Entscheidende Orte und Plätze dieser Stadt

CDU-Ortsverband lud zu Rundgang durch Flörsheims Gassen mit Bürgermeister Blisch als Referent

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Es war geradezu programmiert, dass eine Führung mit Bürgermeister Bernd Blisch durch die Flörsheimer Innenstadt zu einem Ausflug in die Vergangenheit einer Stadt wird, die seine Partei seit der Nachkriegszeit in den allermeisten Jahren regiert und geprägt hat. Der Flörsheimer CDU-Stadtverband hatte zu einem Rundgang geladen, der in knapp eineinhalb Stunden zu acht Stationen führte, die in den Augen des promovierten Historikers Blisch die Entwicklung der Kommune beispielhaft repräsentieren.

Vorsitzende Svenja Čolak und Blisch begrüßten auf dem Parkplatz des Gesundheitszentrums am Freitagnachmittag mehr als ein Dutzend Interessierte. An einer relativ neuen Einrichtung in der Stadt, mit allerdings langer und wechselvoller Geschichte. Zu der könnte Blisch alleine einen Geschichtsabend füllen. Die Anfänge lassen sich heute vor allem am Namen der Kloberstraße ablesen, die an der Südflanke des Gebäudes vorbeiführt. Denn die ist benannt nach Matthias Klober, einem Kasteler Arzt, dessen Heirat mit einer Flörsheimerin ihn in die Gemeinde führte.

Der Tod kam über das unglückselige Paar allzu schnell, als Klober selbst 1895 starb, war seine Verbindung zu Flörsheim aber offenbar gefestigt, denn in die Stadt floss testamentarisch so festgeschrieben die eine Hälfte seines finanziellen Erbes, die andere ging nach Kastel. Das Geld sollte der Gesundheitsversorgung der Bürger dienen, so wurde es zum Grundstock der ab 1902 in die Planung gegangenen und schon 1904 eröffneten ersten Flörsheimer Klinik.

Kein vergleichbares Gebäude wie das, das sich heute zwischen Hospitalstraße, Kloberstraße und Riedstraße erhebt, sondern ein wesentlich bescheidenerer Vorgängerbau mit 18 Betten. Mit der Einrichtung begann die Geschichte der Dernbacher Schwestern als Krankenpflegerinnen in Flörsheim, die nun diese Aufgabe übernahmen, allerdings schon seit 1859 im Ort in der „Kinderverwahranstalt“, der auch heute noch in der Grabenstraße existierenden katholischen Kita St. Michael, tätig waren.

Beim Luftangriff auf Flörsheim im September 1942 erwischten die britischen Bomben auch die Mauern des Krankenhauses, das aber am 1. Juli 1944 wiedereröffnet werden konnte. Die Dernbacher Schwestern mussten 1954 bekunden, nicht mehr genügend Mitglieder zu haben, um ihre Aufgabe fortzuführen. Die Klinik musste erst einmal schließen, ab 1956 übernahmen jedoch die Missionsdominikanerinnen aus Neustadt und die Einrichtung wuchs auf 156 Betten nebst Schwesternwohnheim.

2004 ereilte die Dominikanerinnen das gleiche Schicksal wie die Dernbacherinnen, die Zeiten der Missionarinnen am Krankenbett ging unweigerlich zu Ende. Die Marienhaus GmbH wurde aus der Taufe gehoben, das Modell hielt allerdings nur dreizehn Jahre, 2017 folgte die Schließung. „Es war uns wichtig, dass eine medizinische Versorgung erhalten bleibt“, betonte Blisch. Mit dem Projektentwickler Molitor gelang es einen Investor zu finden, der den Umbau im laufenden Betrieb hinbekam, „es wurde kein Arzt rausgeworfen“. Neben acht medizinischen Praxen sind ein Tagespflegedienst, ein Fitnessstudio, ein Sanitätshaus und eine Bäckerei im Gebäude untergekommen – außerdem elf Wohnungen.

