Demokratie, Freiheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt stehen im Mittelpunkt eines besonderen Gedenktages: Am 23. Mai wird bundesweit erstmals der „Ehrentag des Grundgesetzes“ gefeiert. Mit dem neuen Mitmachtag sollen die Werte des Grundgesetzes stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Und auch die Gemeinde Kriftel beteiligt sich mit zwei Veranstaltungen an den Feierlichkeiten, die an mehreren Tagen rund um den Gedenktag stattfinden.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den Ehrentag ins Leben gerufen, um die Bedeutung der Verfassung und den Einsatz vieler Bürgerinnen und Bürger für die Gemeinschaft sichtbar zu machen. Denn: Der 23. Mai erinnert an die Verkündung des Grundgesetzes im Jahr 1949 – jenes historischen Dokuments, das bis heute das Fundament von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit in Deutschland bildet. Unter dem bundesweiten Motto „Für dich. Für uns. Für alle.“ stehen Menschenwürde, Teilhabe und demokratisches Miteinander im Fokus.
„Das Grundgesetz ist das Fundament unseres demokratischen Zusammenlebens. Gerade in einer Zeit, in der demokratische Werte nicht selbstverständlich erscheinen, ist es wichtig, Haltung zu zeigen und die Menschen zu würdigen, die unsere Demokratie geprägt haben“, betont Kriftels Bürgermeister Christian Seitz. „Mit den Veranstaltungen möchten wir Geschichte erlebbar machen und zugleich ein Zeichen für Zusammenhalt und gesellschaftliches Engagement setzen.“
Einweihung neuer Straßennamen am Mittwoch
Der erste Termin in diesem Zusammenhang fand am Mittwochabend auf der neuen P+R-Anlage an der Bahnhofsüdseite statt. Dort wurden vier neue Straßenschilder im neuen Wohn- und Gewerbegebiet „Am Krifteler Wäldchen“ feierlich eingeweiht.
Die Verbindung zum „Ehrentag des Grundgesetzes“: Jene vier der insgesamt sieben Straßen im neuen Gebiet werden künftig die Namen bedeutender Frauen tragen, die im Parlamentarischen Rat 1948/1949 maßgeblich an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt waren. Die neuen Straßennamen lauten: Elisabeth-Selbert-Weg, Friederike-Nadig-Weg, Helene-Weber-Weg und Helene-Wessel-Weg.
Im September 2025 hatte die Gemeindevertretung beschlossen, die Straßen nach diesen Frauen zu benennen. In den Erläuterungen zum Antrag stellte der Gemeindevorstand seinerzeit fest, dass die Straßenbenennung "ein wesentliches Instrument der kommunalen Erinnerungskultur" sei und nicht nur der Orientierung diene, sondern auch historische und gesellschaftliche Werte vermitteln soll. Deshalb sprach sich der Gemeindevorstand dafür aus, diesen Grundsatz auch im besagten Neubaugebiet fortzuführen und so "Bezüge zu historischen Persönlichkeiten und bestehenden Lagebezeichnungen herzustellen".
Bei der Namensgebung wollte man zusätzlich auch dem Umstand Tribut zollen, dass bislang deutlich mehr Straßen nach Männern als nach Frauen benannt wurden - eine Schieflage, die nicht mehr zeitgemäß erscheint.
Bürgermeister Christian Seitz hieß die an diesem Tag erschienenen Ehrengäste sowie die interessierten Bürgerinnen und Bürger herzlich willkommen. Kurz vor Beginn der Feier um 18 Uhr zog etwas Wind auf, und der Himmel verdunkelte sich - schlimmer sollte es aber nicht werden, im Gegenteil: Das Wetter beruhigte sich recht zügig wieder, so dass, mit Ausnahme des vorübergehenden Ausfalls des Mikrophons, alles planmäßig über die Bühne gehen konnte.
Seitz wies darauf hin, dass dem 65-köpfigen parlamentarischen Rat, der 1949 das Grundgesetz erarbeitet hat, lediglich vier Frauen angehörten. Jene vier "Mütter des Grundgesetzes" haben dabei Entscheidendes bewirkt und der Bundesrepublik Deutschland wichtige Impulse gegeben, so Seitz.
Die Kasseler Juristin Elisabeth Seibert (SPD, 1896 - 1986) hatte sich mit großer Entschlossenheit dafür eingesetzt, dass der Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" Artikel 3 des Grundgesetzes aufgenommen wurde. "Gegen erhebliche Widerstände kämpfte sie dafür, dass Gleichberechtigung nicht nur ein gutes Ziel bleibt, sondern verbindliches Verfassungsrecht wird", stellte Seitz fest.
Friederike Nadig (SPD, 1907 - 1970) engagierte sich in besonderem Maße für soziale Gerechtigkeit, Bildung und die Rechte der Frauen. "Sie wusste aus dem Alltag vieler Menschen, wie wichtig soziale Gerechtigkeit und echte Chancengleichheit sind", so Seitz. "Gemeinsam mit Elisabeth Selbert setzte Sie sich beharrlich für die Gleichberechtigung von Frauen ein und gab den Anliegen vieler Frauen nach den schweren Jahren des Krieges eine Stimme."
"Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichmacherei, sondern gerechte Teilhabe", so lautet ein Zitat von Helene Weber (CDU, 1881 - 1962). Weber hatte sich bereits in der Weimarer Republik für Bildung, soziale Teilhabe und die politische Mitwirkung von Frauen engagiert. "Sie stand für Ausgleich, demokratische Haltung und den festen Glauben daran, dass Demokratie vom Mitmachen lebt", erläuterte Bürgermeister Seitz.
Und Helene Wessel (Zentrum, 1888 - 1966) schließlich kämpfte ihr Leben lang für Frieden, soziale Gerechtigkeit und die Rechte der Frauen. Wessels politische Haltung war geprägt von Menschlichkeit und dem festen Willen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.
Vor der symbolischen Enthüllung des Straßenschilds des "Helene-Wessel-Wegs" lieferte zunächst noch Gemeindearchivar Dr. Detlef Krause Einblicke in die historischen Flurbezeichnungen und die Geschichte des Gebietes. Und der Erste Beigeordnete Martin Mohr ließ die Chronologie der Entwicklung des Neubaugebietes "Am Krifteler Wäldchen" Revue passieren und würdigte dabei auch ausdrücklich die Verdienste seines Vorgängers Franz Jirasek, der das Projekt viele Jahre lang maßgeblich begleitet hat.
Nicht umsonst war auch ein Pavillon mit Tischen und Bänken aufgebaut worden, praktischerweise genau gegenüber des großen Grills und einer Getränketheke. So konnte es sich die Feiergesellschaft nach dem offiziellen Teil noch gemütlich machen und anregende Gespräche über das Krifteler Wäldchen und sicher auch jene vier Frauen führen, die an diesem Tag ganz besonders im Mittelpunkt standen.
Lesung im Rathaus am 26. Mai
Die zweite Veranstaltung zum „Ehrentag des Grundgesetzes“ in Kriftel folgt am kommenden Dienstag, 26. Mai, um 19.30 Uhr im Rat- und Bürgerhaus. Die Hofheimer Autorin Deike Wichmann wird aus ihrem Buch „Die Unbeirrbaren“ lesen, das die bewegende Geschichte der Frauen erzählt, welche die Gleichberechtigung im Grundgesetz verankerten. Zu dieser Lesung sind interessierte Bürgerinnen und Bürger natürlich herzlich eingeladen.




Kommentare