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Als das Dorf noch an vielen Orten feierte

Aus dem Nachlass Wilhelm Fauths stellte Erwin Dürr eine Fastnachts-Rückschau zusammen

Erwin Dürr hat das Erbe von Wilhelm Fauth bearbeitet und digitalisiert. Er plant weitere Ausstellungen mit dem Werk des Ginsheimer Fotografen. (Foto: Gössel)
 

GINSHEIM (ag) – Zu einer Sonderausstellung „Wie früher Fastnacht gefeiert wurde“ hatte der Heimat- und Verkehrsverein Ginsheim (HVV), am Sonntag, 13. Januar, ins Museum in der Hauptstraße eingeladen. Weit über einhundert Bilder, die meisten in DINA4-Größe und in schwarz-weiß, gaben einen Einblick, wie die Fastnacht in den Dreißiger- bis hin in die Sechzigerjahre in der Altrheingemeinde gefeiert wurde. Karnevalistisch war Ginsheim seit jeher mehr als nur ein Vorort von Mainz. Mit einem eigenen Carneval-Verein, kurz GCV genannt, der später in den Altrheinschützen aufging, war man auf das fastnachtliche Treiben in Mainz nicht angewiesen.
Mehr als fünf Gasthäuser luden in jener Zeit zu Maskenbällen, Sitzungen und Tanzveranstaltungen: Das Gasthaus „Zur deutschen Eiche“ in der Frankfurter Straße hatte einen großen Tanzsaal, der später in einen Kinosaal umgewandelt wurde und heute die Kleinkunstbühne „Lichtspielhaus“ beherbergt. Das Gasthaus „Zur Rose“ in der Neckarstraße 8 oder der Tanzsaal von Friedrich Schnecko in der Mainzer Straße war ebenso ein Fastnachtsort wie das „Cafe Ambach“ mit seinem Spiegelsaal und natürlich der Rheinische Hof, vom „Schäfer-Peter“, in der Hauptstraße. Jeder Ortsverein hatte sein Stammlokal, wo dann auch die Vereinsmaskenbälle und Kappensitzungen stattfanden.

Fastnacht anno dazumal war noch „von Hand gemacht“. Das konnte man auf den Bildern deutlich erkennen und das brachten auch die zahlreichen Besucher zum Ausdruck, die an diesem Sonntagnachmittag den Weg ins Heimatmuseum gefunden hatten. Magarete Veith, geborene Schneider, konnte sich selbst auf einigen Bildern wiederfinden. Genau, erklärte sie begeistert den Umstehenden, erinnere sie sich an das spanische Kostüm, das sie sich genäht hatte. „Es gab ja nichts“, und trotzdem sei das mit Pailletten verzierte Fastnachttanzkleid der Hingucker gewesen.
Von der Öffentlichkeit längst vergessen, aber in der Erinnerung immer noch lebendig: die alte Turnhalle in der Rheinstraße 66, die ihren Platz gegenüber dem Autohaus Itzel hatte. 1937 wurde die Turnhalle für den Sportbetrieb eingeweiht. Gekauft hatte man die gebrauchte Halle von der Stadt Mainz. Der Abriss, Transport und Wiederaufbau von 1930 bis 1937 wurde überwiegend von Vereinsmitgliedern geleistet. Ab den 1950er-Jahren wurde die Halle neben dem Sportbetrieb auch für Maskenbälle genutzt. Da der Turnverein den Unterhalt der renovierungsbedürftigen Halle nicht alleine leisten konnte, übernahm die SKG einen Miteigentumsanteil von 60 Prozent. Es wurden eine Bühne und ein Vereinskasino angebaut und ab 1951 fanden hier die fastnachtlichen Großmaskenbälle statt. Viele der Besucher erinnerten sich beim Anblick der Bilder auch an ihre Kinder- und Jugendjahre, wo sie in der Halle als Prinzessin, Clowns, Cowboys oder Indianer verkleidet die Kindermaskenbälle erlebten.
Für Erwachsene legendär war damals die „Likörbud“ im Raum unter der Bühne der Halle. Erinnerungen über Erinnerungen wurden von den ansehnlichen Schwarzweiß-Bildern bei den Besuchern geweckt, an eine lebendige Zeit voller fieberhafter Vorbereitungen auf das fastnachtliche Treiben in der fünften Jahreszeit. Es war ja nicht nur damit getan, sich den Termin vorzumerken. Kostüme wurden selbst genäht, die Vorfreude auf die Tanzveranstaltungen, von denen man meistens mehr als nur eine besuchte, das Kostüm musste ja ausgeführt werden.
Erinnerungen an legendäre Nachfeiern bis in die frühen Morgenstunden wurden wieder wach. Ja, und auch das gab es in der guten alten Zeit: Schlägereien und handfeste Raufereien am Rande der Veranstaltungen. Von der Lokalpresse eher vernachlässigt, heute wären es Aufmacher.
Die sehenswerte Ausstellung hat Erwin Dürr zusammengetragen. Zu 90 Prozent stammten die Bilder von dem Ginsheimer Fotografen Wilhelm Fauth, erklärte Dürr, der schon in den 1920er- und 1930er-Jahren einmalige Aufnahmen seiner Heimatgemeinde machte. 4.600 Negativglasplatten habe er gereinigt und digitalisiert, so Dürr. Die Negative stammten aus dem Nachlass des Fotografen, den die Erben dem Heimatmuseum überlassen hätten. Als Gegenleistung habe er die Bilder auf CD gebannt zurückgegeben.
Um den Fotografen, dem wir heute die einmaligen Aufnahmen des historischen Ginsheim verdanken, entsprechend zu würdigen, plant Dürr noch in diesem Jahr eine Ausstellung über den Fotografen Wilhelm Fauth.

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