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„Vor 50 Jahren ….“ vom 17. November

Eigentlich wollte ich es bei meinem Leserbrief zu dem Gedicht anlässlich des Volkstrauertages 1961 (wiederholt zum Volkstrauertag 2011) belassen, denn jeder kann sich seine eigene Meinung dazu bilden. Das gehört in unserem Land zwar nicht unbedingt zu den ureigensten geschichtlichen Traditionen, ist heute aber Gott sei Dank möglich.

 

Einige Reaktionen aus der Bischofsheimer Bevölkerung (egal ob verbal oder mit stillem Missfallen geäußert) geben mir jedoch Anlass, darauf noch einmal näher einzugehen. Meine Generation (ich bin Jahrgang 1944) ist aufgewachsen in einer Zeit, in der der Übergang von einer Diktatur zu einer (nicht ganz freiwillig gewählten) Demokratie stattgefunden hat. Wir tragen zwar keine direkte Verantwortung für die Verbrechen des Dritten Reiches.
Wir haben aber die Verantwortung dafür geerbt, dass unsere heutige Demokratie, so unbequem und unvollkommen sie auch sein mag, sich in den Köpfen der Menschen als einzige akzeptable Regierungsform festsetzt. 
Dazu gehört nun einmal, dass man sich der eigenen Geschichte stellt. Ein Gedicht, in dem die Verbrechen der Nazis, wie die Besetzung halb Europas, der Überfall auf Polen und der Einmarsch in die Sowjetunion dadurch glorifiziert werden soll, dass man den jüngeren Generationen weismachen möchte, dies sei für „Dich“, für „die Heimat“ oder gar „für unser späteres Glück“ geschehen, sehe ich in diesem Zusammenhang als kontraproduktiv.
Doch nicht nur das! Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die diesen Übergang von einer Diktatur zur Demokratie gleich dreimal erlebt haben. Wie das Schicksal es halt wollte, habe ich mit meiner Familie von 1977 bis 1980 in Brasilien und von 1983 bis 1986 in Argentinien gelebt. In Brasilien ist dieser Wechsel relativ unspektakulär verlaufen, aber nur deshalb, weil man aus Angst vor einem neuen Militärputsch die Menschenrechtsverletzungen der Militärs unter den Teppich gekehrt hat.
In Argentinien wollte man die Militärs in guter Absicht ab 1980 zur Verantwortung ziehen. Es wurden sogar einige 80- bis 90-jährige Generäle zu lebenslanger Haft verurteilt. Dass man aber nicht 30.000 Argentinier ohne „willfährige Helfer“ einfach so verschwinden lassen kann, dürfte jedem klar sein. 
In der Presse waren aber auch dort, in Analogie zu unserem „heimatlichen“ Fall, die von den Tätern vorgebrachten Stereotypen zu hören: „Nichts gehört, nichts gesehen, nichts gesagt! Wir lassen uns unser Heldentum nicht nehmen!“Ich möchte den wenigen Kriegsteilnehmern, die noch unter uns sind, nicht zu nahe treten. Aber ein kurzes Reflektieren darüber, ob sie nicht eventuell von den Nazis missbraucht wurden, wäre schon angebracht.
Rainer Kalz
Treburer Straße 6, Bischofsheim
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