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Ur-Hattersheimern auf der Spur

Archäologische Einblicke in Hattersheims spannende Geschichte
HATTERSHEIM (ak) – Auch für die Archäologen
HATTERSHEIM (ak) – Auch für die Archäologen des Hessischen Landesamtes für Denkmalschutz sind die Funde auf dem Gelände der „Schokoladenfabrik“ ganz besonders interessant. Warum das so ist, konnte man von der Grabungsleiterin Jessica Meyer vom Landesamt für Denkmalpflege in Hessen bei Führungen auf dem ehemaligen Sarotti-Gelände am letzten Wochenende erfahren.
Schon vor der Bauplanung für das Gelände war aus sogenannten „Begehungsfunden“ bekannt, dass hier archäologisch bedeutsame Gegenstände zu finden sind. Daher wurde vor Beginn der Bauarbeiten eine geomagnetische Untersuchung des Areals durchgeführt, die dann auch auf die Existenz von Bodendenkmälern hinwies. 
Für den Bezirksarchäologen des Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Udo Recker, ist es nicht nur bedeutsam, dass hier nun tatsächlich seltene Funde gemacht werden konnten, sondern es ist für ihn auch besonders wichtig, dass diese nun mit modernen wissenschaftlichen Methoden erforscht werden können. So kann man darauf hoffen, dass zum Beispiel mit Isotopen-Analysen festgestellt werden kann, woher die Menschen, deren Skelette man gefunden hat, stammen und dass DNA-Untersuchungen Rückschlüsse auf ihre Verwandtschaftsgrade geben können.
Zu Beginn des Rundganges erläuterte Jessica Meyer mit Hilfe von Schautafeln die Arbeitsweise moderner Archäologen und zeigt auf, was man bis jetzt hier geborgen hat. Die meisten Funde stammen aus sogenannten „Vorratsgruben“, welche systematisch von oben nach unten in Schichten abgetragen werden. Solche Gruben wurden über tausende von Jahren von Menschen angelegt, die ältesten hier stammen aus der Jungsteinzeit, aus der sogenannten Michelsberger Kultur (4400–3500 v. Chr.). Datiert werden konnten sie anhand der enthaltenen für diese Zeit typischen Keramik, eine dieser Gruben wurde ungewöhnlicher Weise für eine Doppelbestattung genutzt. 
Zahlreiche Funde stammen aus der Bronzezeit (1600–1300 v. Chr.), so etwa ein bronzener Dolch, wie man ähnliche an anderen Orten nur als Grabbeigabe fand, oder auch eine Gewandspange und eine Lochhalsnadel aus Bronze. 
Als neuzeitliches Bodendenkmal aus dem 16./17. Jahrhundert wird eine vorgefundene lineare Bodenstruktur interpretiert. Auch Flurnamen aus dem Fundbereich weisen darauf hin, dass es sich um eine sogenannte Landwehr, eine Befestigungsmaßnahme zur Sicherung von Gebietsgrenzen, handelt.
Aber vor allem, dass es auf dem Sarotti-Areal so viele Funde aus der Eisenzeit, dem ersten Jahrhundert v. Chr., gibt, macht diese Fundstätte im Hinblick auf das vorher schon ganz in der Nähe gefundene Gräberfeld aus dieser Zeit, zu etwas ganz besonderem – hier in Hattersheim könnte sich für die Archäologen die einmalige Situation ergeben, dass man eine komplette eisenzeitliche Siedlungslandschaft erforschen kann. 
„Diese Vorratsgruben können jedenfalls nicht weit von einer Siedlung entfernt gewesen sein“, sagt Jessica Meyer. Gelagert wurde in ihnen zum Beispiel Getreide oder auch Fleisch, im Lehmboden luftdicht abgeschlossen. Als solche Lebensmittellager konnte man die Gruben aber nur einmal verwenden, weil nach dem „Aufbrechen“ der versiegelten Grube der Inhalt bald anfing zu schimmeln. Die einmal zur Vorratshaltung gegrabenen Löcher wurden dann beispielsweise mit Tonscherben oder anderem damaligen „Müll“ –man hat auch einen Pferdekopf und ein Rinderskelett darin gefunden– verfüllt, der heute viele Rückschlüsse auf die Lebensweise der Menschen damals zulässt.
