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Ein „waschechter“ Eddersheimer

Mäzen Gerd Herbert stirbt im Alter von 87 Jahren –Einst jüngster Bäckermeister Deutschlands

EDDERSHEIM (ak) – Vor kurzem noch hatte Gerd Herbert mit seiner Frau Anneliese noch das 65-jährige Ehejubiläum gefeiert, jetzt hat am letzten Dienstag, 3. Oktober, die Nachricht von seinem Tod im Alter von 87 Jahren viele Hattersheimer und vor allem auch Eddersheimer berührt.

In Eddersheim war „der Bäcker Herbert“ schon seit vielen Jahrzehnten ein Begriff – in ganz Hattersheim war er spätestens seit seiner 500.000-Euro-Spende für die Restaurierung der Stadthalle im Gespräch.
Gerd Herbert wurde am 20. Juni 1930 in Eddersheim als Bäckerssohn geboren, und er war immer stolz darauf, ein „waschechter“ Eddersheimer und ein guter Bäcker zu sein. Im Alter von 22 Jahren führte er als jüngster Bäckermeister Deutschlands das elterliche Geschäft nach dem Tod seines Vaters in der Bleichstraße weiter, dort hatte er schon seit der Wiedereröffnung nach dem Krieg mitgeholfen. Im gleichen Jahr heiratete Gerd Herbert seine Anneliese, die schon von Beginn der Ehe an immer an seiner Seite und mit ihm „im Team“ arbeitete.
Das junge Paar hatte sich zunächst für ihre modern und gut eingerichtete Bäckerei verschuldet. Weitblick und Geschäftssinn ließen die Herberts damals kein Geld für ein bequemeres Leben ausgeben, sondern sie investierten schon bald in ein Mietshaus, von dem sich Gerd Herbert auch die Versorgung seiner Familie versprach, falls ihm mal etwas zustoßen würde. Bei dem einen Gebäude blieb es im Laufe der Jahre nicht, Gerd Herbert nutzte niedrige Preise und vergrößerte seinen Immobilien-Besitz mit – nach eigenen Worten – einem „glücklichen Händchen“, über das er sich später selbst ein bisschen wunderte: „Das mit den Häusern habe ich halt gut verstanden“, sagte er einmal.
Allerdings arbeiteten er und seine Frau auch hart für ihren wirtschaftlichen Erfolg: Gerd Herbert arbeitete sein ganzes Berufsleben praktisch in „zwei Schichten“ – Tag und Nacht. Frühmorgens war er in der Bäckerei, nachmittags kümmerte er sich um seine Häuser. Seine Frau hat nicht nur im gemeinsamen Geschäft verkauft, sie erledigte auch „das Schriftliche“ in Bezug auf den Immobilienbesitz mit zahlreichen privaten und gewerblichen Mietern. Erst nach 25 Jahren leisteten sie sich ihren ersten Urlaub. Zurückblickend sagte Gerd Herbert einmal: „Früher war es schöner zu vermieten als heute, aber es war schon damals harte Arbeit. Geschenkt kriegt man als Vermieter sein Geld auch nicht, manche Mieter sind schon schwierig.“ Besonders stolz war Gerd Herbert zeitlebens darauf, dass er trotz der Schulden in der Anfangszeit, „schon immer und heute noch bei den Banken einen guten Namen“ hatte.
Mit Spenden für Kinder fing es an
Wann „das mit dem Spenden“ angefangen hat, konnte Herbert selbst gar nicht mehr so genau sagen – es waren wohl die Eddersheimer Ordensschwestern, die er zuerst zu bestimmten Festen mit Backwaren für die Kindergartenkinder unterstützte. So spendete er auch viele Jahre lang die Weckmänner für die Kinder beim Eddersheimer Martinszug. Er hatte einen Zeitungsausschnitt aus dem Stadtanzeiger aufgehoben, der ihn noch in seiner Bäckerei zeigte, wie er 650 von ihm selbst gebackene Weckmänner übergab. Auch dass er die Kreppel für die Hattersheimer Seniorenfastnacht spendete, hatte eine lange Tradition. Als er selbst nicht mehr den Bäckerofen beschickte, kaufte er Weckmänner und Kreppel zu den beiden Anlässen– und achtete dabei selbstverständlich auch immer auf eine gute Bäcker-Qualität.
Zeitlebens hatte Herbert große Freude daran, wenn dann – als Dank für seine Spenden – die Kindergartenkinder an seinem Geburtstag für ihn sangen. Bis vor kurzem noch war in jedem Jahr am 20. Juni sein Haus der Treffpunkt für viele Vertreter von Vereinen und anderer Organisationen. Dann gab es morgens Schnittchen, nachmittags Kaffee und Kuchen und am Abend wurde vor dem großen Partykeller mit den Gästen gemeinsam gegrillt. 
Als noch die Hattersheimer Stadtmeisterschaft im Seifenkistenrennen anlässlich des Eddersheimer Fischerfestes vor ihrem Haus stattfand, war das Ehepaar Herbert auch Gastgeber für alle jungen „Rennfahrer“: Direkt vor dem Haus gab es dann gratis Erfrischungen für alle.
