Mitte der vergangenen Woche glichen die Städte und Gemeinden des Main-Taunus-Kreises zuweilen Geisterstädten. Die öffentlichen Thermometer zeigten insbesondere am 26. und 27. Juli nachmittags Temperaturen an, die man dort sonst so gut wie nie ablesen kann: 39 Grad, 40 Grad...und die persönliche Wahrnehmung dieser kuriosen Hitze deckte sich mit den nackten Zahlen. Diese trockene Wärme (der letzten Regen lag ja schon eine ganze Weile zurück) trocknete schlagartig Haut und Schleimhäute aus. Wer aus einem klimatisierten Gebäude heraus auf die Straße trat, fühlte sich in etwa so, als hätte er in der Küche gerade den laufenden Backofen geöffnet und würde hineinschauen.
Diese Rekordhitze war zweifellos unangenehm. Und sie erwies sich als echter "Straßenfeger": Wer nicht unbedingt raus ins Freie musste, verbarrikadierte sich lieber vor dem laufenden Ventilator - oder noch besser bei brummender Klimaanlage - in den eigenen vier Wänden. Wenn das Sommerwetter den Bogen derart überspannt, bleibt innerorts nichts übrig von einer lebendigen, fröhlichen Ferienatmosphäre. Die Bürgersteige waren menschenleer, die Rolläden allesamt runtergelassen, die Spielplätze waren verwaist. Das soziale Leben in den normalerweise stark frequentierten Ortskernen kam zum Erliegen. Manch einer bekam sogar halbwegs "hitzefrei": Die Krifteler Filiale der Taunus-Sparkasse in der Frankfurter Straße verzichtete auf ihren sonst üblichen "langen Donnerstag" und beendete ihren Geschäftsbetrieb, wie an den anderen Werktagen, bereits um 16 Uhr. Viel Kundschaft wird davon kaum Notiz genommen haben - bei diesem Wetter hatte man andere Sorgen als spätnachmittagliche Bankgeschäfte.
Wer an den heißen Tagen früh morgens zu Fuß in Kriftel unterwegs ist, wird vielleicht schon bemerkt haben, dass manche Grünflächen bereits pitschnass sind - ohne vorherigen Regen. Vielerorts können die Mitarbeiter des Betriebshofs bei der Grünflächenpflege beobachtet werden.
Seit Wochen ist es in der Region schon sommerlich heiß, geregnet hat es im Frühjahr zu wenig und auch in den letzten Wochen waren Niederschläge leider Mangelware. Um der anhaltenden Trockenheit entgegenzuwirken und eine Schädigung der Pflanzen so gut es geht zu verhindern, werden in Kriftel öffentliche Grünflächen, Beete und Blumenkästen intensiv bewässert. Und bei besonders starker Hitze sind solche Maßnahmen freilich auch besonders wichtig.
Für Heiner May, Geschäftsführer der Krifteler Tropica Raritätengärtnerei GmbH, bedeutete die Hitzewelle die Einleitung vieler besonderer Maßnahmen - sowohl zum Wohle seiner Mitarbeiter, als auch zum Schutz der in den Geschäftsräumen ausgestellten Pflanzen.
Gerade ein Gewächshaus will eigentlich warm sein. Gewächshäuser sind so konzipiert, dass sie sich besonders schnell aufheizen. Da Pflanzen jedoch ab Temperaturen von 42 Grad oder darüber schnell Schaden nehmen können - selbst dann, wenn sie aus dem mediterranen Raum stammen - muss auch eine gute Lüftung zur Temperaturregulierung gewährleistet sein. Deshalb dienen etwa 50 Prozent des Dachs der Tropica Raritätengärtnerei der Abluft. Wenn die Außentemperatur jedoch über 40 Grad beträgt, funktioniert dieses Prinzip nicht mehr. Dann herrschen im Gewächshaus schnell Wärmeverhältnisse wie in einer Sauna. 45 Grad sind so schnell erreicht. So tritt der seltene Fall ein, das die Räume zusätzlich durch Gardinen schattiert werden müssen.
Auch Menschen verursachen Wärme, und sie leiden selbst darunter. An besonders heißen Tagen gehen weniger Leute als sonst einkaufen. Dieser Umstand ermöglichst es Silvia und Heiner May, ihren Tropica mit einer stark reduzierten Personaldecke zu führen. Bei 40 Grad bestand die Notbesetzung zuweilen nur noch aus fünf Mitarbeitern: Einer an der Kasse, zwei Gärtner standen zur Kundenberatung bereit und zwei weitere führten das hauseigene Café. Ältere und hitzeempfindlichere Kollegen bleiben bei dieser Rotation außen vor. Dazu kommt dann nur noch der Chef in seinem klimatisierten Büro - eine Vollklimatisierung des ganzen Geschäfts wäre ein Kampf gegen Windmühlen.
