NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur

Tag des offenen Denkmals am vergangenen Sonntag: Ulrike Milas-Quirin führte durch den Nassauer Hof

mpk

Der vergangene Sonntag stand wieder einmal ganz im Zeichen des Tages des offenen Denkmals. der als die "größte Kulturveranstaltung Deutschlands" gilt. Damit leistet auch Deutschland einen Beitrag zu den "European Heritage Days", der große Aufmerksamkeit für die Denkmalpflege hierzulande schafft.

Seit 1993 wird dieser Aktionstag von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und damit auch unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten bundesweit durchgeführt. Die Stiftung ist dabei für das Konzept des Aktionstags verantwortlich und legt das jährliche Motto fest, das in diesem Jahr lautete: "NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur".

Deshalb standen beim Tag des offenen Denkmals 2026 insbesondere Dreh- und Angelpunkte der historischen Infrastruktur im Mittelpunkt, welche die Menschen in der Vergangenheit vernetzt haben oder es gar heute immer noch tun.

In Hattersheim fanden daher im Kraftwerk an der Eddersheimer Staustufe (siehe Bericht in dieser Ausgabe) und eben auch im Nassauer Hof Führungen statt, jenem einstigen Gasthof an der bedeutenden Handelsstraße zwischen Mainz und Frankfurt.

Wechselnde Besitzer im Laufe der Jahrhunderte

Der Treffpunkt zur Führung war der Eingang zum Alten Posthof in der Sarceller Straße, schräg gegenüber vom Nassauer Hof. Ulrike Milas-Quirin vom Hattersheimer Geschichtsverein beschrieb die historische Bedeutung dieses Areals: Mit der zwischen zwischen Kiew und Santiago de Compostela verlaufenden Via Regia führte einst eine der bedeutendsten Verkehrsverbindungen ab dem 16. Jahrhundert durch Hattersheim, vom frühen Mittelalter an bis in die Neuzeit. Die Straße, die auch als "Hoher Weg" bekannt war, diente als Handels- und Pilgerweg, aber auch als Heerstraße, die von Gustav II. Adolf von Schweden und seinen Truppen im Dreißigjährigen Krieg ebenso genutzt wurde wie wiederholt von Napoléon Bonaparte auf dessen Feldzügen. Erst mit dem Bau der Eisenbahn verlor die Straße an Bedeutung.

Im Jahr 1595 erhielt das Haus Thurn und Taxis von Kaiser Rudolf II. das kaiserliche Postmonopol im Heiligen Römischen Reich, und schon damals fand auch der Hattersheimer Posthof erstmals Erwähnung. Jener mauserte sich zeitweise zur ertragreichsten Post- und Pferdewechselstation im gesamten Deutschen Reich. Ende des 18. Jahrhunderts verkehrten auf der dortigen Reichsstraße Jahr für Jahr über 70.000 Pferde und damit circa 50 Kutschen pro Tag.

Diese intensive Nutzung lockte natürlich auch die Menschen an und es galt, diese angemessen zu versorgen. Es mangelte also nicht an Arbeit für die hiesigen Handwerker, Land- und Gastwirte. Zeitweise gab es allein auf der Strecke zwischen Obertor und Untertor zehn Gasthäuser.

Im Jahre 1750 errichtete der Postmeister Adam Werle auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Posthof eine weitere Scheune, samt Ställen und Remise, später kam mit der Poststation noch ein klassizistisches Haupthaus von enormer Größe hinzu. Sein Nachfahre Johann Adam Werle kaufte 1794 das benachbarte Grundstück und ließ die sich dort befindliche "Alte Pforte" abreißen.

Schließlich wurde das Areal dem Neffen Carl Werle als Schenkung überlassen, der 1814 den Südflügel des Nassauer Hofes errichtete. Jener Flügel wurde für Geschäfte im Posthof gebraucht und war mit Ställen und Gästezimmern ausgestattet. Vier Jahre später wurde dann das Haupthaus gebaut, es folgten erfolgreiche Jahrzehnte für das Gasthaus "Nassauer Hof".

