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Geschichten von der Front und der Heimat

Der HVV präsentierte erneut die Dokutafeln zum I. Weltkrieg – Auszüge aus der Feldpost des Soldaten Schorr

Die Tafeln der zum Gedenken an den Kriegsbeginn 1914 im Jahr 2014 zusammengestellten Dokumentation waren am Wochenende 8./9. Dezember erneut im Heimatmuseum zu sehen und bildeten die Kulisse für die Lesung aus den Briefwechseln der Familie Schorr 1916 bis 1919.
(gus/Fotos: Steinacker)
 

GINSHEIM (gus) – Hinter den Tafeln zur Ginsheimer Weltkriegsgeschichte 1914-1918 steckt so viel Arbeit und sie bieten so viele Informationen über alteingesessene Ginsheimer und Gustavsburger Familien, dass sie immer wieder einmal der Öffentlichkeit präsentiert werden sollten. So war es keine Premiere, die der Heimat- und Verkehrsversverein (HVV) am Wochenende 8./9. Dezember mit der Ausstellung „Der erste Weltkrieg – hundert Jahre danach“ im großen Raum des Heimatmuseums präsentierte, vielmehr entstand die Zusammenstellung 2014 anlässlich des Gedenkens an den Beginn des I. Weltkrieges 100 Jahre zuvor.

In diesem Jahr wird entsprechend dem hundertjährigen Ende dieses vier Jahre andauernden Krieges gedacht, aber das war nicht der einzige Hintergrund, der es lohnend machte, die Tafeln noch einmal aufzustellen. HVV-Mitglied Dr. Hildegard Kastrup hat sich die Dokumente, die Basis der Schilderung des Schicksals einer der präsentierten Familien waren, vorgenommen und zu einer spannenden Lesegeschichte zusammengefasst, die es demnächst auch in gedruckter Form geben wird. Hans-Benno Hauf las aus dem Text nach einer kurzen Begrüßung durch den HVV-Vorsitzenden Martin Hofmann rund 50 Minuten lang vor.

Dabei wurde deutlich, dass die Feldpost-Korrespondenz zwischen dem Soldaten Wilhelm Schorr und seiner Ginsheimer Familie auf zwei Ebenen wertvolle geschichtliche Erkenntnisse bietet. Denn ebenso, wie Schorrs Schilderungen von der Front Einblicke in ein gewöhnliches Soldatenleben in diesem ersten hoch technisierten Krieg bieten, ergibt sich aus der ebenfalls erhaltenen Post der Familie an das Familienmitglied im Kriegsdienst, wie sich das Leben in Ginsheim in den beiden letzten Kriegsjahren gestaltete.

Dass Kastrup sich die Korrespondenz der Familie Schorr für ihren Text vornahm, hat einen naheliegenden Grund: Es ist ihre eigene Familiengeschichte, die sich in diesen Briefen dokumentiert. Die Weltkriegsverwicklung der Schorrs beginnt allerdings erst im Laufe des Jahres 1916, als Sohn Wilhelm, Jahrgang 1897, das wehrfähige Alter erreicht hat und nach Abschluss seiner Bäckergesellenprüfung zum Kriegsdienst einberufen wird. Die Briefwechsel beginnen am 9. November 1916 und kommen noch lange nicht von der Front: Zunächst erhält Wilhelm wie insgesamt elf Ginsheimer seines Jahrgangs eine Ausbildung auf dem Truppenübungsgelände Darmstadt/Griesheim.

Der Brief vom 20. Dezember kommt allerdings nicht aus dem nahem Darmstadt, sondern aus Bad Orb. Wilhelm hat sich den Fuß verstaucht und berichtet auch vom Besuch eines Onkels im Lazarett. Schorr nähert sich dem Kriegsgeschehen Station für Station an: Ende Januar schreibt er aus der Nähe von Reims, der Bäcker backt in der Feldbäckerin fernab der Front im Schichtdienst Brot für die Kompanie. Cousine Anna im nun doch schon fernen Ginsheim, liest der junge Soldat in der Post aus der Heimat, möchte auch gerne ein Junge sein und in den Krieg ziehen, weil es an den Sonntagen im Dorf „derzeit sehr langweilig ist“.

