Das Haus Sankt Martin am Autoberg ist für Wohnungslose eine Beratungsstelle, ein Treffpunkt zum Austausch oder gemeinsamen Essen, ein Ort zum Duschen oder Wäschewaschen oder eine Möglichkeit zur Kurzzeitübernachtung. Zum 20. Jubiläum wurde geschätzt, dass bis dahin etwa 110.000 Besuche von Hilfebedürftigen in der Tagesstätte stattgefunden hatten. Für Kunstinteressierte aus Hattersheim und weit darüber hinaus ist das Haus Sankt Martin ein Ort der Kultur. So begegnen sich in dem Haus in der Frankfurter Straße 43 in Hattersheim sowohl Wohnungslose wie Sesshafte. Klaus Störch, der Mann, der das Haus durch seine Arbeit von Anfang an wesentlich geprägt hat, geht zum 31. August in den Ruhestand. Ab etwa Mitte Mai wird er an seiner jetzigen Wirkungsstätte nur noch temporär anzutreffen sein. Der Hattersheimer Stadtanzeiger traf ihn zu einem Interview, wobei es um einen Blick zurück, aber auch in die Zukunft geht. Um es vorwegzunehmen: Das Kunst- und Kulturprogramm im Haus Sankt Martin wird Klaus Störch noch einige Zeit weiter begleiten.
Die Leser und Leserinnen würden sich sicher freuen, etwas über Ihren Werdegang zu erfahren.
Ich bin das Kind einer Arbeiterfamilie. Mein Vater hat bei Opel gearbeitet, meine Mutter in einem kleinen Kaufhaus. Meine erste Ausbildung war bei einer Krankenkasse zum Sozialversicherungsfachangestellten. Ich kann mich noch genau an den ersten Tag erinnern. Wir waren zwei Lehrlinge und der Geschäftsführer fragte uns: „Beherrschen sie das Alphabet?“ Im ersten Monat wurde nur Ablage gemacht, im zweiten Monat war die Telefonzentrale dran und im dritten Monat habe ich kontrolliert, ob die Krankenkassenbeiträge richtig berechnet sind. Ich war todunglücklich bei dieser Ausbildung. Aber ich gab meinen Eltern das Versprechen, dass ich die Ausbildung zu Ende mache. Im Gegenzug sagten sie mir, ich könne anschließend das machen, was ich möchte. Mit Anfang 20 hatte ich meinen ersten Kontakt mit Wohnungslosen während meines Zivildiensts bei der Wohnungslosenhilfe in Darmstadt. Danach begann ich ein Studium an der FH Wiesbaden, das ich später an der Universität in Frankfurt fortsetzte und als Diplom-Pädagoge abschloss. Meine erste Idee war, in die politische Erwachsenenbildung zu gehen. Aber, da ich auch während des Studiums in der Wohnungslosenhilfe in Offenbach und Darmstadt im Nacht- oder Wochenenddienst gejobbt hatte, hatte ich für diesen Bereich sozusagen Stallgeruch. Ich arbeitete zunächst in Bregenz, und trat dann meine Stelle in der Wohnungslosenhilfe in Offenbach an.
Wie sind Sie nach Hattersheim gekommen?
Ich erinnere mich noch daran, als mich Ottmar Vorländer, der damalige Geschäftsführer der Caritas Main-Taunus, im Winterurlaub anrief und mir anbot, für den Main-Taunus-Kreis eine Einrichtung für Wohnungslose aufzubauen. Nach einigem Zögern kündigte ich handschriftlich und per Fax aus dem Urlaub meine Stelle bei der Caritas in Offenbach und fing am 1. April 1998 in der Hofheimer Teestube an. Wir fanden schließlich eine Liegenschaft in Hattersheim, die sich für unser Vorhaben eignete. Hier, wo nun das Haus Stankt Martin steht, gab es vormals eine Gaststätte, die „Kneipe am Autoberg“, die abgerissen wurde. Ich hatte das Glück, dass ich für das neue Haus das gesamte Konzept mitbestimmen konnte, sowohl die Räume wie auch das pädagogische Konzept. Die offizielle Eröffnung der Einrichtung war am 15. März 2003.
Das Haus Sankt Martin am Autoberg ist in erster Linie eine Anlaufstelle für Wohnungslose, aber öffentlich bekannt geworden durch das Kunst- und Kulturprogramm. Wie kam es zu dieser Idee?
