeschoss und direktem Zugang zu einem großzügigen Außengelände ersetzt das Gebäude die bisherige Kita in Container-Bauweise und die Wohnhäuser aus dem Wohnverbund für Menschen mit Assistenzbedarf in unmittelbarer Nachbarschaft in der Dürerstraße.

Los ging das Projekt im Jahre 2017, als in ein paar hundert Metern Entfernung ein erstes neues Gebäude mit Wohnungen für 22 Menschen mit Beeinträchtigungen eingeweiht wurde, die zuvor aus der alten Wohnanlage ausgezogen waren. Den verbliebenen 30 Personen versicherte man damals, dass sie auch ein schönes neues Haus bekommen werden - leider sind seitdem nun bereits neun Jahre ins Land gezogen. Die provisorische Kita in Containern war auch schon seit 2018 in Betrieb, ursprünglich war deren Nutzung nur für vier bis maximal fünf Jahre vorgesehen. Auch hierfür konnte nun endlich erfolgreich ein neues dauerhaftes Domizil errichtet werden.

Das Projekt im Überblick

Im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss befinden sich die Räume für die Kindertagesstätte mit insgesamt sechs Gruppen - zwei U3-Gruppen im Erdgeschoss sowie vier Elementar-Gruppen im ersten Obergeschoss - inklusive aller Funktionsräume. Erweitert wird das Raumangebot durch ein großzügiges Gartengelände. Maximal 120 Kita-Betreuungsplätze stehen zur Verfügung.

Ganz im Sinne der Inklusion ist für die Wohneinrichtung das Normalitätsprinzip die Grundlage jeglicher konzeptioneller Planung: Eine Vielzahl von Wohnformen, wie zum Beispiel unterschiedlich konzipierte Wohngemeinschaften, individuelles Wohnen in Einzelapartments, die bei Bedarf auch in eine Zweipersonenwohnung umgebaut werden können, sind Beispiele für ein Höchstmaß an Flexibilität, das sich am individuellen Bedarf eines jedes einzelnen Bewohners orientiert.

In dem Gebäude gibt es insgesamt 30 Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Assistenzbedarf. Das Wohnraumangebot teilt sich auf in zwölf Wohneinheiten, eine Vier-Personen-Wohngruppe im ersten Obergeschoss, zwei Acht-Personen-Wohngruppen im zweiten Obergeschoss sowie eine Zwei-Personen-Wohnung und acht Ein-Personen-Apartments im Staffelgeschoss. Ergänzt wird das Wohnangebot im Erdgeschoss um Flächen für die „Gestaltung des Tages“, in denen Bewohner tagsüber ein Beschäftigungsangebot erhalten.

Die Wohneinrichtung vereint alle Vorzüge eines modernen Betreuungskonzeptes, das sich an der personenzentrierten Gestaltung von Lebensräumen und an einer höchstmöglichen Lebens- und Wohnqualität der Bewohner „mit konsequentem Blick in die Zukunft“ orientiert. Wohnen und leben im eigenen Zuhause soll auch bis ins hohe Alter und bei zusätzlichen körperlichen Einschränkungen oder erhöhtem Pflegeaufwand möglich sein. Die unterschiedlichen Nutzungen in einem Gebäude sollen Inklusion ebenso befördern wie eine vielfältige und langfristige Nutzung des Gebäudes für unterschiedliche Personen- und Bewohnergruppen. So können zum Beispiel die flexibel geplanten Multifunktionsräume im Erdgeschoss sowohl von der Kindertagesstätte als auch vom Wohnhaus genutzt werden. Ein Quartiersbüro fördert das Konzept der Einbindung in den Sozialraum.

„Die besondere Wohnform bietet maximale Flexibilität und orientiert sich konsequent an den sich verändernden Lebenssituationen der Klientinnen und Klienten“, so Holger Thewalt, Geschäftsführer der EVIM gGmbH - Teilhabe.

Die flexibel nutzbaren Multifunktionsräume können sowohl von der Kita als auch vom Wohnbereich genutzt werden – ein baulicher Ausdruck gelebter Inklusion.

Auch energetisch ist der Bau zukunftsorientiert: Die Wärmeerzeugung (Fußbodenheizung) erfolgt auf Basis einer Wärmepumpe, die Warmwasseraufbereitung erfolgt weitestgehend dezentral elektrisch und wird unterstützt durch eine Photovoltaik-Anlage auf der Dachfläche.

Die Baukosten belaufen sich auf rund 13 Millionen Euro, die über Darlehen und Eigenmittel zur Verfügung gestellt wurden. Die Refinanzierung erfolgt durch die Leistungsentgelte des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen sowie der Stadt Hattersheim am Main. EVIM stellte das Grundstück zur Verfügung. Betreiberin ist die EVIM gGmbH mit ihren Geschäftsbereichen Bildung und Teilhabe.

Dank der Stadt Hattersheim

Zur Einweihungsfeier konnte Jörg Wiegand, Kaufmännischer Vorstand EVIM, zahlreiche Gäste begrüßen. Die Kita-Kinder ließen es sich zu diesem besonderen Anlass auch nicht nehmen, der Feiergesellschaft ein Ständchen zu singen.

Bürgermeister Klaus Schindling stellte fest, dass EVIM aus der Hattersheimer Stadtgesellschaft längst nicht mehr wegzudenken ist. "Hier ist Inklusion, hier ist Prävention, hier ist ein buntes, gelebtes Miteinander", so der Rathauschef. EVIM habe der Stadt in einer Zeit, in der man echte Schwierigkeiten hatte in Sachen Kinderbetreuung, geholfen. Man brauchte einen weiteren Träger, und bereits nach wenigen Gesprächen habe EVIM signalisiert: Wir machen das. Man habe mit der Container-Kita begonnen, und hat man hier ein wunderbares Gebäude, das doppelt genutzt wird, so Schindling. Hier würden die Worte der Inklusion mit Leben gefüllt, und deshalb sei die Stadt Hattersheim unglaublich dankbar dafür, dass man hier gemeinsam einen guten Weg gehen konnte.

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