Von der Pest bis COVID-19 Stadtarchivarin Anja Pinkowsky blickt in die Vergangenheit und archiviert das aktuelle Pandemiegeschehen

Stadtarchivarin Anja Pinkowsky blickt in die Vergangenheit und archiviert das aktuelle Pandemiegeschehen

Die aktuelle Corona-Pandemie übersteigt den Erfahrungshorizont von so ziemlich jedem, der mit ihr derzeit konfrontiert wird. Nicht jede Generation wird Zeitzeuge einer solchen Krise. Seit der Spanischen Grippe zwischen 1918 und 1920 bewirkte kein weiteres Virus annähernd so folgenschwere Auswirkungen wie aktuell COVID-19.

Derart einschneidende Ereignisse sind natürlich von besonderer Bedeutung für Historiker, und damit auch für die Hattersheimer Stadtarchivarin Anja Pinkowsky. Zum einen ist sie damit beschäftigt, aktuelle Nachrichten, Verordnungen und Beobachtungen rund um die Corona-Krise für die Nachwelt zu sammeln und verfügbar zu machen.

Zum anderen sind auch Blicke in die Stadtgeschichte von großer Wichtigkeit. Lassen sich in der Hattersheimer Historie womöglich Hinweise finden, die uns auch heute noch weiterhelfen können? Wie ging man in der Vergangenheit mit Seuchen um, wie wirkte man ihrer Ausbreitung entgegen? Und gibt es zurückliegende Ereignisse, die es ermöglichen, die aktuelle Pandemie etwas zu "entzaubern" und in einen bodenständigen geschichtlichen Kontext einzubetten?

Parallelen zu Scharlach

Insgesamt gibt es in Hattersheim nur sehr wenige Quellen zu vergangenen Seuchen, berichtet Pinkowsky. So liegen zum Beispiel zur Pestepidemie in Eddersheim im 17. Jahrhundert nur Pfarrchroniken vor. Jedoch wurde die Stadtarchivarin in der jüngeren Vergangenheit fündig; genauer gesagt im Jahre 1953 - und das gleich doppelt.

Am 27. Mai 1953 richtete Dr. Joseph Wagenbach, der damalige Landrat des Main-Taunus-Kreises, ein Schreiben an die "Herren Bürgermeister als Ortspolizeibehörde" sowie die "Herren Schulleiter, Herren Ärzte und Krankenhäuser im Main-Taunus-Kreis". Das Thema: die Isolierung Scharlachkranker.

Demnach gab damals die Abteilung Öffentliches Gesundheitswesen des Hessischen Innenministeriums, angesichts der in immer größerem Maßstab angewendeten antibiotischen Behandlung des Scharlachs, neue Verhaltensvorschriften bezüglich der verkürzten Isolierungszeit von Scharlachkranken heraus.

Demnach sollte der damalige Schulseuchenerlass grundsätzlich weiterhin Gültigkeit besitzen. Diesem zufolge waren an Scharlach erkrankte Schulkinder oder Lehrer ganze sechs Wochen lang vom Unterricht auszuschließen. Angesichts des zunehmenden Einsatzes von Antibiotika bei der Scharlachbehandlung kamen seinerzeit Zweifel daran auf, ob diese äußerst lange Isolierung wirklich noch in jedem Fall angemessen sei.

Da es hierzu im Mai 1953 noch keine bundeseinheitliche Neuregelung gab, formulierte Landrat Dr. Wagenbach folgende Verfahrensweise für den Main-Taunus-Kreis: Sofern der behandelnde Arzt nach einer antibiotischen Scharlachbehandlung bescheinigt, dass durch den Erkrankten keine Weiterverbreitung mehr zu befürchten sei, kann das zuständige Gesundheitsamt die sechswöchige Isolierungsfrist im Einzelfall verkürzen - "nach Prüfung der häuslichen und beruflichen Verhältnisse".

Was man in Zeiten von Corona sicher nicht gerne hört: Bis heute gibt es keinen Impfstoff gegen Scharlach. Jedoch erwiesen sich die Annahmen von 1953 als richtig: Die Behandlung einer Scharlacherkrankung mit Antibiotika sorgt dafür, dass bereits 24 Stunden nach der ersten Einnahme keine Ansteckungsgefahr vom Erkrankten mehr ausgeht - damit hat der Scharlach seinen größten Schrecken auch ohne Schutzimpfung längst eingebüßt.