Weshalb hier in der Hattersheimer Fundstätte auch mit Bronzeringen geschmückte Skelette in solchen Gruben lagen, ist allerdings noch ein Rätsel, für das es verschiedene Lösungsansätze geben könnte. So könnten die in den Gruben gefundenen Überreste vielleicht „Zugewanderten“ gehören, die nicht auf dem Bestattungsplatz der hier lebenden Gemeinschaft begraben werden durften. Ob auch die Häuser der damaligen Menschen genau hier oder etwas weiter entfernt –vielleicht in Richtung Schwarzbach– standen, steht allerdings nicht fest, es sind nämlich keine Reste von Behausungen gefunden worden. Aber das könnte auch an der Art wie man damals baute liegen, sagt Jessica Meyer: „Das Bodenniveau war zu dieser Zeit hier noch etwa einen halben Meter höher als jetzt, vielleicht hat man so gebaut, dass es keine so tief in den Boden eingebrachten Pfosten gibt, die man heute noch finden könnte.“ Die Ausgrabungen einer Darre zum Trocknen von Getreide und auch einer Lehmgrube, deren Inhalt man vielleicht zum „Verputzen“ von Hauswänden brauchte, bestärken aber die Vermutung, dass es sich beim Sarotti-Areal um einen Teil eines weiträumigen Siedlungsgeländes handeln muss. 
Warum man hier wohl schon immer gerne gesiedelt hat, liegt nach Ansicht von Jessica Meyer auf der Hand: es war durch den Schwarzbach reichlich frisches, sauberes Taunusquellwasser vorhanden, der Main bot Gelegenheit zum Fischen, es gibt hier sehr fruchtbaren Löß-Ackerboden und die kleinklimatischen Bedingungen waren damals sicher schon so ideal wie heute, weiß sie aus eigener Erfahrung an dieser Grabungsstätte: „Wie oft haben wir hier dunkle Wolken aufkommen sehen, und gedacht, gleich gibt’s einen Wolkenbruch- offenbar hat’s dann dort drüben auch ganz schön geregnet, aber hier: kein Tropfen!“ 
Im Grabungsgelände konnten sich die Besucher dann die Ausmaße einer solchen „Vorratsgrube“ anhand eines noch nicht wieder zugeschütteten Querschnittes anschauen, auf einer planierten und mit markierten und nummerierten –als dunkle Kreise gut zu erkennenden– Grubenöffnungen übersäten zukünftigen Grabungsfläche herumlaufen und zum Abschluss Mitglieder des Ausgrabungs-Teams bei ihrer Arbeit beobachten. Hier wartete auch das „Bonbon“, welches Jessica Meyer am Anfang der Führung versprochen hatte – das neunte in dieser Grabungsstätte erst vor wenigen Tagen gefundene Skelett war zu bestaunen, es wurde gerade von dem Archäologen Alexander Janas penibel abgezeichnet. Janas erklärte, dass es sich um 2500 bis 3000 Jahre alte Knochen handele, wahrscheinlich die einer Frau. Ganz sicher kann das Geschlecht erst anhand einer DNA-Untersuchung bestimmt werden, daher lasse man bei solchen Funden einen Teil der Zähne noch „im Block“, weil beim Freilegen die Gefahr bestehe, dass sich fremde DNA daran ablagere. Auch der filigrane Bronzeschmuck, der auf dem Schädel liegt, wird noch in Lehm „verpackt“ belassen, damit er nicht beschädigt wird. Wie alle anderen hier gefundenen Knochen sind auch diese hervorragend erhalten, den Besuchern fallen vor allem die guten Zähne auf. „Ja, damals gab es keinen Zucker“, sagt Janas, „das einzige, was den Zähnen schadete, war der Steinabrieb der Mahlsteine im Getreidemehl.“ Nach dem Alter gefragt, kann er sich nicht festlegen: „So kann man nur sagen, dass sie nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt war – so etwa zwischen 20 und 35 Jahre, genaueres wird erst das Labor herausfinden“. Besonders an diesem Skelett ist aber auf jeden Fall seine Lage in der Grube – ganz offenbar liegt es kopfüber und macht nicht den Eindruck etwa einer sorgfältigen Bestattung. Warum das so ist, darüber kann man nun spekulieren: Vielleicht hat man ein Jahrtausende altes Unfallopfer nach einem Sturz gefunden oder es ist das in die Grube geschubste Opfer eines „Kelten-Krimis“ hier nun endlich ans Tageslicht gebracht worden? Ob mit den Möglichkeiten der neuen Labortechniken auch etwas über die Todesumstände herausgefunden wird, kann man mit Spannung erwarten. Aus den Reihen der Besucher wird gefragt, ob man keine Angst hat, dass der Fund in der Zeit, in der niemand auf der Grabungsstätte ist, beschädigt werden könnte – Janas kann alle beruhigen: „Die einzigen Schäden, die schon mal vorkommen, sind Nagerschäden, gegen andere Eindringlinge kommt hier ein Gitter und dann die Baggerschaufel drauf!“
Auch Jessica Meyer freut sich auf die zu erwartenden wissenschaftlichen Auswertungen: „Vielleicht kann man sogar herausfinden, ob es sich tatsächlich um Ur-Hattersheimer handelt, die mit den heutigen Hattersheimern verwandt sind – möglich wäre das, wenn man etwa nachweisen könnte, dass diese Skelette Genmerkmale haben, die noch heute bei aus Hattersheim stammenden Menschen zu finden sind, wie zum Beispiel die fehlende Anlage von bestimmten Weisheitszähnen“, sagt sie strahlend.
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