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Ein Profi im Normalsein ""Das deutsche Krokodil": Ausverkaufte Suppenlesung im Autohaus Kaufmann mit Ijoma Mangold

Ijoma Mangold las im Rahmen der letzten Hofheimer Suppenlesung des Jahres aus seinem Werk "Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte" vor.

""Das deutsche Krokodil": Ausverkaufte Suppenlesung im Autohaus Kaufmann mit Ijoma Mangold

Literaturkritiker Ijoma Mangold, Jahrgang 1971, ist sich bewusst, dass er ein recht junger Memoirenautor ist. Seine 2017 erschienene Autobiografie "Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte" hat er auch nicht geschrieben, um irgendeine bedeutsame persönliche Bilanz zu ziehen. Vor allem hatte er neben seinem Beruf als Journalist große Lust darauf, einmal erzählerisch zu schreiben. Naheliegend wäre da das Verfassen eines Romans gewesen, doch das komplette Ausdenken einer Geschichte und das Erfinden von Charakteren ging ihm dann doch etwas zu weit. "Da dachte ich: Ach, es gibt doch so einen Mittelweg", berichtete Mangold am Mittwoch, 6. November, im Hofheimer Autohaus Kaufmann. "Erzähle doch was aus Deinem eigenen Leben."

Dieser Geistesblitz entpuppte sich als wunderbare Idee. "Das deutsche Krokodil" kam bei Kritikern und Leserschaft gleichermaßen gut an, und das Publikum der letzten Hofheimer Suppenlesung des Jahres 2019 bildete hier auch keine Ausnahme.

Mangolds Mutter stammte aus Schlesien, sein Vater kam zum Studieren aus Nigeria nach Deutschland – zeitlich begrenzt, daran ließ dieser nie einen Zweifel. Sein Heimatdorf finanzierte gemeinschaftlich sein Studium, und daher verstand es sich von selbst, dass er mit seinem erlernten medizinischen Wissen auch den Menschen in seiner Heimat dauerhaft zur Verfügung stehen wollte. Beiden Eltern war also bewusst, dass sie mit der Zeugung eines Kindes zeitnah auf das Szenario einer alleinerziehenden Mutter in Deutschland zusteuern – und nahmen dies in Kauf.

Ijoma Mangold berichtet davon, dass er als Kind nie Groll gehen den Vater außerhalb seiner Reichweite hegte. Weil er ihn nicht vermisste. Und so führte der charismatische Autor die aufmerksame Zuhörerschaft durch die Etappen seiner eigenen Kindheit und Jugend in Dossenheim und überraschte dabei wiederholt mit einer erfrischenden und stets nachvollziehbaren Nüchternheit. Mangold gelingt es auf humorvolle Art und Weise, ein klares Bild von seinen Erinnerungen zu zeichnen, in die sich der Empfänger erstaunlich leicht hineinversetzen kann. Weil er es versteht, seine eigene Gedankenwelt deutlich und präzise zu transportieren.

So zum Beispiel, wenn er über den Besuch von Yvonne in Dossenheim spricht, der besten Freundin seiner Mutter, einer Afro-Amerikanerin aus Norfolk (Virginia). Deren Besuch verunsicherte ihn zutiefst, denn plötzlich war da noch jemand mit dunkler Hautfarbe an seiner Seite.

Ein Dossenheimer Unikat

Eigentlich wurde er in seiner Heimat als Singularität wahrgenommen. "Ich war in meiner Schule immer der einzige Schwarze", berichtete Mangold. Glücklicherweise frei von bösartigen Klischees und Vorurteilen, denen sich häufig erst Gruppen von Ausländern gegenüber sehen – den Einzigartigen kann man eben nicht so leicht verallgemeinern. "In dem Sinne war ich nie ein 'Ausländer', denn es gab keine Schublade für mich", so Mangold. Das war ein Vorteil. Der kleine Nachteil war, dass er nie einen Gesprächspartner hatte, mit dem er sich über sein "Andersaussehen" hätte austauschen können. Und plötzlich stand dann mit Yvonne öffentlich ein Mensch neben ihm, mit dem er seine Hautfarbe teilte, und er wusste nicht so genau, wie er damit umgehen soll. Er befürchtete, dass bei einem banalen gemeinsamen Gang zum Postamt die Dossenheimer seine Hautfarbe nicht länger ignorieren könnten. Dass man Yvonne für seine wahre Mutter halten würde. "Der Junge" (die Kindheitskapitel verfasste Mangold in der dritten Person) wollte sich seine Nervosität und Panik nicht anmerken lassen. "Vielleicht gelingt es ihm ja sogar, so zu tun, als wäre alles normal. Wie so oft. Darin ist er Profi", beschreibt Mangold den Gedankengang. Am Ende läuft die Transaktion am Postschalter so unaufgeregt ab wie immer. Freundlich und erfolgreich. Und auch die Zuhörerinnen und Zuhörer sind freudig erleichtert – und beeindruckt von der ihnen präsentierten Sorgenwelt des Sohnes einer Deutschen und eines Nigerianers im Dossenheim der siebziger Jahre.

In der Pause wurde die Suppenlesung ihrem Namen endgültig mehr als gerecht: Es gab Suppe – lecker und reichlich. Frisch gestärkt begleitete man Ijoma Mangold im zweiten Teil der Lesung auf seiner ersten Reise als junger Mann nach Nigeria zur Familie des Vaters. Wieder verstand es der kulturpolitische Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit", das Publikum zu fesseln – sowohl mit den vorgelesenen Passagen aus seinem Buch, als auch mit seinen frei vorgetragenen Erläuterungen. Mit lang anhaltendem Applaus wurde Mangold honoriert, und im Anschluss nahm er sich noch Zeit für Fragen aus dem Publikum. Zweifellos war diese kurzweilige und eindrucksstarke Lesung ein würdiger Jahresabschluss für die beliebte Veranstaltungsreihe, präsentiert von evendon.de in Kooperation mit der Stadtbücherei Hofheim im Autohaus Kaufmann.

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