Erinnerung, Verantwortung und der Blick auf die Gegenwart prägten die Gedenkveranstaltung am Dienstag in Flörsheim. Am internationalen Holocaust-Gedenktag wurden an drei Stationen im Stadtgebiet sechs neue Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Initiiert wurde das Gedenken vom Verein Stolpersteine Flörsheim. Schülerinnen und Schüler gestalteten die Enthüllungen mit biografischen Beiträgen, Musik und eindringlichen Worten gegen das Vergessen.
Auftakt war am späten Vormittag in der Kloberstraße 2. Dort begrüßte die Vereinsvorsitzende Martina Eckert die Anwesenden. Für den musikalischen Rahmen sorgten Schülerinnen und Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums unter der Leitung von Musiklehrer Bernhard Frank. Im Mittelpunkt der ersten Station stand die Biografie von Rosa Schwarzschild, die von Schülerinnen und Schülern der Sophie-Scholl-Schule vorgestellt wurde.
Bürgermeister Bernd Blisch erinnerte in seiner Ansprache an die historische Bedeutung des 27. Januar, der an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im Jahr 1945 erinnert und seit 1996 nationaler sowie seit 2005 internationaler Gedenktag ist. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand, so Blisch, werde die NS-Zeit für viele zu einem historischen Thema – Zeitzeugen gebe es kaum noch, Erinnerung drohe abstrakt zu werden.
Gerade deshalb sei das Gedenken heute wichtiger denn je. Der Bürgermeister schlug den Bogen zur Gegenwart und verwies auf den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 sowie auf die Entwicklungen danach – auch in Deutschland. Antisemitische Parolen auf Straßen und an Universitäten zeigten, dass Judenhass, Ausgrenzung und Verfolgung keine überwundenen Phänomene seien. Der Gedenktag, so Blisch, fordere dazu auf, Haltung zu zeigen. Die Frage früherer Generationen „Was habt ihr dagegen getan?“ richte sich heute an uns selbst. Mit persönlichen Lebensgeschichten, so Blisch, holten die Stolpersteine einzelne Schicksale aus der anonymen Zahl der Millionen Ermordeten heraus und machen sie begreifbar.
Der zweite Halt führte in die Hospitalstraße 16. Dort erinnerten die Jugendlichen an Carola Wolf, geborene Schwarzschild. Sie wurde 1917 geboren, heiratete früh und floh mit ihrem Mann Philipp Wolf 1938 in die Niederlande. Doch auch dort war die Familie nicht sicher. 1943 wurden Carola Wolf, ihr Mann und die gemeinsame Tochter Rosa deportiert und am 10. September 1943 in Auschwitz ermordet. Carola Wolf wurde 26 Jahre alt, ihre Tochter vier. In einem szenischen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart ließen die Schülerinnen die Opfer selbst zu Wort kommen – leise, eindringlich und ohne Pathos.
Die dritte Station lag in der Plattstraße 39. Hier wurden Stolpersteine für Mitglieder der Familie Hecht enthüllt: Harald Heinz Hecht, Helene Hecht, geborene Altmaier, Karolina Hecht, geborene Herrscher, sowie Leopold Hecht. Hier wurden die Biographien der Familie Hecht von Schülerinnen und Schülern des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums vorgestellt, bevor die Patenschaftsurkunden an die Kolpingfamilie, den Sängerbund Flörsheim 1847, Bernd Klabunde, Klaus-Peter Harth und das Ehepaar Laurent übergeben wurden.
Am Ende der Gedenkveranstaltung stand kein lauter Appell, sondern ein stilles Innehalten. Die Stolpersteine, so der Tenor, sollen im Alltag zum Anhalten zwingen – auf Wegen, die viele täglich gehen. Sie tragen Namen, Daten und Geschichten zurück ins Stadtbild und machen deutlich: Diese Menschen gehörten hierher. Und sie dürfen nicht vergessen werden. Weitere Informationen sind auf der Webseite www.stolpersteine-floersheim.de erhältlich.


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