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„Auch politisch ein Statement setzen“

Mahnwache für Deniz Yücel vor der Stadthalle – Politik fordert offene Diskussionskultur

Rund 100 Bürger und viele Journalisten deutscher und türkischer Medien nahmen an der Mahnwache für Deniz Yücel am Dienstagabend, 14. März, auf dem Stadthallenvorplatz teil.
(Foto: R. Dörhöfer)

FLÖRSHEIM (drh) – Ganze Herrscharen an Journalisten tummelten sich am Dienstagabend, 14. März, auf dem Stadthallenvorplatz. Grund: Die Stadtverordnetenversammlung hatte zur Mahnwache für den in Istanbul inhaftierten, in Flörsheim geborenen Journalisten Deniz Yücel aufgerufen. „Deniz Yücel wird völlig zu Unrecht festgehalten. Er ist kein Terrorist. Er hat als kritischer Journalist nur über das berichtet, was er gesehen und gehört hat“, so beschrieb Bürgermeister Michael Antenbrink die Situation.

Gut 100 Menschen waren zur Mahnwache gekommen, um ein Zeichen für Deniz, aber auch für alle anderen zu Unrecht inhaftierten Journalisten zu setzen. „In der Türkei werden die Grundrechte zur Zeit mit Füßen getreten“, so Antenbrink, der persönlich zwar keine Angst vor einem Urlaub in der Türkei habe, aber Verständnis dafür hat, dass sich die Freunde der Partnerstadt Güzelbahce nicht öffentlich äußern. „Wir sprechen am Telefon und auch im E-Mail-Verkehr keinerlei politische Themen an. Das ist so vereinbart“, erklärte Antenbrink.

Für Dr. Bernd Blisch, der für die CDU-Fraktion das Wort am Mikrofon ergriff, ist eine Partnerschaft, in der es nur um das gemeinsame Feiern und gemeinsame Essen und Trinken gehe, zu wenig. „Vor fünf Jahren hätte ich selbst nicht geglaubt, dass Städtepartnerschaften in Europa noch einmal zu einem solch wichtigen Zeichen werden“, sagte Blisch, der sich wünscht, dass Flörsheim seine Städtepartnerschaften nutzt, um auch politisch ein Statement zu setzen. „Schauen wir gemeinsam auf die Entwicklungen in unseren Ländern. Setzen wir ein kleines Zeichen als Stadtgesellschaft an die große Politik“, so Blisch, der über eine offene Diskussionskultur zeigen möchte, was eine Partnerschaft im 21. Jahrhundert bedeutet. 

Blisch erinnerte in seiner Ansprache auch an Jakob Altmaier. Der Flörsheimer Bürger Altmaier sei als jüdischer Journalist verfolgt worden, so dass er fliehen musste. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland habe er großen Einfluss auf die Nachkriegspolitik ausgeübt. 1954 ernannte Flörsheim Altmaier zum Ehrenbürger der Stadt. 

Marion Eisenmann-Kohl sprach sich für die SPD-Fraktion allgemein für die Achtung von Presse- und Meinungsfreiheit aus, und Carola Gottas fragte für die GALF, ob es bei der Mahnwache nur um Deniz Yücel oder auch um die allgemeine Presse- und Meinungsfreiheit gehe. Deniz Yücel sei in Flörsheim aufgewachsen, habe sich früh politisch interessiert und sich eingebracht. „Ich gehe davon aus, dass einige Politiker in Flörsheim froh waren, als Deniz nach Berlin gegangen ist. Er ist ein mutiger Journalist, der nicht davor zurückschreckt, unbequeme Fragen zu stellen. Was er allerdings nicht ist, ein Spion und auch kein Terrorist“, so Gottas, die ihre Rede mit dem Ausruf „Lasst Deniz frei und auch die anderen Journalisten!“ schloss. 

Deniz Yücel Schwester Ilkay konnte ihren Bruder vor einer einer Woche für eine Stunde im Gefängnis besuchen. „Meinem Bruder geht es soweit gut. Er lässt Sie alle grüßen. Es freut ihn sehr, dass man ihn nicht vergisst“, so die Schwester. 

Bürgermeister Antenbrink verlas zum Ende der Mahnwache eine Botschaft, die Professor Dr. Walter Simon der Familie Yücel zukommen ließ. Simon bezeichnet die Lage von Yücel als „Haftgrund-Konstruktion“. Bürgermeister Michael Antenbrink wünscht sich, dass Yücel bis zum 14. des Monats freigelassen wird und so keine weitere Mahnwache nötig sein sollte. „Vermutlich wird die Türkei aber erst nach der Volksabstimmung am 16. April wieder zur Normalität finden“, sagte Antenbrink.

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