Zum 40. Mal jährt sich in diesem Jahr die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, als am 26. April als in Block 4 des gleichnamigen Kernkraftwerks in der Stadt Prypjat (Ukraine) der Kernreaktor explodierte und große Mengen an Radioaktivität in die Erdatmosphäre gelangten. Radioaktiver Regen ging durch die Windverfrachtung von Radionukliden auch in anderen europäischen Ländern nieder. Auch in Deutschland hatten die Menschen Angst vor den Folgen des Reaktorunfalls: Einer damaligen Umfragen zufolge fühlten sich 58 Prozent der westdeutschen Bevölkerung persönlich stark bedroht. Es entbrannten teils hitzige Debatten über die radioaktive Belastung von Lebensmitteln und die grundsätzliche Haltung gegenüber der Kernenergie. Es war sicher kein Zufall, dass wenige Wochen nach der Katastrohe das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet wurde.
Auch in Hattersheim war das Thema damals sehr präsent, die Bürgerinnen und Bürger waren verunsichert und ängstlich. So wurde im Hattersheimer Stadtanzeiger vom Freitag, 9. Mai 1986, verkündet: "Der Reaktorunfall in der Sowjetunion hatte hier nur vorübergehend Konsequenzen. Am Dienstag und Mittwoch waren Sport- und Spielplätze und das Freibad in Hattersheim und den Stadtteilen offiziell gesperrt. Am späten Mittwochnachmittag konnten die Hattersheimer Sportplätze wieder freigegeben werden. Denn der Strahlenschutzzug des Main-Taunus-Kreises hatte dort die Radioaktivität gemessen und Entwarnung gegeben. Die Strahlenmenge entsprach dem doppelten Wert der natürlich vorhandenen Radioaktivität. Von ihr gehen 'keine gesundheitlichen Gefährdungen' aus, hieß es im Landratsamt."
Da eine Gefährdung für den menschlichen Organismus erst ab Werten, die in etwa dem hundertfachen Wert der natürlichen Umweltstrahlung entsprechen, eintritt, konnte man davon ausgehen, daß eine Gesundheitsgefährdung durch radioaktive Strahlung vom Boden ausgeschlossen werden kann. Zudem wurde darauf hingewiesen, daß die Halbwertzeit des radioaktiven Jod 131, das sich überwiegend in den damaligen Spaltprodukten befand, nur acht Tage beträgt, sprich: Nach acht Tagen ist die Hälfte der radioaktiven Strahlung auf natürlichem Wege abgeklungen, so daß sich radioaktive Verunreinigungen auf dem Boden oder auf Pflanzen innerhalb von voraussehbaren Zeitabständen von selbst auflösen.
Vorsichtsmaßnahmen
In einem Faltblatt, das am Mittwoch, 7. Mai 1986, über die Städte und Gemeinden an alle Haushalte im Main-Taunus-Kreis verteilt werden sollte, unterbreitete Kreis seinen Bürgerinnen und Bürgern Vorsichtsmaßregeln nach dem Atomunfall in der Sowjetunion, betonte aber gleichzeitig, daß eine akute Gesundheitsgefährdung nicht vorliege.
Die zwölf vorgeschlagenen Verhaltensregeln lauteten:
- Kinder nicht auf Rasen, Sandplätzen, Sandkästen, Wiesen und Pfützen spielen lassen.
- Nicht in stehenden Gewässern baden, kein Besuch von Freibädern.
- Sport- und Freizeiteinrichtungen unter freiem Himmel nicht besuchen.
- Unbekleideten Bodenkontakt vermeiden.
- Nach längerem Aufenthalt im Freien unbedeckte Körperstelle gründlich mit Seife waschen.
- Blattgemüse und Salat vorerst nicht essen; sonstiges Gemüse und Obst gründlich warm abwaschen.
- Der Verzehr von frischen Süßwassertieren sollte zunächst unterbleiben.
- Keine unverpackte Frischmilch außerhalb der Handelseinrichtungen beziehen.
- Landwirte beachten die Fütterungs- und Weidevorschriften der hessischen Landesregierung.
- Auf keinen Fall Jodtabletten einnehmen. Erste Vergiftungserscheinungen sind bereits eingetreten.