Das war im Jahr 2005. Bernd Stickelmann, ein ehemaliger Professor von mir an der Universität in Frankfurt, hatte angeboten eine Benefizveranstaltung zugunsten der Wohnungslosen durchzuführen. Musik und Lyrik wurden vorgetragen. Diese Veranstaltung war ein absolutes Desaster. Bei der Musik handelte es sich um experimentelle Musik. Wir machten den „Fehler“, dass wir eine Pause einbauten. Da war die Hälfte der Zuhörer weg. Am Ende der Vorstellung gab es im verbliebenen Publikum eine leidenschaftliche Diskussion zwischen Wagnerianern und Nicht-Wagnerianern. Trotzdem war diese Veranstaltung der Beginn unseres Kunst- und Kulturprogramms. Es folgten zahlreiche Ausstellungen, unter anderem auch von meinen Fotos, und viele Projekte. Zu Beginn mussten wir noch nach Ausstellenden suchen, inzwischen fragen die Künstler und Interpreten bei uns an, ob sie auftreten, beziehungsweise ausstellen dürfen. So sind wir auch jetzt schon bis Sommer 2027 ausgebucht. Durch die Kunst bringen wir unterschiedliche Menschen zusammen. Den Wohnungslosen bieten wir ein niedrigschwelliges Angebot an Kunst und lassen sie so am Kulturleben teilhaben. Gleichzeitig ist die Kunst ein Fenster für alle Interessierten in unseren Sozialraum. Inzwischen können wir auf fast 200 Veranstaltungen zurückblicken. Ich habe mich schon in meinem Studium mit Kunst und Kunstgeschichte beschäftigt und schon immer gerne fotografiert.
2005 war ein wichtiges Jahr für das Haus Sankt Martin, was geschah noch?
Dieses Jahr ist das Gründungsjahr der Tafel. Ich habe mich sehr gefreut zu sehen, wie die Hattersheimer und Hattersheimerinnen die Ärmel hochgekrempelt und zusammengehalten haben, um die Tafel aufzubauen. Wir hatten zunächst hier bei uns im Kellerraum eine Ausgabe von übriggebliebenen Lebensmitteln. Es kamen aber 30 bis 40 Leute und wir merkten recht schnell, dass wir das nicht stemmen konnten. Wir gründeten die Tafel Hattersheim/Hofheim, die sich heute in den Räumen „Im Boden 6“ befindet. Damals gelang es mir, einen Tafel-Bus zu organisieren, der von einem Hattersheimer Graffiti-Künstler verschönt wurde, eine Seite mit Bildern von vegetarischen Lebensmitteln, die andere Seite mit Wurst und Fleisch. 2005 wurde ebenfalls das Harzt-IV-Café gegründet, eine Initiative, bei der sich Erwerbslose in Selbsthilfe gegenseitig unterstützen.
Durch ihre Publikationen zieht es sich wie ein roter Faden, dass Sie für eine Begegnung auf Augenhöhe mit den Wohnungslosen plädieren. Wie schaffen Sie es, so ein positives Menschenbild zu haben?
Ich weiß, dass die Obdachlosigkeit jeden treffen kann. Das können widrige Umstände sein, wie die Flucht vor Gewalt oder Krieg, aber auch eine Flutkatastrophe wie im Ahrtal oder ein Brand. Auch persönliche Krisen können zum Verlust der Wohnung führen. Das Leben braucht Fundamente, die man durch die vier Säulen „Arbeit, Familie, soziale Kontakte und Glaube (oder Weltanschauung)“ definieren kann. Wir leben in einer arbeitszentrierten Welt, so kann das Wegbrechen der Säule Arbeit dazu führen, dass der Mensch nach einiger Zeit der Arbeitslosigkeit resigniert und infolgedessen „alle Kartenhäuser zusammenbrechen“. Nicht jeder schafft es, in unserer Überforderungsgesellschaft zu funktionieren.
Ebenso ist meine Überzeugung, dass man seine eigenen Vorstellungen von einem gelingenden Leben nicht verallgemeinern darf. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass der einem gegenüberstehende Mensch so sein darf, wie er es möchte. Weiter bin ich der Meinung, dass alle eine zweite, dritte oder auch vierte Chance verdient haben. Natürlich bin ich auch nicht völlig frei von Vorurteilen. Gerne erinnere ich mich noch an die Geschichte von einem Hardcore-Wohnungslosen, der ständig betrunken war und von dem alle glaubten, dass er sich bald zu Tode saufen würde. Dann ist er gestürzt und als er im Krankenhaus nüchtern war, hat er für sich selbst festgestellt, dass er nicht so weiterleben will und deswegen Hilfe zugelassen. Ich sehe mich und meine Arbeit als ein Tool, ein Werkzeug für die Klienten. Man kann niemandem helfen, der keine Hilfe annehmen will. Man muss bedenken, dass jeder ein freier Mensch ist und selbst entscheiden muss, wie er lebt. Außerdem: Es gibt auch noch die strukturellen Probleme: ein angespannter Wohnungsmarkt und Arbeitsmarkt. Und: Wer vermietet denn einem Menschen mit Mehrfachproblemlagen eine Wohnung? Auch der Zugang zur kommunalen Wohnungswirtschaft ist oft versperrt. Wohnungslosenhilfe ist das Bohren dicker Bretter.
