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Der „Aufbau Ost“ hält auch nach 20 Jahren

Reinhard Bersch berichtet von einem erfreulichen Wiedersehen in Kemtau

BISCHOFSHEIM (rb) – Gerade im Zusammenhang mit dem „Jubiläum“ des Baus der Berliner Mauer 1961 bekommt die Geschichte einer privaten Hilfe im Erzgebirge von vor 20 Jahren eine eigene Dynamik. Was war damals geschehen?

Wie in vielen anderen Städten und Gemeinden, wurden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auch in Bischofsheim, und in diesem Zusammenhang speziell in der Spelzengasse 19, Soldaten zwangsweise untergebracht. In unserem Falle handelte es sich um Rudi Baumgärtel, der mit einer Einheit aus Sachsen in den Kreis Groß-Gerau kommandiert war. Der Kontakt zwischen den Familien besteht seit dieser Zeit. Da keine verwandtschaftlichen Beziehungen bestanden, half zwecks Besuchen in der DDR der allgemeine „Trick“ – der Verwandtschaftsgrad „Cousine mütterlicherseits !“

Über 60 Jahre bestehen nun diese freundschaftlichen Bande. Käthi Astheimer, ihre Tochter Uschi und der Schwiegersohn Klaus besuchten in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren regelmäßig die „Verwandten“ im Erzgebirge, unter den zeitweise unerträglichen Grenzkontrollen in Herleshausen bei der Ein- und Ausreise. Auch Pakete wurden regelmäßig aus Bischofsheim geschickt und ein intensiver Briefverkehr gepflegt.

Nach den Ostverträgen gab es erste Erleichterungen. Rentner konnten ihre Verwandten in der Bundesrepublik besuchen, und so kamen eines Tages Rudi Baumgärtel und seine Frau Hilde zu Besuch in die Spelzengasse. Diese Besuche konnten dann ausgedehnt werden und noch vor dem Fall der Mauer war es sogar den Nachkommen möglich, nach Bischofsheim zu reisen. Allerdings alleine und nicht als Ehepaar, da hierbei seitens des DDR-Regimes eine gewisse Gefahr zur Republikflucht vermutet wurde.

Dies war nach dem Fall der Mauer möglich und so kamen auch die Nachkommen Hans und Uschi Clauß zu Ostern 1990 gemeinsam nach Bischofsheim. Große Freude herrschte allgemein in den alten und neuen Bundesländern und speziell in der Spelzengasse 19. In diesen Tagen waren natürlich auch die Freunde von Uschi und Klaus Zahn eingeladen, um die „Verwandtschaft“ aus dem Erzgebirge persönlich kennenlernen zu können.

Unmengen von Themen wurden diskutiert und die Erfahrungen aus beiden Richtungen intensiv ausgetauscht. Da der anwesende Norbert Haus, seines Zeichens Malermeister war (und ist), kam die Sprache auch auf die technischen Gegebenheiten bei der möglichen Renovierung der Fassade am eigenen Haus in Kemtau. Die ebenfalls anwesenden Reinhard Bersch, Hennes Lotz und (natürlich) Klaus Zahn fassten bald einen einhelligen Beschluss: Bevor wir die Arbeitstechniken und den Umgang mit der (westlichen) Fassadenfarbe lange und breit beschreiben, kommen wir zusammen mit Norbert Haus ins Erzgebirge und streichen das Zweifamilienhaus eigenhändig neu an.

Auf einer Fahrt im Sommer wurden die Gegebenheiten vor Ort geprüft und zum 3.Oktober startete die Maler-Mannschaft mit der ausgesuchten Farbe und Arbeitsgerät ins Erzgebirge. Optimale Witterungsbedingungen ermöglichten einen reibungslosen Arbeitsablauf. In drei Tagen konnte die Fassade grundiert und zweimal gestrichen werden, ebenso sämtliche Metallteile. Die Ausbesserungen am Sockel und der Abbau des Gerüstes waren ebenfalls am dritten Tag erledigt und das Haus erstrahlte in seiner ganzen Pracht.

An diesem Wochenende um den 3. Oktober kamen viele Zaungäste in die Straße, da sich die Vorarbeiten und das aufgestellte Gerüst schon im Dorf herum gesprochen hatten. Da es eine große Freude war, hier konkret zu helfen und die Akteure „aus dem Westen“ damals allesamt aktive Mitstreiter bei der Närrischen Achse waren, kam auch die Fröhlichkeit und der Mutterwitz am Bau nicht zu kurz. Eine Nachbarin stellte in bestem Sächsisch fest : „Nu Usch, doa habt ihr aber ‘ne lussdische Brigaade!“ Dies ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden und kommt bei jedem Zusammentreffen auf den Tisch des Hauses.

Die Fassade strahlt immer noch prächtig und ist schön anzusehen. Davon überzeugten sich am vergangenen Wochenende die Familien Bersch, Haus, Lotz und Zahn vor Ort. Gemeinsame Ausflüge mit den Hauseigentümern, den Eheleuten Clauß, in die Umgebung, die Besuche in Olbernhau und Freiberg und in Dresden, wurden abends durch die geselligen Treffen fortgesetzt. So konnte am letzten Wochenende dem 20. Jahrestag der „Aktion Fassade“ im Erzgebirge ausgiebig gedacht werden.

Und der damals angedeuteten Garantiezeit von 30 Jahren steht offensichtlich nichts entgegen. Wir werden sehen – hoffentlich in zehn Jahren bei guter Gesundheit aller Beteiligten.

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