Im Café ließ man sich zur Wärmeregulierung von Urlaubsreisen in die Tropen inspirieren: Zahlreiche große Deckenventilatoren sorgen dort für permanente Bewegung in der Luft. "So lässt es sich auch bei 40 Grad gut aushalten", stellt Heiner May fest. Aber generell ist halt auch einfach weniger los. Stammkunden kommen gerne weiterhin ins Café, kurzentschlossene Hitzeopfer steuern jedoch eher spontan Eisdiele oder Schwimmbad an.
Für die tierischen Bewohner der Tropica Raritätengärtnerei ist die Hitze auch eine ungewohnte Situation: Die Papageien werden tagsüber regelmäßig mit Wasser eingesprüht. "Dabei fühlen sie sich pudelwohl", freut sich Heiner May. Normalerweise seien sie eher scheu, bei dieser Gelegenheit kommen die Vögel jedoch bereitwillig an den Rand des Käfigs und genießen die nasse Abkühlung. Auch Schattenspender sind für sie im Einsatz.
Nachts kühlen die Räumlichkeiten zum Glück auch besonders schnell ab. Deutlich schneller als Privatwohnungen und -häuser, denn es findet keine Wärmespeicherung im Mauerwerk statt. So erreicht das Klima im Gewächshaus schnell das kühle Niveau der Nacht im Freien.
Was nicht nur Heiner May auch in diesem Sommer wieder vermisst ist ein gesundes Niederschlagsniveau. "Wir brauchen Regen, Regen, Regen", stellt er besorgt fest. An besonders heißen Hitzetagen benötigt man rund 30.000 Liter zum Gießen. Die hauseigenen Vorratstanks für Regenwasser haben ein Fassungsvermögen von 300.000 Litern. Der letzte größere Regenguss ist schon eine Weile her, und nach der jüngsten Hitzewelle sind die Tanks nun so gut wie leer. Eine notwendige Umstellung des Gießens auf Leitungswasser ist nicht gut für die Umwelt, teuer und zudem schlechter für die Pflanzen als eine Bewässerung mit Regenwasser.
"Es war ein völlig anderer Ablauf als normal", so Susanne Peschke, die Leiterin der sozialen Betreuung im Kursana Domizil Kriftel. Das übliche Betreuungsangebot im Seniorenheim war stark eingeschränkt, es war viel mehr Einzelbetreuung nötig als sonst. Bewohnern wurden ständig Teller mit Melone und eisgekühlte Getränke gereicht. Laufende Ansprache der Bewohnerinnen und Bewohner durch die Pflegekräfte war gefragt, die Menschen wurden über die Hitze und notwendige Verhaltensweisen informiert und laufend zum Trinken aufgefordert. Einladende Getränkeinseln überall im Gebäude sollen die Flüssigkeitsaufnahme zusätzlich ankurbeln.
Das Kursana Domizil ist nicht klimatisiert. Generell ist dies bislang in Deutschland leider noch nicht üblich. Die Betreiber des Kursana Domizils Kriftel sind Pächter, sie stehen diesbezüglich mit dem Besitzer in Kontakt. "Sinnvoll wäre es schon", so Peschke. Eine stabile Klimatisierung wäre auch wichtig für die Medikamente. "Wenn es so bleibt, wird das ein Thema", stellt Susanne Peschke in Hinblick auf die steigende Häufigkeit extremer Hitzeperioden in Deutschland fest.
Silke Schwenn vom Freibad Hattersheim äußerte sich recht gelassen zu den jüngsten Hitzetagen. Für die Ferienzeit war schon viel los, es waren die besucherreichsten Tage seit der letzten Hitzewelle in der Woche vor den Sommerferien. Dank der Ferien sind aber auch stets viele Hattersheimer gerade verreist, deshalb nahm der Ansturm auf das Freibad nicht komplett Überhand. Hitze und Trockenheit hinterlassen aber dennoch ihre Spuren: Der Rasen ist schnell sehr trocken, und die Bäume zeigen zuweilen schon dunkle Blätter.
Auch in Kriftel stand das Parkbad in den heißesten Stunden der 40-Grad-Tage in krassem Kontrast zum übrigen Ort: Begegnete man sonst im Freien kaum einer Menschenseele, war selbst der Ausweichparkplatz für das Parkbad im Freizeitpark schon am frühen Nachmittag brechend voll. Wer sich nicht in die kühlste Ecke der eigenen abgedunkelten Bude verkroch oder in einem klimatisierten Supermarkt abkühlte, steuerte bevorzugt das Schwimmbad an.
Das Leben im Main-Taunus-Kreis richtete sich an diesen Tagen in jeder Hinsicht an den extremen Hitzeverhältnissen aus.
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