Trotzdem bin ich nicht der Typ, der die Probleme der Arbeit in den Feierabend mitnimmt. Hier sind es die eher kreativen Prozesse, die ich mitnehme. Für plötzliche Anregungen und Ideen bezüglich Kunst oder Fotografie bin ich jederzeit offen, das beschäftigt mich dann auch im Feierabend.
Wenn Sie an ihre Arbeit zurückdenken, welche positiven Dinge nehmen Sie mit?
Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen, dass mein ehemaliger Chef Ottmar Vorländer vom Caritasverband Main-Taunus in mich gesetzt hat. Er hat mich an der langen Leine geführt und mir ein hohes Maß an Freiheit gegeben. Diese Spielräume habe ich sehr geschätzt. Außerdem arbeite ich sehr gern im Team mit meinen Kollegen bzw. Kolleginnen zusammen und sehe mich als gleicher unter gleichen. Jedes Teammitglied hat besondere Eigenschaften und Fähigkeiten, die die anderen nicht haben und kann die zu einem guten Zusammenspiel einbringen.
Welche Pläne haben Sie für den Ruhestand?
Wahrscheinlich wird es mir so gehen wie allen Rentnern, bald werde ich keine Zeit mehr haben. Ganz sicher bin ich, dass ich keine Langeweile haben werde. Ich bin ehrenamtlich im Kreisverband der AWO Main-Taunus tätig, in der Flörsheimer SPD und bei der AWO Flörsheim/Hochheim. Die Kunst- und Kulturveranstaltungen im Haus Sankt Martin werde ich weiter betreuen. Hierzu habe ich schon immer die Plakate entworfen, die Presse angesprochen, die Gäste eingeladen und als Kurator gearbeitet. Allerdings habe ich auch kein Problem damit, dieses von der zweiten Reihe aus zu machen. Wenn der neue Leiter oder die Leiterin der Facheinrichtung beispielsweise die Vernissagen durchführen möchte, so würde ich das auf jeden Fall begrüßen. Mehr möchte ich mich wieder mit der Fotografie beschäftigen. Außerdem schreibe ich gerne und habe noch viele Ideen zum Beispiel für Short Stories oder Krimis. Ebenso liebe ich das Radfahren. Meine Frau kann durch ihr E-Bike nun gut mithalten und wir können gemeinsam größere Touren oder Radreisen unternehmen.
Sie haben 2023 gemeinsam mit Erhard Scherfer den Fotoband „Mein Leben – so anders“ veröffentlicht, in dem zu den Bildern der Wohnungslosen, die Sie fotografiert haben, kleine Interviews zu lesen sind. Einige der Fragen würden wir nun gerne Ihnen stellen:
Welchen Tag aus Ihrer Vergangenheit möchten Sie nicht noch einmal erleben?
Es gab einen Tag, das war in Bregenz, da hatten wir eine Auseinandersetzung mit einem Wohnungslosen. Ich habe interveniert, dann von meinem Hausrecht Gebrauch gemacht und die Polizei gerufen, um den Mann zu entfernen. Als die Polizei ihn abführte sagte er: „Wenn ich dich noch einmal sehe, bringe ich dich um.“ Das belastete mich viele Tage, ich fühlte mich massiv bedroht. Ich habe den Mann dann tatsächlich noch einmal wiedergesehen, aber außer, dass wir uns kalte Blicke zuwarfen, ist nichts passiert. Durch diesen Vorfall bin ich aber nicht ängstlicher geworden. Im Haus Sankt Martin kam es in den 23 Jahren, die ich dort arbeite, maximal zehnmal zu schwierigen Vorfällen.
Woran denken Sie bei den Begriffen Zeit, Stress, Freunde?
Bei „Zeit“ denke ich daran, dass ich mir wünsche, dass die Zeit nicht so schnell vergehen würde. Stress habe ich nur dann, wenn ich Dinge tun muss, die ich nicht gerne mache. Freunde sind mir wichtig und ich pflege meine Freundschaften beziehungsweise die gemeinsamen Freundschaften, die meine Frau und ich haben.
Gibt es etwas, worauf Sie sich freuen?
Ich freue mich darauf, nichts mehr (tun) zu müssen, das heißt über meine Zeit frei verfügen zu können.
Wie würde der Titel Ihrer Autobiographie lauten?
Da fällt mir ein Zitat aus dem Werk von Albert Camus ein: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. So würde ich meine Autobiographie überschreiben. Ich hatte das Privileg, eine Arbeit machen zu dürfen, die mir immer Spaß gemacht hat – und meinen Lohn habe ich auch dafür erhalten.
Es erscheint noch recht lange, bis Klaus Störch in den Ruhestand geht. Bis dahin gibt es noch einige Gelegenheiten ihn beim Kunst- und Kulturprogramm im Haus Sankt Martin am Autoberg zu treffen. Am 25. September verabschiedet sich Klaus Störch unter dem Motto „Runter vom Platz“.

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