Es mag in Menschen wie Vereinsjahren rundere Jubiläen geben als ein 60. Jahrestag, aber zumindest eine Zwischenbilanz wollten die Chefs der Flörsheimer Bürgerstiftung dann doch zusammenstellen und präsentieren. Die Geschichte dieser Einrichtung ist schließlich recht beeindruckend. Bürgermeister Bernd Blisch als Vorsitzender der Bürgerstiftung und Christopher Naumann als Geschäftsführer gaben nun einen Überblick.
Dies nicht ohne Grund aus Anlass des 360. Verlobten Tages am Montag. Auch kein allzu rundes Jubiläum. Doch die Gründung der Bürgerstiftung im Jahr 1966 war eine Idee, die im Rahmen des Jubiläums des Verlobten Tages aufkam – 300 Jahre war das Versprechen zur jährlichen Ausrichtung des Gedenkens an die Pestepidemie des Jahres 1666 in jenem Jahr her.
Damit eine Stiftung Gelder in ordentlichen Mengen entsprechend den festgelegten Zwecken ausschütten kann, braucht sie vor allem eines: Einen sehr ordentlichen Grundstock, denn alleine dessen Erträge auf dem Finanzmarkt werden für die Zuwendungen verwendet. Das sind aktuell:
- 530.000 Euro für den Bereich Kultur
- 448.000 Euro für den Bereich Mildtätigkeit
- 50.000 Euro für den Bereich Natur
Dass der Bereich „Natur“ einen so viel geringeren Stock zur Verfügung hat als die anderen beiden Zwecke erklärt sich dadurch, dass es ein erst seit kurzem existierender Stiftungszweck ist. Zum Stiftungsgeld gehören auch materielle Werte, deren Gegenwert aber nur geschätzt werden kann und demnach 120.000 Euro entspricht. Es sind vornehmlich Kunstgegenstände aus der Zeit der Flörsheimer Fayence, von Thomas Reinelt gespendete Skulpturen und Landschaftsgemälde von Paul Weber.
„In den ersten 20 bis 30 Jahren kamen die Stiftungsgelder ausschließlich über Spenden herein, die am Verlobten Tag gesammelt wurden“, berichtete Bernd Blisch. Die katholische Kirchengemeinde sammelte im Gotteshaus mit dem Klingelbeutel die Kollekte ein, die Aktiven der Bürgerstiftung nach dem Gottesdienst auf der Straße und auf den Plätzen – ein Modell, das sich dann überholte.
Vor rund 20 Jahren gab es einen Schub, als der Energiedienstleister Mainova dazu überging, der Flörsheimer Bürgerstiftung Zuwendungen in Höhe von jährlich 20.000 bis 25.000 Euro auszuschütten. Die Beträge sollten allerdings nicht als Zustiftung verwendet werden, also nicht den Grundstock aufzubauen helfen, sondern direkt im Sinne der Satzung ausgegeben werden. Bald war der Mainova zudem der Werbeeffekt zu indirekt. Heutzutage investieren Unternehmen generell lieber im Rahmen eigener, besser zu vermarktender Aktivitäten.
Das Stiftungsgeld aufzustocken gelang in den vergangenen Jahren dank der eigentlich unerfreulichen Häufung von Auflösungen Flörsheimer Vereine. Die müssen in diesem Falle festlegen, welchen Zwecken das Vereinsvermögen zukommen soll. Vor allem der 2022 aufgelöste Verein „Für Flörsheim“, der Deutsch-Türkische Freundeskreis Flörsheim und zuletzt der Gesangverein Sängerbund, der seine vereinseigene Immobilie veräußerte, bedachten unter anderem die Bürgerstiftung großzügig mit Zuwendungen.
„Für Flörsheim“ bestimmte, dass die Bürgerstiftung von den Erträgen der Zustiftung einmal jährlich ehrenamtliches Engagement Flörsheimer Bürgerinnen und Bürger auszeichnet, mit bis zu 2.000 Euro Zuwendung an die Preisträger.
