Zum 23. Mal ist man in der Region zusammen mit der evangelischen Dekanatsmusikerin Katharina Bereiter auf musikalische Reise gegangen, diesmal aber nicht in Hofheim (wie sonst üblich), sondern hier in Kriftel. Da wir ja vor Ort zwei Kirchenorgeln haben, musste man diese auch klingen lassen.
Als mich jemand vor der Veranstaltung gefragt hatte, wie geht man Orgelspazieren, habe ich geantwortet, dass man eher in der Kirche sitzt und zuhört. Nun – das war nur die halbe Wahrheit, denn einerseits wandert man von Kirche zu Kirche, andererseits ist es die Musik selbst, die uns innerlich auf eine Reise schickt. Wenn man beim Orgelkonzert die Augen schließt, trägt die Musik uns in die Weite.
So konnte die kleine Bosch-Orgel der Evangelischen Auferstehungsgemeinde aus dem Jahre 1962 mit ihren hellen Tönen die Welt der Vergangenheit sichtbar machen. Beginnend mit meditativer und in sich allmählich öffnender "Ciacona in d" vom J. Pachelbel (1653–1706) ging es weiter zum König der Kirchenmusik, J.S. Bach (1685–1750). Von ihm klang der Choral "Sei gegrüßet, Jesu gütig" in zwei unterschiedlichen Variationen. Aufklärerische Fröhlichkeit bot die Musik vom Claude Balbastre (1724–1799) – ein Orgelkonzert mit facettenreichen Teilen, und zum Schluss der andere König: G. F. Händel (1685–1759) und seine "Passacaglia a-Moll", die alle Stadien von einer Meditation bis zum triumphierenden Schluss durchmachte.
„Ein Orgelspaziergang ohne Kaffeetrinken ist möglich, aber sinnlos“, paraphrasierte die Dekanatsmusikerin Bereiter den berühmten Satz Loriots, und so begab sich das Publikum ins evangelische Gemeindehaus, wo die schmackhaften Schlocker-Kuchen schon warteten. Gestärkt von dieser kurzen Einkehr spazierte das Publikum zur katholischen Nachbarkirche St. Vitus.
Am Tag des Denkmals war es angebracht, auch das Kirchengebäude selbst zu betrachten. Der ehemalige Stadtarchivar Wilfried Krementz erläuterte zunächst die Schätze der Kirche; er erwähnte, dass das älteste Kleinod wahrscheinlich der Hl. Bonifatius sei (rechts vorm Altarraum zu sehen), der schon aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg stammt. Die heutige Kirche selbst ist wesentlich jünger, erbaut 1865 bis 1868. Jedoch ist ein Gotteshaus in Kriftel schon spätestens seit dem Jahr 1008 bekannt, die Gemeinde war vermutlich aber schon früher da.
Die heutige Orgel ist 30 Jahre alt, sie wurde 1996 durch die Firma Hoffmann aus Ostheim/Rhön gebaut. Die 19 Register mit 1.128 Pfeifen können in dem Kirchenraum zauberhafte Töne hervorbringen, von leisem Flöten bis dröhnenden Burdon. Diese Klangfülle wurde dem Publikum hervorragend präsentiert. Zunächst spielte die Kantorin der Pfarrei St. Elisabeth, Maria Loichinger, eine abwechslungsreiche Orgelmesse von Theodor Grünberger (1756 – 1820). Danach saß am Spieltisch Dr. Andreas Winckler, Organist der Vituskirche. Es klangen zwei Stücke von L.J.A. Lefébure-Wély (1817–1869), die alle Klangfarben und Register der Orgel in Anspruch nahmen und die einen gebührenden Schlusspunkt zum Orgelspaziergang durch Kriftel und durch die Musikgeschichte bildeten.



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