- Bei Reisen nach Ost- und Südosteuropa set-zen Sie sich bitte mit Ihrem Reisebüro bzw. den konsularischen Vertretungen der entsprechenden Länder in Verbindung.
- Von Einreisenden aus Ost- und Südosteuropa geht keine Gefahr aus, da sowohl Personen als auch Transportmittel und Güter an Grenzen und auf Flughäfen kontrolliert werden.
Warnung vor Sandkästen und Rasensportplätzen
Eine Woche später, am 16. Mai 1986, ließ der Hessische Sozialminister verlautbaren, dass die Landesanstalt für Umwelt mittlerweile ein Messprogramm entwickelt habe, das eine systematische Erfassung alier wichtigen Werte (vor allem die Nuklide Jod 131 und Caesium 137) erlaubt. Gleichzeitig wurden von den integrierten Untersuchungsämtern regelmäßige Trinkwasserproben veranlasst.
Es konnte festgestellt werden, daß sich durch die Niederschläge der vorherigen Tage die radioaktive Belastung der Luft wesentlich verringert hatte, während jedoch die Belastung des Bodens und des bodennahen Bewuchses angestieg. "Nach wie vor bestehen keine akuten Gefahren für die Gesundheit. Jedoch besteht ein Risiko für Langzeitschäden, weshalb Maßnahmen für die Verminderung der Aufnahme radioaktiver Substanzen über die Nahrung empfohlen und rechtlich womöglich auch durchgesetzt werden." - eine Aussage, die aus nachvollziehbaren Gründen die Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung nicht gerade minderte.
Das Hattersheimer Schwimmbad konnte dennoch Mitte Mai 1986 wieder geöffnet werden. Kurz zuvor hieß es: "Um die Badegäste zu beruhigen (bzw. um sie gar nicht erst vom Besuch des Bades abzuhalten), ist der Strahlenschutzzug wieder in Hattersheim. Man will die radioaktive Strahlung über der Wasseroberfläche sowie auf gemähten und ungemähten Rasenflächen messen. Hans Hoffmann, Leiter des städtischen Ordnungsamtes, geht davon aus, daß auch bei diesen Messungen keine bedenklichen Werte ermittelt wurden."
Gleichzeitig hieß es jedoch auch: "Spiel- und Sportplätze sind zwar wieder freigegeben, doch davon unberührt blieb die Regelung für die Kindergärten, nach der Kindergartenkinder auf Empfehlung des hessischen Sozialministers nicht auf Wiesen, Rasen und im Sand spielen sollen."
Entwarnung für Erdbeergenuss und Trinkwasserkonsum
Erdnah wachsen naturgemäß auch Erdbeeren, und diesen wird im Main-Taunus-Kreis bekanntermaßen ein besonders hoher Stellenwert beigemessen. Am 20. Juni 1986 informierte der Hessische Sozialminister deshalb darüber, dass Erdbeeren auch weiterhin uneingeschränkt genießbar seien: "Für Kriftel besonders wichtig ist der Hinweis, daß die Landesregierung vorsorglich und rechtzeitig zu Beginn der Erdbeersaison die begehrten Früchte auf eine eventuelle Radioaktivität nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl hat untersuchen lassen. Früchte aus den wichtigsten Anbaugebieten wurden untersucht und nur minimale Werte gemessen, zum Teil waren sie unter der Nachweisgrenze. Für den Verbraucher bedeut dies, daß Erdbeeren ohne Bedenken verzehrt werden können und niemand auf den Genuß dieser Frucht verzichten muß. Gleiches gilt für die jetzt heranreifenden Erdbeeren im Haus- und Kleingartenbereich. Sowie die weiteren Obstarten demnächst zur Reife gelangen, werden sie ebenfalls stichprobenartig untersucht und die Bevölkerung über die Ergebnisse und Empfehlungen rechtzeitig informiert."
