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Gott als feste Burg

Festgottesdienst zum 500. Jahrestag der Reformation in der voll besetzten Matthäuskirche

Da war viel los rund um den Altar beim Gottesdienst zum 500. Reformationstag in der Okrifteler Evangelischen Kirche: Während Pfarrer Kraus das Abendmahl vorbereitete, wurden die von den Besuchern ausgefüllten Kärtchen an die Burgzeichnung angeheftet und gleichzeitig spielte die neue Musikgruppe.
(Foto: A. Kreusch)

OKRIFTEL (ak) – Mit einem sehr schön gestalteten, gemeinsamen Gottesdienst feierten die evangelischen Gemeinden der drei Hattersheimer Stadtteile am Dienstag, 31. Oktober, den 500. Jahrestag der Reformation in der Okrifteler Matthäuskirche. Zur Freude von Pfarrerin Marlene Hering und Pfarrer Johannes Kraus mussten vor Beginn nicht nur alle „Notsitze“ an den Enden der Bankreihen ausgezogen werden, die Kirchenvorstände trugen sogar noch etliche Bänke in die Kirche, damit möglichst alle Gottesdienst-Besucher einen Sitzplatz fanden.

Mit einer imposanten Version von Martin Luthers „Ein feste Burg“ stimmte der Posaunenchor die mehr als 250 Kirchgänger auf die folgende Feier ein, der berühmte Liedtitel sollte sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung ziehen.

Gleich zu Beginn kam heitere Stimmung unter den Gottesdienstbesuchern auf, als Pfarrer Johannes Kraus für die Lesung des Psalm 46, den Luther einst als Grundlage für „Ein feste Burg“ nahm, die Gottesdienstbesucher in zwei Gruppen einteilte: „Alle Konfis, Teamer, Junge, Junggebliebene und wir fangen an zu lesen – alle Reiferen und Erfahrenen lesen dann das Eingerückte“, lachte er in die Gemeinde und überließ damit jedem selbst die Entscheidung, zu welcher Gruppe er sich einordnen wollte.

„Wenn Luther diesen einen, besonderen Satz im Römerbrief nicht gefunden hätte, dann hätte es die Reformation nicht gegeben“, stellte Pfarrerin Marlene Hering zu Beginn in den Raum. Als sie die Textstelle der Gemeinde vorlas, wurde sie von Johanna Becker durch einige Zwischenrufe wie „Viel zu kompliziert!“ immer wieder unterbrochen. So, wie Luther die Worte Paulus im Römerbrief fand, sind sie auch heute noch nicht leicht zu verstehen. Das wurde auch Pfarrer Kraus deutlich gemacht, als er mit der Lesung fortfuhr, erst die von Luther in eigene Worte gesetzte Fassung konnte mit einem „Jetzt hat Gott Gerechtigkeit offenbart“ verstanden und stehen gelassen werden.

Pfarrer Johannes Kraus führte noch einmal vor Augen, wie Luther mit dem bekanntesten Lied des Protestantismus „Ein feste Burg“ ein Bild geschaffen hat, welches uns auch heute noch das Gefühl von Geborgenheit symbolisiert. „Aber ich habe im Konfirmationsunterricht letztens mal gefragt, mit welchem modernen Bild man die Luther’sche Burg denn in unserer Gegenwart ersetzten könnte, da wurde mir der Atombunker tief unter der Erde genannt“, erzählte Kraus und in der Gemeinde schmunzelte man darüber.

Pfarrerin Hering nahm diese Gedanken auf: „Geborgen im Atombunker? Sicher, darüber kann man lachen, aber ist das nicht eine absurde Vorstellung, nur auf das Negative und das „Eingesperrt sein“ reduziert. Ist Gott nicht mehr wie ein Zelt, ein Gott, der mitgeht und nicht an einen Ort gebunden ist? Vielleicht sollten wir mehr Zelte statt Zäune, Mauern und Burgen bauen. Gottesbilder verändern sich ein Leben lang, wir können Gott immer neu kennenlernen!“

An persönlichen Beispielen machten die beiden Pfarrer der Gemeinde deutlich, wie Gott sich für sie selbst immer wieder aktualisiert hat und nicht nur zu Hause in Angst und Stille für sie da war, sondern sie auch unterwegs Gefühle wie Gastfreundschaft und Offenheit kennenlernen ließ. „Das ist wie beim Laufen: Ein Bein immer fest auf dem Boden gegründet, das andere Bein in Bewegung. Zelt oder Burg ist für Gott kein Widerspruch, Gott ist immer wieder neu zu entdecken.“

Angesichts des wahren „Luther-Hypes“ im Jubiläumsjahr, in dem es nicht nur Luther als Playmobil-Figur und die „Thesen-Tür aus Eiche“, sondern auch etwa Luther-Zollstöcke, -Kekse oder -Brotdosen zu erwerben gab, fragte sich Pfarrerin Marlene Hering auch: „Kann es eigentlich ein Leben nach der Luther-Dekade geben? Oder wird jetzt alles in die Kiste gepackt bis zum nächsten Jubiläum?“ Ihre Hoffnung ist, dass man sich an den „Wundersatz“, den Luther entdeckt hat, weiterhin erinnert. „Vielleicht kann man den heute auch so übersetzen: Seelengesund werden die Menschen durch Vertrauen in Gott. Wie die Menschen das in zehn Jahren annehmen, wissen wir nicht, aber wir wissen, sie werden nicht seelengesund nur durch das, was sie selbst dazu tun.“ Selbstverständlich musste in einem solchen Gottesdienst auch das Lied „Ein feste Burg“ zu Ehren kommen – in der voll besetzten Kirche tat sich dazu ein beeindruckender Chor zusammen.

Zu Beginn des Gottesdienstes hatte jeder Besucher ein kleines graues Kärtchen und einen Stift in die Hand bekommen. „Schreiben sie darauf, was Gott für sie persönlich bedeutet, und wenn es die schwarze, Figur formende Strumpfhose ist, die ihnen Halt gibt und die sie besser aussehen lässt. Teilen sie es uns darauf mit!“, forderte Pfarrerin Marlene Hering die Gemeinde auf. Mit schöner Orgelmusikbegleitung von Manfred Krieger wurden diese Kärtchen eingesammelt und auf die neben dem Altar stehende Zeichnung von einer Burg geklebt.

Die neu gegründete Band mit Mitgliedern aus den drei Evangelischen Gemeinden hatte im Festgottesdienst ihren ersten Auftritt, ihr Song „So ist Versöhnung“, bei dem auch mitgesungen werden durfte, wurde mit Bravo-Rufen und viel Beifall belohnt.

Nach einem gemeinsamen Gebet, einem weiteren musikalischen Beitrag der Band und nach dem Segen durch Pfarrerin Hering verweilten viele Gottesdienstbesucher noch gerne beim anschließenden Kirchencafé mit Luther-Keksen.
Die Kollekte des Festgottesdienstes ging an das Gustav-Adolf-Werk, welches sich für christliche Minderheiten überall in der Diaspora einsetzt.

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