Was Wilhelm Schorr von solcher Kriegsbegeisterung hält und wie er selbst zu seiner Instrumentalisierung als Soldat steht, wird in den Briefwechseln, wie Hauf sie vortrug, nicht deutlich. Jedenfalls rückt Schorr im Laufe des Jahres 1917 dem grausamen Kriegsgeschehen immer näher. Im Sommer kommt er ins Frontregiment. Die bis dahin erstaunlich flotte Postzustellung – vier Tage brauchen Schorrs Berichte zunächst lediglich aus Frankreich nach Ginsheim – stockt mit dem Einsatz im direkten Kriegsgebiet nun deutlich.

Anfang November taucht Schorr kurz auf der Heimatscholle auf – im Zug auf dem Weg an die Ostfront bei Brest-Litowsk in Weißrussland. Auf den Schienen in Bischofsheim erblickt er die Heimat beim Truppentransport durch die Spalten des Holzwaggons. Die Ginsheimer Familie erfährt von der Vorbeifahrt erst zehn Tage später, hätte den Verwandten in Lebensgefahr aber auch nicht zu Gesicht bekommen am Bischofsheimer Gleis. Ende November 2017 kommt Wilhelm Schorr in der weißrussischen Schneelandschaft an, während die Wormser Verwandtschaft in Ginsheim beim Schlachtfest auftaucht und mit vollen Taschen wieder abreist. An Weihnachten gibt es übrigens keine Plätzchen bei den Schorrs – Mehl ist längst Mangelware. Wilhelm Schorr hat zwischendurch auch mal zwei Wochen Fronturlaub und ist auch im März 2018 nicht drin im Kriegsgeschehen, sondern bei einer Ausbildung am Gewehr auf dem Truppenübungsplatz in Altengrabow im heutigen Sachsen-Anhalt. Am 21. März geht es frisch geschult nach Flandern. Schorr berichtet von der Fahrt durch wunderschöne Frühlingslandschaften. Nun ist er Teil eines Leitkommandos, dessen Aufgabe es ist, die Truppen vornehmlich nachts in die Stellungen zu bringen, die gerade angesagt sind.

Am 8. April 1918 wird Schorr mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, erhält aus Ginsheim neben gleich sechs Geburtstagspäckchen die Nachricht, dass im Heimatort nun die Kartoffeln gepflanzt sind. Doch auf die Antwort wartet die Verwandtschaft vergeblich, sie erhält aus Flandern plötzlich keine Post mehr. Kein Wunder, denn für Wilhelm wird es durch die Verlegung ins dickste Kriegsgeschehen an der Somme eng. Am 6. Juli 1918 erfährt die Verwandtschaft, dass Wilhelm nach einem englischen Angriff als vermisst gilt. Aber die schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich nicht: Schorr ist zwar am Auge verletzt und in englischer Gefangenschaft, ansonsten geht es ihm aber eher gut.

Der Krieg ist bald danach verloren und aus, Wilhelm aber lebt und darf sogar die Päckchen aus der Heimat empfangen und schreibt auch wieder fleißig Briefe nach Ginsheim. Dort sind die französischen Besatzer ebenfalls sehr verträgliche Kriegsgewinner, berichtet die Familie. Schließlich kommt es in Ginsheim nach der Entlassung Schorrs aus der Kriegsgefangenschaft zur großen Heimkehrfeier im Dorf – in dem der Kriegsveteran 1985 mit 87 Jahren starb. Eine Ginsheimer Geschichte, die wahrlich nicht ungewöhnlich war für diese Kriegsjahre, aus denen besonders die Deutschen so wenig zu lernen verstanden. Gerade, dass die Briefe aus beiden Richtungen erhalten sind, macht die Zusammenstellung Kastrups so ungewöhnlich ergiebig für eine Familienstudie, wie sie mindestens so interessant ist für das Verständnis von dieser Zeit wie das große Kriegsgeschehen selbst, das seit vielen Jahrzehnten im Detail nachvollzogen wird, dabei aber die Einzelschicksale verschwinden lässt. Diese hervorzuheben, kann nur eine lokale Studie leisten, wie sie dank der erhaltenen Feldpost und ihrer zeitintensiven Auswertung durch Kastrup möglich war und geschah, für die man die Briefe – in altdeutscher Handschrift verfasst – aber überhaupt erst einmal lesen können muss.

Das Werk „1916 – 1919 – Feldpostbriefe von und an Wilhelm Schorr“ ist als Büchlein im Selbstverlag des Heimat- und Verkehrsvereins erschienen und kann für 8,50 Euro beim HVV erworben werden. Kontakt: hansbenno.hauf[at]t-online[dot]de, Telefon 06144/2178.
 

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