Das Stadtarchiv öffnete seine Türen

Zwei aufschlussreiche Führungen zum Tag der Demokratiegeschichte am vergangenen Freitag

hl

Am Mittwoch, 18. März, wurde der erste Tag der Demokratiegeschichte in Deutschland gefeiert. Es handelt sich dabei um einen bundesweiten Aktionstag zur Würdigung der Geschichte der Demokratie. Der Tag geht zurück auf eine Initiative der Stiftung „Orte der Deutschen Demokratiegeschichte“, die bezweckt, dass sich die Gesellschaft, Bildungseinrichtungen und die Wissenschaft mit der Geschichte der Demokratie auseinandersetzen. Bundesweit gab es am 18. März Veranstaltungen, aber auch an den folgenden Tagen bis einschließlich zum Wochenende waren viele Events geplant. Hattersheim hatte sich hierfür Freitag, den 20. März, ausgesucht.

Eine der Veranstaltungen war die Öffnung des Stadtarchivs in der Landwehrstraße 4 mit zwei Führungen durch den Stadtarchivar David Stefan. Auch Anja Pinkowsky, die ehemalige Stadtarchivarin und jetzige Leiterin des Referats Kultur, sowie die Erste Stadträtin Heike Seibert waren anwesend. Bevor David Stefan einen Einblick in seine Arbeit gab, wurde die Frage erörtert, was ein Stadtarchiv mit Demokratie zu tun hat. „Die Hauptaufgabe des Archivs ist es, das historische Erbe der Stadt zu bewahren, indem die vorhandenen Unterlagen unverfälscht gesichert werden und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“, erfuhren die Besucher. Dadurch wird die Geschichte der Stadt von unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Eine wichtige Voraussetzung für die Demokratie ist es, sich selbst eine Meinung durch Zugang zu Unterlagen bilden zu können. Durch Transparenz, Nachvollziehbarkeit historischer Entscheidungen und den Zugang zu Quellen leisten Archive einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Teilhabe.

Archivarbeit

David Stefan erläuterte, dass sowohl Unterlagen aus der Verwaltung abgelegt werden, wie auch privates Sammlungsgut aufgehoben wird, das aus Nachlässen, Zeitungen, von Firmen oder Vereinen stammt. Eine wichtige Aufgabe des Archivars ist es, die Unterlagen zu sichten und zu entscheiden, welche wichtig genug sind, aufgehoben zu werden. Jedes Bundesland hat ein eigenes Archivgesetz. Dieses regelt die Archivierung von Unterlagen aus öffentlichen Stellen. Es soll die Nachvollziehbarkeit von Verwaltungshandeln gewährleisten, eine authentische Überlieferung der Geschichte sichern und das kulturelle Erbe bewahren. Archivgut kann in der Regel erst 30 Jahre nach der Entstehung der Unterlagen eingesehen werden.

Für die Nutzung von Archivgut spielt der Datenschutz und der Schutz der Menschenrechte jedes Einzelnen eine große Rolle. Sind Personen betroffen, so ist die Nutzung normalerweise erst zehn Jahre nach dem Tod der Person erlaubt. Auch nach Ablauf der Frist prüft der Archivar, ob Interessen Betroffener verletzt werden, bevor er die Einsicht in die Unterlagen gewährt.

Neben der Bewertung und dem Schutz der Personenrechte kümmert sich der Historiker David Stefan, der seit Oktober 2024 als Archivar für die Stadt Hattersheim tätig ist, darum, dass die Akten, die oftmals in Ordnern angeliefert werden, von Metallklemmen und Plastik befreit werden. Denn das Metall rostet und Klebstoffreste oder Plastikhülsen zerstören das Papier oder machen es unleserlich. Zur Lagerung werden die Akten dann endgültig in Boxen oder Jurismappen (Klappmappen) aufbewahrt. Ein Feind des Papiers ist Wasser. „Das ist fast noch schlimmer als ein Brand“, erklärte Stefan. Deswegen wird in den Räumen des Archivs auf eine Luftfeuchtigkeit von 50 bis 55 Prozent geachtet. Die Raumtemperatur wird dabei auf etwa 18 Grad gehalten, UV-Strahlen durch dunkle Rollos ausgeschlossen. Aber auch Staub und Ungeziefer sind Feinde des Papiers. Dagegen hat David Stefan Klebefallen angebracht und greift selbst öfters zum Staubwedel.