Gerd Herbert vermerkte alle seine Spenden feinsäuberlich in einem Buch, welches er auf seinem Schreibtisch aufbewahrte – in den langen Listen standen in jedem Jahr nicht nur zahlreiche Eddersheimer, Okrifteler und Hattersheimer Vereine und Organisationen. Auch die SOS-Kinderdörfer, Unicef, die UNO-Flüchtlingshilfe und Ärzte ohne Grenzen sind dort neben vielen anderen vermerkt. Daneben profitierten aber auch andere Projekte und Initiativen von den spontanen Ideen des Mäzens, wie etwa die schwerkranke kleine Lily in Flörsheim, an die er – nachdem er in der Zeitung lesen konnte, wie sehr sie kämpft und welche Fortschritte sie macht – gleich mal 1000 Euro überwies. Es hatte ihm, damals selbst gesundheitlich schon angegriffen, wieder Auftrieb mit seiner eigenen Krankheit gegeben. „Wie das tapfere kleine Mädchen mit seiner Krankheit fertig wird, da hab‘ ich mir gedacht: Wenn die Kleine so kämpft, dann kann ich das doch auch.“ Gerd Herbert war damals überzeugt davon, dass er es auch diesem Mädchen verdankte, dass es ihm selbst eine Weile wieder besser ging.
Dass die stattlichsten Summen allerdings in seiner Heimat verbleiben, war von Gerd Herbert schon immer so gewollt. „Ich habe mein Geld hier verdient, dann kann ich es auch hier lassen“, meinte er im Gespräch mit dem Hattersheimer Stadtanzeiger dazu, „ich will wieder so gehen, wie ich gekommen bin.“
In den letzten Jahren machte Gerd Herbert durch ganz besonders großzügige Spenden von sich reden: Zwar unterstützte er den FC Eddersheim schon seit mehr als 60 Jahren, obwohl er gar kein Vereinsmitglied war, aber eine Spende in Höhe von 100.000 Euro für den neuen Kunstrasenplatz im Jahr 2015 brachte ihm dann doch die Ehrenmitgliedschaft ein. Der Fußballplatz heißt heute ihm zu Ehren „Gerd-Herbert-Arena“. Weitere Spenden von Herbert halfen dem Verein beim Umbau der Umkleidekabinen, und auch die zukünftige Ausstattung des zweiten Fußballfeldes mit Kunstrasen hatte der Spender noch ermöglicht.
Gerne ging „Bäcker Herbert“ auch im hohen Alter zu Vereinsveranstaltungen, um sichtlich zufrieden und erfreut den Dank der Bedachten entgegenzunehmen. Noch vor wenigen Monaten kam er gerne zur Einweihung der von ihm finanzierten Ampelanlage am Schulkinderhaus in der Hattersheimer Rathausstraße und freute sich an den Geschenken, die von den Kindern für ihn gebastelt worden waren.
Das größte Geschenk allerdings machte Gerd Herbert „seiner“ Stadt mit einer Spende von 500.000 Euro für die Renovierung der Hattersheimer Stadthalle.
Gerd-Herbert-Stiftung
Herbert hatte noch zu Lebzeiten den größten Teil seiner Immobilien an seine Familie übertragen, den Rest hat er verkauft. „Mir gehört nur noch hier das halbe Haus – die andere Hälfte davon gehört meiner Frau. Ich bin froh, dass ich alles schon verteilt habe“, sagte Gerd Herbert dazu. Lange gab es „nur“ weiblichen Nachwuchs für den stolzen Opa und Uropa, und obwohl er damit auch äußerst zufrieden war, hatte er daran, dass im vorigen Jahr ein „aufgeweckter“ kleiner Bub zur Familie dazu kam, noch viel Freude.
Wie sehr das Spenden Gerd Herbert am Herzen lag, beweist, dass er rechtzeitig dafür gesorgt hat, dass mit seinem Geld auch nach seinem Tod weiter geholfen werden kann: Schon vor acht Jahren hat er eine Stiftung ins Leben gerufen, deren Anfangskapital von 100.000 Euro er jedes Jahr um weitere 100.000 Euro erhöht hat. Testamentarisch hat Herbert dafür gesorgt, dass das Stiftungskapital nach seinem Ableben auf 1 Million Euro aufgestockt wird. Besonders stolz war „Bäcker Herbert“ darauf, dass er dieses Geld alles selbst eingezahlt hat und nicht, wie andere Stifter, dafür bei anderen „gebettelt“ hat. 
Auch jetzt schon werden Gelder aus der Stiftung ausgeschüttet und in seinem Sinn vergeben. Zu Lebzeiten hatte es Gerd Herbert ein bisschen geärgert, dass die schlechten Zinsen der jüngeren Vergangenheit den Ertrag aus der Stiftung nicht so sprudeln ließen, wie er es gerne gehabt hätte. Allerdings war er zuversichtlich, dass sich das auch wieder ändert, schließlich verfolgte er auch im hohen Alter noch immer das Geschehen auf den Finanzmärkten der Welt und arbeitete „wie immer schon“ mit Aktien, denn auch dafür hatte er nach eigener Erkenntnis „ein Händchen“.
Gerd Herbert wird sicher nicht nur als Mäzen in bester Erinnerung bleiben, auch als Mensch wird man ihn schmerzlich vermissen.
Dass es Überlegungen gibt, wie man seinen Namen im Hattersheimer Stadtbild oder auf der Straßenkarte verewigen kann, ist sehr gut nachvollziehbar und wert, unterstützt zu werden.

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