Eine weitere Parallele zwischen Scharlach und COVID-19: Scharlach ist schon zwei bis vier Tage vor dem Auftreten der ersten Symptome ansteckend. Deshalb werden besonders gefährdete Kontaktpersonen mit Scharlacherkrankten unter Umständen auch präventiv mit Antibiotika behandelt.

Röntgen bestimmter Berufsgruppen

Ebenfalls aus dem Jahre 1953 stammt ein weiteres interessantes Schreiben, das das Gesundheitsamt des Main-Taunus-Kreises am 10. August an die Bürgermeister im MTK schickte. Demnach waren für den Herbst 1953 Röntgenkontrolluntersuchungen durch die Schirmbildstelle der Hessischen Ärzteschaft geplant, um Fälle von Tuberkulose ausfindig zu machen. Vorgesehen war die Untersuchung bestimmter Berufsgruppen, die "aufgrund ihrer Tätigkeit ihre Mitmenschen gefährden können". Das Gesundheitsamt bat die Bürgermeister deshalb um eine listenmäßige Aufstellung der folgenden Personenkreise:

  • Lebensmittelgeschäfte (Inhaber), Milchverteiler, Eisverkäufer
  • Metzgereien und Bäckereien (Inhaber)
  • Friseure
  • Gaststätteninhaber
  • Musiklehrer

Die Erfassung von Lehr- und Kindergartenpersonal sowie Gemeindeschwestern war bereits erfolgt.

Die gemeldeten Fälle der bakteriellen Infektionskrankheit haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verringert: Gab es 1950 allein in der Bundesrepublik noch 137.721 Neuerkrankungen, so waren es im vergangenen Jahr in der gesamten Republik nur noch 4.735 neue Fälle.

Eine Zeitschiene entsteht

Das aktuelle Pandemiegeschehen will Archivarin Anja Pinkowsky möglichst lückenlos dokumentieren. Dazu zählen alle aktuellen Verordnungen, Pressemitteilungen und Planungen, die aufzeigen, wie die Verwaltung mit der derzeitigen Situation umgeht. Zusammen mit Publikationen des Kreises sowie Statistiken über die Anzahl der Infizierten soll so eine für die Nachwelt aussagekräftige Zeitschiene entstehen.

Aber auch andere Perspektiven gilt es zu berücksichtigen, denn wir interessieren uns heute auch nicht nur für die Maßnahmen, die von Entscheidungsträgern während einer vergangenen Seuche ergriffen worden sind, sondern auch für die Eindrücke, Ängste und Probleme der Menschen außerhalb des Rathauses.

Deshalb ist Anja Pinkowsky auch oft mit dem Fotoapparat unterwegs um "sehenden Auges durch die Welt zu gehen", so die Stadtarchivarin. Sichtbare Auswirkungen der Pandemie und Reaktionen darauf sollen eingefangen werden, wie zum Beispiel die bunten Botschaften und Aufmunterungen, die seit vielen Wochen die Zäune der hiesigen Kindertagesstätten zieren.

Aufruf zur Mitwirkung

Das Hattersheimer Stadtarchiv ist für persönliche Erlebnisberichte und Fotos rund um die Coronavirus-Pandemie stets ein dankbarer Abnehmer. Derartige Einblicke können die historische Aufbereitung der aktuellen Krise bereichern und vervollständigen. Deshalb ruft Anja Pinkowsky die Hattersheimer Bürgerinnen und Bürger gerne zur Mitwirkung auf. Insbesondere ist sie gerade auf der Suche nach musikalischen Reaktionen auf die Pandemie: Gab es im Hattersheimer Stadtgebiet auch "Balkonsänger" nach italienischem Vorbild? Oder wurde Menschen in Quarantäne vielleicht ein besonderes Ständchen dargeboten, das diese vom Fenster oder Balkon aus verfolgen konnten?

Texte und Fotos können gerne per E-Mail an

geschickt werden.

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