Es kam auch die Frage nach der Digitalisierung des Archivguts auf. Teilweise werde diese durchgeführt, aber dabei müsse man mit Kosten von etwa 50 Cent pro Seite rechnen. Außerdem habe man dann auch kein Sorglos-Paket, da Sicherungskopien angefertigt werden müssen und man nicht wisse, ob Programme wie „Word“ noch in 20 Jahren genutzt werden können, erläuterte Stefan.

Ausstellungstisch

Insgesamt besteht das Archiv der Stadt Hattersheim aus drei Archivräumen, weiter dem Büro der Mitarbeitenden, David Stefan und Ute Gillmann, und einer Dienst- und Präsenzbibliothek. Für die interessierten Besucher hatte David Stefan einige Archivalien auf einem Tisch ausgebreitet. So war ein Dokument zur Zellen- und Blockeinteilung der Cellulosefabrik in Okriftel zu sehen. Weiter zeigten Pläne der Cellulosefabrik die Baracken, in denen Kriegsgefangene untergebracht worden waren. Ebenso konnte man eine Wählerliste von 1948, Unterlagen zum Kreistag 1948 in Höchst und ein Dokument vom November 1862 in dem das Gehalt des Bürgermeisters offengelegt wurde, sehen. Nicht nur in Papierform kommen die Unterlagen in das Archiv. Das demonstrierte David Stefan, indem er die alternativen Informationsträger auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Das waren Festpatten, CDs, DVDs, Tonbänder, Filme oder Schallplatten. „Wenn im Archiv selbst kein Lesegerät für diese Dinge vorhanden ist, kann immer jemand von einem anderen Archiv aushelfen“, so Stefan. Auch interessant für die Besucher war, die preußische Fadenheftung zu sehen. Bei dieser Art der Ablage wurden die Blätter zu einer Mappe zusammengenäht.

Wichtig war es David Stefan noch zu erklären, was es mit der „Verzeichnung“ der Unterlagen auf sich hat. Denn dieses ist auch ein wichtiger Aspekt seiner Arbeit. Viele der eingehenden Unterlagen sind nicht beschriftet, das heißt, man weiß nicht, was in den Mappen oder Ordnern ist oder der Titel auf dem Ordner ist irreführend. Man muss sich das so vorstellen, als hätte man ein Buch ohne Deckel in der Hand. Damit man weiter mit den Unterlagen arbeiten kann, müssen sie verzeichnet werden. Das bedeutet, sie müssen einen Titel bekommen, dann gibt man eine Laufzeit an, weiter nach dem Provenienzprinzip (herkunftsbezogen) wer federführend ist. Zum Schluss muss dann noch eine Inhaltsbeschreibung hinzugefügt werden. Dazu ist es notwendig, die Unterlagen querzulesen. Zum Erstaunen der Zuhörer, fügte Anja Pinkowsky hinzu, dass gerade neue Unterlagen oftmals nicht richtig verzeichnet seien. Früher hätten die Mitarbeiter genau gewusst, nach welchen Regeln man verzeichnen müsse, heute sei das sehr viel „bunter“.

Die Gäste wurden nicht entlassen, bevor sie ein ganz besonderes Stück bewundern durften. Das älteste Stück des Archivs: ein Gerichtsbuch aus dem 16. Jahrhundert. Dieses Buch war der Ersten Stadträtin Heike Seibert zur Eröffnung des Stadtmuseums überreicht worden. Es lag gut verpackt im Schrank und wurde von David Stefan mit Handschuhen angefasst. Vorsichtig schlug er den Holzeinband auf und zeigte einige beschriftete Seiten. Für den Ungeübten erschien dieses wenig leserlich. Er erklärte aber, dass man den Text recht gut lesen könne, wenn man sich erst einmal eingelesen habe und gab noch einen Tipp: am besten die Zeilen zunächst von hinten nach vorne lesen, dann kann man die einzelnen Buchstaben besser erkennen.

Durch die Führung gab David Stefan den Gästen einen sehr guten Einblick in seine interessante Tätigkeit. Seine lebhaften Schilderungen, zeigten deutlich, dass er seine Arbeit mit großer Freude und Engagement ausübt. Seine Einstellung ist: Die Geschichte ist Leben, nur vor unserer Zeit.

Das Stadtarchiv steht allen Interessierten für Recherchen zu wissenschaftlichen, publizistischen, persönlichen oder dienstlichen Zwecken zur Benutzung offen. Die Einsicht in Archivalien findet in den Räumen des Archivs statt, eine Ausleihe ist grundsätzlich nicht möglich. Zudem muss bei einem ersten Besuch im Archiv ein entsprechender Nutzungsantrag ausgefüllt werden. Nähere Informationen findet man auf der Homepage der Stadt unter dem Stichwort „Stadtarchiv“.

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