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Der Eiserne Steg muss erhalten bleiben

IG fasst Historie und Sachstand rund um die Fußgängerbrücke zusammen

BISCHOFSHEIM (pm/bl) – Darf ein solch geschichtsträchtiges Bauwerk einfach abgerissen werden? Die Interessengemeinschaft (IG) sagt nein! Der Eiserne Steg in Frankfurt oder die Eisenbahnbrücke von Gustavsburg nach Mainz wurden auch saniert. 

Die Fakten
Der Steg am Wasserturm in Bischofsheim aus dem Jahr 1901 ist eine genietete, dreifeldige Stahlfachwerkbrückenkonstruktion mit rund 110 Meter Länge. Sie überspannt 19 Gleise in einer Höhe von 6,51 Meter. Ende der Fünfzigerjahre, im Zuge der Brückenanhebung, bekam der Steg einen neuen Betonbodenbelag. Laut Bauplänen sollten die Betonplatten ein Gefälle zur Mitte haben, um das Regenwasser über Bodenabläufe zwischen den Gleisen abzuleiten. Das Gefälle wurde entgegen der Planung zur Seite ausgeführt, so dass das Regenwasser sowie das Salzwasser im Winter über die Stahlkonstruktion ablaufen, dadurch rosten die darunter liegenden Stahlteile. 
Laut Vorschrift sollte alle sechs Jahre eine Hauptuntersuchung und alle drei Jahre eine einfache Untersuchung durchgeführt werden! Der der IG vorliegende tabellarische Untersuchungsbericht weist nach, dass 1957 wegen der Elektrifizierung die Brücke um 1,565 Meter angehoben wurde. Angeblich ist 1961 die Brücke umfangreich saniert worden: Wenn man den Unterlagen glauben darf, wurde „der Fußgängersteg in der DB Werkstatt vollständig zerlegt und instandgesetzt, entrostet und gestrichen“.
Ehemalige Eisenbahner und ältere Bürgerinnen und Bürger können sich nicht erinnern, dass die Brücke zur Sanierung abgehoben wurde. Nach Informationen von Lokführern wurde die Brücke im Vorschub in den 80er-Jahren sandgestrahlt und gestrichen. Ab 1994 ging der Eiserne Steg ins Eigentum der Gemeinde über. Laut Übergabe-Gutachten von 1995 handelte es sich bei der dem Vertrag zugrunde liegenden Übergabe-Prüfung um eine oberflächliche Prüfung mit der Feststellung, die Brücke sei nicht in einem ordnungsgemäßen verkehrssicheren Zustand. Die Standsicherheit der Brücke sei zurzeit noch gewährleistet.
Im Juni 1996 forderte der Städte- und Gemeindebund die betroffenen Gemeinden auf, die in dem Gutachten aufgeführten Mängel auf Kosten der DB AG beseitigen zu lassen. Es wurde eine Sichtkontrolle durchgeführt. Die Deutsche Bundesbahn hat 94/96 „oberflächige Reparaturen“ durchgeführt. Seit 1988 fand laut Brückenbuch keine Hauptuntersuchung mehr statt! Bei einer einfachen Brückenprüfung 2007 werden erhebliche Schäden im Bereich der Stahlkonstruktion (Note 3) aufgelistet. „Die Brücke weist gravierende Schäden auf“.
Im Frühjahr 2011 wird der Treppenabgang zur Bushaltestelle gesperrt: Am Betonsockel der Treppe sind Bauschäden aufgetreten. Durch die Verwaltung wird zudem festgestellt, dass die Brücke substantielle Schäden aufweist, die umfangreiche Sanierungsmaßnahmen nötig machen. Nach Vorlage eines zu erwartenden Baugutachtens müsste sich die Gemeindevertretung mit der Sache befassen und über die Vergabe der Sanierungsarbeiten befinden.
In einem Regelgutachten eines Fachbeauftragten des Brückenprüftrupps der DB Netz AG von 2011 weist der Steg gravierende Schäden auf und erhält die schlechteste Note „4“. Zusätzlich wird die Restnutzung der Brücke bis Ende des Jahres 2013 festgelegt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist ein Neubau anzustreben oder eine umfangreiche Instandsetzung durchzuführen.
2007/2008 hat die Deutsche Bundesbahn AG (DB AG) den Treppenabgang in der Mitte der Brücke auf eigene Kosten erneuert. Daraus ist zu folgern, dass der Eiserne Steg auch weiterhin von den Eisenbahnbediensteten genutzt werden soll. Die IG kann sich nicht vorstellen, dass bei einem Abriss und keinem Neubau die Bahn AG einverstanden wäre, dass die Bediensteten dann regulär über die Gleise laufen. Zurzeit finden im Bahnhof Bischofsheim rund 200 Lokführerablösungen pro Tag nur von DB-eigenem Lokpersonal statt.
Fazit: Durch versäumte Prüfungen und nicht durchgeführte Mängelbeseitigungen durch Bahn und Gemeinde ist die jetzige Situation entstanden.
Derzeitiger Zustand
Soweit in den Gutachten zu erkennen ist, sind die beiden wichtigen Außenstützen sowie die Mittelstützen weitgehend in Ordnung bzw. sanierungsfähig. Die wichtigsten Reparaturen müssen an dem Unterteil der Kastenkonstruktion gemacht werden. Der einfachste Weg für die Bischofsheimer Gemeindevertretung war – bei einer Schuldenlast von rund 20 Millionen Euro – sofort für den Abriss zu stimmen. 
Aus Sicht der IG ist das zu kurz gedacht. Die Gemeinde hat auf jeden Fall den politischen Auftrag gestalterisch tätig zu sein. Durch die heutige „Wegwerf-Mentalität“ sind in den vergangenen 50 Jahren so viele erhaltenswürdige Gebäude abgerissen worden, dass das Ortsbild so nach und nach seine Identität verliert und zu einer stereotypen Wohnsiedlung wird. Zur Erinnerung sei auf „Alte Schmiede“ oder St.-Viktor-Stiftshof verwiesen.
 
Die IG erwartet, dass statt eines Abrisses nach alternativen Lösungen gesucht wird. Es ist Aufgabe der Kommune, alle Verantwortlichen – auch die DB AG und Fachfirmen – an einen Tisch zu holen, um alle möglichen Szenerien zu besprechen und sich nicht nur auf ein DB-Gutachten zu berufen. Ziel muss es sein, die Reparaturen an Ort und Stelle kostengünstig durchzuführen. Die IG ist bereit, konstruktiv mitzuarbeiten und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
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