Über die Kloberstraße wanderte der Tross auf den Bahnhofsvorplatz, wo Blisch die Entstehungsgeschichte des Bahnhofs erläuterte. Der war seinerzeit, im Jahr 1840, keineswegs an das Stadtgebiet anschließend, das zu jener Zeit noch nicht über den heutigen Kreuzungsbereich Obermainsraße/Wickerer Straße hinausgewachsen war. „Der Bahnhof wurde eher für Bad Weilbach gebaut“, betonte Blisch. Die feinen Damen und Herren ließen sich per Kutsche vom dampfenden Ross abholen und zu den Heilquellen hinausfahren. „Die Flörsheimer hatten da eher Glück, dass der Bahnhof auf halbem Weg nach Bad Weilbach gebaut wurde.“

Heute sei im Bahnhofsbereich aus Sicht eines Stadtlebens „eher weniger los“, ist dem Bürgermeister bewusst. Man habe das Umfeld durch Sitzbänke und Toilettenanlage etwas attraktiver gestaltet, an Gastronomie ist durchaus auch etwas vorhanden. Aber ein Hotspot wird das Bahnhofsareal für die Flörsheimer wohl kaum noch, glaubt der Rathauschef – aus einem einfachen Grund: „Der Durchgang nach Weilbach ist jetzt eben geschlossen.“

Wer an der dritten Station, der Erzbergerstraße an der Einmündung zur Bahnhofstraße, fürchtete, sich des Charmes einer Sparkassenfiliale erfreuen zu sollen, konnte hier stattdessen gut Verborgenes lernen. Diese heute eher unscheinbare Gasse, die als Verbindung in die Wickerer Straße eine wichtige verkehrliche Funktion hat, war nämlich einst der mondäne Glanzpunkt Flörsheimer Baukunst, die damalige Obertaunusstraße der erste gepflasterte Weg in der Gemeinde. „Es war seinerzeit die beste Straße Flörsheims“, hob Blisch hervor. Und damit die erste Adresse mit entsprechender Attraktivität für Geschäftsleute.

Nach 1933 verwiesen die neuen Herrschaften in Berlin hier lieber auf den letzten Reichspräsidenten und Hitlers Steigbügelhalter Paul von Hindenburg, wie im Gegensatz dazu folgte die erneute Umbenennung nach dem 1921 von nationalistischen Attentätern ermordeten Zentrumspolitiker Matthias Erzberger in den neuen Zeiten. Die Straße geriet allerdings mit dem Entstehen mindestens genauso schöner weiterer Gassen aus dem Blickfeld – und heute sieht man ihr die glorreiche Vergangenheit nicht mehr an. Die leicht nach Norden versetzte Verlängerung der damaligen Obertaunusstraße hieß seinerzeit übrigens Untertaunusstraße, heute Andreas-Schwarz-Straße, nach dem ehemaligen SPD-Kommunalpolitiker und Ehrenbürger.

Die Geschichte der Rathausvilla, der nächsten Station, wurde im Zusammenhang mit der Sanierung des Gebäudes bekannter. Das Ende des 19. Jahrhunderts als Praxissitz des Arztes Emil Börner gebaute Haus wurde frei, nachdem der Doktor sich finanziell verzockt hatte. „Er hatte Geld in England angelegt, als der Erste Weltkrieg begann, bekam er einen Herzinfarkt“, schilderte Blisch, wie es dazu kam, dass sein entfernter Vorgänger Jakob Lauck 1919 als erster Bürgermeister seinen Amtssitz in dem repräsentativen Gebäude einrichten durfte.