Der Gesangverein Sängerbund bedachte von den 50.000 Euro, die vom Vereinsvermögen zurückgehalten wurden, um eventuelle Nachforderungen begleichen zu können, den Musikverein Flörsheim, der von ihm die Gestaltung des Gedächtniskonzertes am Vorabend des Verlobten Tages übernommen hat, nun mit 15.000 Euro. Die Bürgerstiftung erhielt die restlichen 35.000 Euro. Dabei wählte der Sängerbund die Option, eine Zweckbindung der Spende auf den Bereich Mildtätigkeit festzulegen.
Generell ist es das Recht der Spender, den Verwendungszweck einzuschränken. „Gibt es keine Festlegung, wird der Betrag gedrittelt“, erläuterte Naumann. Ausgezahlt wurden seit 1966 insgesamt rund 600.000 Euro, die sich aus Zinserträgen und Spenden, die nicht als Zustiftung hereingekommen waren, zusammensetzten. Im Jahr 2025 wurden rund 14.500 Euro für den Bereich Kultur, 21.000 Euro im Bereich Mildtätigkeit (Soziales) und 14.000 Euro für Umweltprojekte ausgezahlt – eine vom jeweiligen Stiftungskapital also deutlich abweichende Verteilung.
Es gibt traditionelle Spendenempfänger der Bürgerstiftung, so die Lebenshilfe Main-Taunus, die in Flörsheim ein Wohnheim mit 22 auf Unterstützung angewiesenen Menschen betreibt, „die sind immer knapp bei Kasse“, erläutert Blisch. In den jüngsten Jahren kam die Ukraine-Unterstützung hinzu. Spenden können mit dieser Zweckbestimmung an die Bürgerstiftung überwiesen werden, mit dem Geld werden vor allem Materialkosten der Aktiven erstattet.
Bis zu einem Betrag von 2.000 Euro kann der Stiftungsvorstand ohne Absprache mit dem Stiftungsrat Gelder vergeben, der nur zweimal im Jahr tagt. Weder der Vorstand noch der Stiftungsrat begeben sich aktiv auf die Suche nach Bedürftigen für eine Unterstützung durch die Bürgerstiftung. „Es muss schon so sein, dass die Leute zu uns kommen und sagen, wir brauchen dies und das“, betonte Naumann.
Im Bereich Soziales flossen Gelder (aus Mainova-Zuwendungen) in Defibrillatoren, die im Rathaus, der Stadthalle und im Flörsheimer Keller seither im Falle des Falles Leben retten könnten. Auch die Galluskonzerte, Veranstaltungen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (CJZ), oder die Streetart-Projekte wurden durch Mittel der Bürgerstiftung unterstützt.
Im Bereich Umwelt waren es das Green Team der Sophie-Scholl-Schule und die Baumpflanzaktionen wie das gut angenommene Projekt Kinderobstwiesen. Die Bürgerstiftung hat zudem anlässlich des 360. Verlobten Tages das Programm „(D)Ein Baum für Flörsheim“ aufgelegt, mit dem Ziel, 36 zusätzliche Bäume im Stadtgebiet zu pflanzen. Mit dem Straßen- und Grünflächenamt wurden die Standorte ausgesucht. Gegen eine Spende von 180 Euro dürfen die Interessierten sich als Paten eines Baums bezeichnen. soweit gewünscht samt Patenschild. Nähere Infos unter www.flörsheimer-bürgerstiftung.de.
Der Vorausblick auf die Entwicklung der Erträge und Zuwendungen fällt dem Vorstand schwer. Es ist nicht zuletzt Zeitgeist, ob und in welcher Form die Bürgerinnen und Bürger Spenden einreichen. „Es war 1966 zweifellos eine gute Idee, das mit dem Verlobten Tag zu verbinden“, sagte Blisch. Heute würde es nicht mehr funktionieren, die Menschen auf der Straße anzusprechen und zu überzeugen, ihnen fremden Gesprächspartnern Geld zuzustecken. Es kommen heute vermehrt zweckgebundene Spenden herein, so etwa für die Aktion „Stolpersteine“. Die Vereine könnten solche Zuwendungen natürlich auch selbst entgegennehmen, die Bürgerstiftung ist in diesem Fall nur eine Durchgangsstation. Die Möglichkeiten der Bürgerstiftung hängen entscheidend von der Höhe des Grundstocks und dessen Zinserträgen ab, die eigentlich steigen müssen, um inflationsbereinigt das Zuwendungsniveau zumindest zu halten.


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