Besonders im Fokus stand damals nachvollziehbarer Weise auch das Trinkwasser. Am 18. Juli 1986 vermeldete der Main-Taunus-Kreis, dass das hiesige Trinkwasser regelmäßig auf radioaktive Belastung hin untersucht wird: "Wie Wolfgang Knoll, Erster Kreisbeigeordneter und Umweltdezernent mitteilte, wurden elf Proben im Kreisgebiet gezogen und im Strahlenzentrum der Justus-Liebig-Universität in Gießen untersucht. In der ersten Probereihe am 9. Mai 1986 wurden an folgenden Stellen Proben gezogen: Rathaus Kriftel, Tiefsammelbehälter Kelkheim-Mitte, Wasserwerk Schwalbach, Rathaus Eppstein-Vockenhausen, Rathaus Hofheim und Rathaus Liederbach. Diese am 10. Mai 1986 untersuchten Proben ergaben einheitlich sowohl für Jod 131 als auch für Caesium 137 den Wert kleiner als 1 Becquerel.
Eine zweite Probereihe wurde am 12. Mai. 1986 an folgenden Stellen gezogen: Malzfabrik Hochheim, Firma Schröder, Hofheim-Wallau, Firma Sarotti, Hattersheim, Gaststätte "Rote Mühle", Bad Soden-Altenhain sowie Brunnen Kläranlage Eppstein-Ehlhalten. Auch hier lagen die Ergebnisse wieder einheitlich bei kleiner als 1 Becquerel.
Wie Knoll weiterhin mitteilte, werden auch weiterhin alle Brunnen und Schürfungen in vierwöchigen bzw. einwöchigen Abständen auf radioaktive Verunreinigungen untersucht. Diese Untersuchungen werden von den Städten und Gemeinden in eigener Zuständigkeit veranlaßt. Auch diese Untersuchungen haben die gleichen erfreulichen Ergebnisse gebracht. Dies bedeutet, daß im Grundwasser und somit auch im Trinkwasser des Main-Taunus-Kreises keine radioaktiven Belastungen festgestellt werden konnten."
Unter Vorsitz von Landrat Dr. Bernward Löwenberg, der zugleich auch der Hauptverwaltungsbeamte für den Katastrophenschutz war, hatte sich die Bürgermeister-Dienstversammlung Mitte August 1986 mit den notwendigen Anforderungen für die Organisation der Verwaltungsabläufe nach der Bewältigung des Reaktorunfalls in Tschernobyl befaßt: "Dabei stellte sich heraus, daß eine ungeordnete Beschaffung von Strahlenmeßgeräten und ein nicht koordinierter Einsatz im Ernstfalle zu größter Verwirrung führen könnte. Es wurde deshalb vereinbart, daß der Main-Taunus-Kreis sechs gleiche Strahlenmeßgeräte kauft, diese aufbewahrt und wartet."
Es wurden sechs Meßbereiche gebildet, die von den aus jeweils zwei Mitgliedern des Strahlenschutzzuges bestehenden Trupps betreut wurden. Diese waren: 1. Hofheim, 2. Kelkheim und Eppstein, 3. Hattersheim und Kriftel, 4. Hochheim und Flörsheim, 5. Bad Soden und Liederbach sowie 6. Eschbom, Schwalbach und Sulzbach. Der siebte Messtrupp wurde kreisweit eingesetzt. Er war speziell für die Überwachung der Lebensmittel, des Trinkwassers und landwirtschaftlicher Produkte sowie die Messung von Bodenproben zuständig. Messungen sollten halbjährlich durchgeführt werden, um die sogenannten Nullwerte bzw. ständigen "Normalwerte" zu ermitteln und zu registrieren. Bei einem Ansteigen der Werte könne man dann den Umfang der Erhöhung und ggf. Gefährdung genau feststellen.
Nach dem Sommer 1986 war das Thema Tschernobyl dann weitgehend aus der wöchentlichen Berichterstattung verschwunden. Stattdessen starteten die Betreiber und Hersteller von Kernkraftwerken in der Bundesrepublik Deutschland eine umfangreiche PR-Kampagne: Woche für Woche wurden großflächige Anzeigen geschaltet, die sich mit den Fragen der Bevölkerung zur Sicherheit der Kernenergie in Deutschland beschäftigten - und natürlich jeweils im Sinne der Imagepflege beruhigende Antworten gaben, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.


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