1854 erwarb der Wallauer Philipp Christ den Nassauer Hof und wandelte ihn in einen landwirtschaftlichen Betrieb um, bevor 1858 dessen Schwiegersohn Phillip Wilhelm Schlocker Eigentümer des Hofes wurde und ihn fortan "Schlockerhof" nannte. Die Familie Schlocker besaß den Hof 128 Jahre lang und mauserte sich auch ansonsten zu einem regelrechten Großgrundbesitzer in Hattersheim, inklusive Posthof, den die Tochter von Phillip Wilhelm Schlocker erwarb.

Die letzte Nachfahrin der Schlockers vermachte 1986 das Grundstück an den Evangelischen Verein für Innere Mission (EVIM). Die Stadt Hattersheim konnte EVIM daraufhin von einem Grundstückstausch überzeugen: An der Dürerstraße nahe des Hattersheimer Friedhofs herrschten Erweiterungsmöglichkeiten, die es rund um den Nassauer Hof nicht gab. Somit ging das Anwesen in der Innenstadt in den städtischen Besitz über.

Die Nutzer waren fortan der Bildhauer Jörg Stein, der eine Galerie im ehemaligen Kuhstall eingerichtet hatte, das Stadtarchiv sowie im ersten Stock das erste Heimatmuseum der Stadt.

Mit der Zeit ging der Charme des Gebäudes verloren, der Zahn der Zeit nagte mehr und mehr am Nassauer Hof, und schließlich wurde das marode Gebäude 2001 für einen Euro an die Hawobau verkauft, die es dann bis 2004 für neun Millionen Euro sanieren und neu bauen ließ - und das hat die Hawobau so gut erledigt, dass sie dafür sogar 2014 den Denkmalpreis des Landes Hessen verliehen bekam, berichtete Ulrike Milas-Quirin.

Heute ist im Nassauer Hof mit der "Genuss Galerie" wieder ein Gasthaus untergebracht, im ehemaligen Kuhstall ist die "Galerie Nassauer Hof" des KulturForums zu finden und seit 2015 ist das Grundstück komplett von der Stadtverwaltung bezogen.

Das "erste Gästebuch der Stadt"

Die Führung führte weiter ins Innere des Nassauer Hofes, in den Gastraum der heutigen "Genuss Galerie", der sich unter anderem durch ganz besondere Fenster auszeichnet, die quasi das erste Gästebuch der Stadt Hattersheim darstellen: Die dortigen sogenannten "Ritzfenster", ein "großer Schatz", so Milas-Quirin.

Die 92 Originalfenster hatte die Stadt nach dem Kauf zunächst ausgebaut und durch moderne Themofenster ersetzt. 20 Jahre lang bewahrte der Geschichtsverein die ausgebauten Fenster in der Scheune auf - und widerstand zum Glück allen vorübergehenden Verlockungen, die Fenster endlich zu entsorgen und Platz für andere Dinge zu schaffen, denn als die Sanierung des Nassauer Hofes begann, haben die Architekten alle 92 Fenster wieder an ihrer Originalstelle einbauen können, da sie und die Fensterrahmen gleichermaßen über eine entsprechende Nummerierung verfügten.

Sich mit Diamantring-Ritzungen in Fenstern zu verewigen, war damals eine Mode in der Zeit der Romantik. Auch bekannte Namen lassen sich auf den Ritzfenstern im Nassauer Hof entdecken, wie etwa Rothschild oder von Lichtenstein, gepaart mit Botschaften wie „Hier ist gut sein bei Lieb und Wein“ oder „In diesem Haus gab's guten Schmaus“.

Die spannende Führung führte die interssierten Besucherinnen und Besucher auch noch in die Galerie im einstigen Kuhstall sowie in die Remise mit dem "Schlocker-Landauer", einer historischen Kutsche aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der "Landauer" befindet sich dort an seinem Originalstandort, der ehemaligen Remise des Hofguts. Über zehntausend Arbeitsstunden haben die Mitgliedern des Hattersheimer Geschichtsvereins in die Restauration der Kutsche investiert.

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