Am Tag nach dem großen Schneechaos begaben sich die Museumsinteressierten mit dem Kulturforum Kriftel bei herrlichem Sonnenschein auf den Weg nach Rüsselsheim um in den Opelvillen die Ausstellung „Hélène de Beauvoir - Mit anderen Augen sehen“ zu besuchen. Und gleich vor Beginn der Führung eine freudige Überraschung: Die Dame, die uns Hélène de Beauvoir in der nächsten Stunde näherbrachte, wohnt in Kriftel.
Wer ist Hélène de Beauvoir? Hélène de Beauvoir (1910–2001) stand lange im Schatten ihrer Schwester Simone de Beauvoir (1908–1986) – eine der großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und Ikone der Frauenbewegung. Sicherlich beeinflusste Simone Hélène Leben und Arbeit tiefgreifend, dennoch steht das Werk der Künstlerin für sich. Mit 177 Leihgaben aus den Jahren 1925 bis 1994 wird die gesamte Spannweite ihres Schaffens mit Kupferstichen, Aquarellen, Acrylbildern und Ölgemälden in den Opelvillen gewürdigt.
Der Standpunkt des Vaters war noch, dass die Frau kein schöpferisches Wesen sei. „Ich muss den Männern zeigen, dass ich genauso gut zeichnen, malen, komponieren kann wie sie“ war ihre Reaktion darauf.
1936 hatte sie in Paris bereits ihre erste Einzelausstellung und kein geringerer als Pablo Picasso beurteilte anerkennend ihre Bilder als originell.
Vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht ging sie nach Portugal und heiratete dort. Mit ihrem Mann, der Diplomat war, kam sie auch nach Marokko und Norditalien. In freier Natur füllte sie Skizzenbücher über Skizzenbücher. In ihren Gemälden gibt Hélène zunehmend die Modulation von Körpern zu Gunsten von einem Wechselspiel zwischen Farben und Reflexionen auf. Sie beschäftigte sich mit Paul Cezanne und entwickelte ihre Malerei neu, indem sie die Gegenständlichkeit ihrer Bilder mehr und mehr auflöste (so im Audioguide zur Ausstellung).
Sie kehrte nach Frankreich zurück und lebte im Elsass. Die Malerin erzählt jetzt von Themen in ihren Bildern, die um Machtverhältnisse, um Gewalt, Schmerz, Sexualität und die gesellschaftliche Rolle der Frau kreisen. Ihre enorme Wandlungsfähigkeit zeigt sie in dem Zyklus „Der schöne Monat Mai“. Zum ersten Malt bezieht Hélène de Beauvoir als politische Künstlerin Stellung, indem sie bewusst die Studentenunruhen in Paris von 1968 aufgreift.
Ihre innere Bewegtheit übertrug sie auf den Malprozess. Es entstand ein Zyklus von dreißig Werken, von denen einige in der Ausstellung gezeigt werden.
Ab 1970 begann Hélène Impulse für ihre Bilder aus ihren Träumen und Fantasien zu schöpfen. Insbesondere der Tiger wurde zum Symbol ihrer inneren Fantasiewelt.
Aber auch die Umweltkatastrophe von Seveso 1976 verarbeitet sie in ihren Bildern. Und mit 82 Jahren war 1992 auch den Bosnienkrieg in ihren Bildern präsent.
Insgesamt eine sehr bewegende Ausstellung in der man auch viel über die Person Hélène de Beauvoir erfährt.
Die Ausstellung wurde bis zum 6. April verlängert - und Rüsselsheim ist nicht weit, um sich diese wunderbare Ausstellung anzuschauen.

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