Gleich nebenan beginnt die sehr nüchterne Pflasterung des neuen Rathausplatzes. „Hier könnte noch mehr los sein“, findet Blisch. Die After-Work-Partys im vergangenen Sommer sieht er als positives Beispiel und Vorbild. „Es hat gezeigt, dass man auch hier etwas machen kann.“

Ein nicht allzu auffälliges Gebäude, das trotzdem wohl jedem Flörsheimer schon mal ins Auge gefallen ist, mit dem sie aber möglicherweise nicht so viel damit anfangen können, ist die 1839/40 wohl im Zusammenhang mit dem Bahnhof erbaute Marienkapelle an der Bahnhofstraße. Für ihren Erhalt wurde einst eine eigene Stiftung gegründet. Diese wurde 2023 als Unterstiftung in die Bürgerstiftung überführt, um den Zweck unter neuem Dach fortzuführen. Interessant an dem Gebäude ist, dass der eigentliche Zugang heute auf einem Privatgrundstück liegt und nicht benutzt werden kann.

Weiter ging es in den Stadtgarten. Hier verwies Blisch auf den Erfolg der Rosenstocksammlung, die seit der Umgestaltung hier entsteht. Die Stadt bietet nun Ehejubilaren an, anstatt der üblichen Ehrengabe beim bürgermeisterlichen Besuch, zwei sehr vornehme Gläsern, sich einen namentlich zugeordneten Rosenstock im Stadtgarten setzen zu lassen. „Das wird sehr gut angenommen“, betonte Blisch, der durchaus froh ist, wenn er bei eisernen Hochzeiten dem Jubelpaar nicht mehr Glas Nummer fünf und sechs überreichen muss.

Schließlich ging es zum Mainufer, mit kurzer Rast am Damm zu Fuße des Stadtgartens mit dem Weinprobierstand in Sichtweite. „Der Damm wurde nicht gegen Hochwasser gebaut, sondern als Schutz der Bahngleise vor Überspülung “, verdeutlichte der Bürgermeister, warum mit dem Bauwerk keine steigenden Fluten zu besiegen wären. Ausgerichtet früher auf ein statistisch alle 50 Jahre vorkommendes Hochwasser, laufen die Planungen bei der aktuellen Sanierung im Mainvorland auf einen Schutz vor einem 200-jährigen Ereignis hinaus – unterstützt durch das Schaffen von bisher fehlenden Retentionsflächen im Vorland.

Eingeplant ist, dass die Endstation des Rundgangs bei einem größeren Hochwasser versinkt: das Mainufergelände mit der Parkplatzfläche, die sich in der Endphase der Neugestaltung befindet. Im Laufe des Frühjahrs soll sich die Baustelle am Ufer zurückziehen, nur noch der Bereich des Berliner Brunnens bleibt länger erhalten, denn das Bauwerk muss gegen die ursprüngliche Planung neu aufgebaut werden.

„Bis in die 1960er-Jahre war dies kein Ort zum Verweilen“, erläuterte Blisch, dass die Flörsheimer die Aufenthaltsqualität eines Flussufers erst einmal entdecken mussten. Es war eher eine Nutz- und Nachen-Lagerfläche, an der heutigen Gänskippel-Grünfläche sei einst gar Müll abgelagert worden. Mit den Ölleitungen, die Shell durch den Bau seines Tanklagers am Mainufer verlegte und dafür alles umgrub, wurde die Chance erkannt, hier etwas Neues entstehen zu lassen.

Die Bäume, die dabei entlang des Ufers gepflanzt wurden, „hätte man nicht so hoch wachsen lassen dürfen“, erläuterte Blisch, dass sich dadurch die Wurzeln so stark ausbildeten, dass sie Verwerfungen auslösten. Meinungen, das Parkplatzgelände hätte man bei der Umgestaltung nicht wieder mit einer wassergebundenen Decke versehen sollen, sondern mit einer für das Überstehen von Hochwassern besser geeigneten aus Asphalt, widerspricht er: „Asphalt gehört in eine Stadt, aber nicht ins Vorland“, erläuterte er. Die alte Stadtmauer, die sich an der Bebauung teilweise noch zeigt, belegt für ihn, dass die Mainuferfläche nicht zum alten Stadtgebiet zählt – und so sollte es sich auch in der neuen Gestaltung widerspiegeln.

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